trauma - © iStock / Nikolay Malshakov

Transgenerationale Traumata: Zurück in der Vergangenheit

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Der gegenwärtige Krieg in Europa reißt alte Wunden wieder auf. Transgenerationale Traumata beschäftigen bis zu vier Folgegenerationen. Doch für Psychotherapie fehlt das Geld.

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Der gegenwärtige Krieg in Europa reißt alte Wunden wieder auf. Transgenerationale Traumata beschäftigen bis zu vier Folgegenerationen. Doch für Psychotherapie fehlt das Geld.

„Bis heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich das tiefe Brummen von Flugzeugen höre“, erzählt Maria Weidinger*, eine 83-jährige Wienerin. Mit fünf Jahren erlebte sie Plünderungen durch die zur Befreiung kommenden Russen und musste vom Tullnerfeld nach Wien fliehen. 78 Jahre ist es her. Doch nun sind die Ängste zurück.

Seit Anbruch der Covid-19-Pandemie sind psychische Belastungen allgegenwärtig. Viele Studien verweisen auf Sorgen und Ängste, die vor allem junge Menschen empfinden. Nun belastet der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine in Form gesteigerter Lebenserhaltungskosten und Energieknappheit. Doch vor allem innerlich ruft der russisch-ukrainische Krieg tiefe Ängste wach. Transgenerationale Traumata zeichnen dafür verantwortlich, dass nicht nur die über 75-Jährigen, sondern auch die dritte und die vierte Generation des Zweiten Weltkrieges von jenen traumatischen Erfahrungen betroffen sind, die eigentlich nur die Älteren selbst erlebt haben.

„Im Leben meiner Eltern herrschte ständig Angst. Jede kleinste Erkrankung oder Veränderung der Lebensumstände wurde als Bedrohung erlebt“, erzählt Sonja Puchner*, deren Eltern von der Entwurzelung durch die „Kinderlandverschickungen“ sowie dem Verlust des Heimatlandes geprägt waren. Auch sie spüre eine nicht nachvollziehbare Angst um ihren Sohn, die sie belaste. Was für Puchner nicht nachvollziehbar scheint, wirkt für die Lebens- und Sozialberaterin Petra Kuba naheliegend. Kuba arbeitet mit Menschen, die beobachten, dass sich in ihrem Leben immer gleich ablaufende, negative „Muster“ in sozialen Beziehungen oder am Arbeitsplatz wiederholen. Meist kommen ihre Klienten mit Problemen in die Beratung, die vorerst keinen unmittelbaren Zusammenhang zu früheren Traumatisierungen vermuten lassen. Oft seien dann vor allem rational unerklärliche starke Emotionen von jüngeren Menschen ein Hinweis auf ein transgenerationales Trauma, erklärt die Beraterin.

Alte Wunden des Nationalsozialismus

Die Ursachen dieser Ängste liegen in der Zeit ihrer Groß- und Urgroßeltern, denn Kriegskinder waren dem Zweiten Weltkrieg nicht nur schutzlos ausgeliefert, auch zählten sie zur sogenannten vaterlosen Gesellschaft. Viele alleinerziehende Mütter konnten aufgrund von Fluchterfahrungen oder Massenvergewaltigungen nicht mehr auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen. Als traumaverstärkend kam noch die NS-Erziehungsideologie von Johanna Haarer dazu, nach der Millionen Kinder erzogen wurden. Unter dem Deckmantel von Erziehungsratgebern vermittelte Haarer nationalsozialistische Maxime wie Ordnung, Sauberkeit, Abhärtung und absoluten Gehorsam zur Schaffung des verfügbaren Menschen. Als fünffache Mutter entsprach sie vollkommen dem gewünschten Frauenbild der NS-Ideologie. Die Folgen dieser Geschehnisse sind psychische Belastungen. Sie ziehen sich bis heute.

Unverarbeitete Traumata von Familienmitgliedern, Gemeinschaften oder Gruppierungen werden auf epigenetischen – also in der DNA verwurzelten und vererbten – Wegen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Aktuelle Ereignisse wie Geräusche oder Gerüche wirken dabei wie Trigger, die die unbewussten Erinnerungen aktivieren. Der Bezug zum gegenwärtigen Moment geht dabei verloren. Ohnmacht, Angst und Panik gewinnen die Oberhand. „Bei einer Reaktivierung wird ein bereits erlittenes Trauma gefühlsmäßig noch einmal durchlebt“, so Petra Kuba.

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