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Über Frauenalltag und -ängste in Wien

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Die Ausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum - Frauenalltag in der Stadt" im Wiener Messepalast zeigt, wie Frauen leben: oft mehr schlecht als recht und ohne einflußreiche Lobby im Hintergrund. Leben Frauen in der Stadt anders als Männer, wenn es doch genau dieselbe Stadt ist?

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Die Ausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum - Frauenalltag in der Stadt" im Wiener Messepalast zeigt, wie Frauen leben: oft mehr schlecht als recht und ohne einflußreiche Lobby im Hintergrund. Leben Frauen in der Stadt anders als Männer, wenn es doch genau dieselbe Stadt ist?

Die Zahlen, die in der Ausstellung „Wem gehört der öffentliche Raum -Frauenalltag in der Stadt" gesammelt sind beweisen es: Frauen leben anders. Sie benutzen beispielsweise andere Verkehrsmittel als Männer. Von 100 (statistischen) Fußgängern sind 64,1 Frauen (35,9 Männer), 58,8 benutzen öffentliche Verkehrsmittel (bei den Männern sind es 41,2). Mit dem Auto fahren hingegen nur 38,2 Frauen von 100 Autolenkern, der Rest (61,8) sind Männer. Beim umweltfreundlichen Fahrrad sieht die Verteilung übrigens ähnlich aus.

Trockene Statistiken, fade Zahlenspielereien? Nein, denn in einer Welt in der eine Gegebenheit erst dann als wahr angenommen wird, wenn sie statistisch bewiesen ist, müssen eben Zahlen der alltäglichen Wahrnehmungsfähigkeit zu Hilfe kommen. Und sie sind alltäglich wahrzunehmen, Frauen, die mit den Lebensbedingungen in der Stadt Schwierigkeiten haben.

Wer kennt sie nicht, die Muttermit Kinderwagen (vielleicht noch mit Einkaufstasche oder einem zweiten Kind an der Hand), die etwas verloren dasteht in einer U-Bahnstation, ohne Rolltreppe, ohne Lift? Und die alte Frau, die vergeblich versucht, bei Grün über die Kreuzung zu kommen, weil die Ampel so kurz geschaltet ist?

Auch dazu wieder ein paar Zahlen: in der Josefstädter Straße gibt es eine Kreuzung, an der die Fußgänger ganze neun Sekunden lang grün haben (die Autos 90 Sekunden lang). Eine alte Frau braucht aber rund 30 Sekunden, um über diese Straße zu kommen. Und: 77 Prozent aller Wiener über 75 sind Frauen.

Manche lösen das Problem auf ihre Art: Schätzungen zufolge verlassen mehr als 50.000 Frauen ihre Wohnung nicht mehr. Der Stress ist ihnen zu groß.

Lauschiges Grün?

In der Ausstellung geht es aber nicht nur um Verkehrsprobleme, auch Themen wie sexistische Werbung oder Angst vor Gewalttaten werden behandelt, letzteres auch in Form einer Tondiaschau und eines Videos. Dabei wird deutlich, wie etwa tagsüber lauschige Grünanlagen in der Dunkelheit schlichtweg gespenstisch wirken. Von manchen Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel ganz zu schweigen. Die sind oft auch bei Tag unerträglich.

Dias und Video sind übrigens nicht nur inhaltlich, sondern auch künstlerisch interessant, ebenso wie die fotografischen Protokolle der Tagesabläufe von acht verschiedenen Frauen: einer Schülerin, einer Ausländerin, einer Rollstuhlfahrerin, einer Mutter von drei Kindern und sofort. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen wird gezeigt, wie Frauen so ihren Alltag verbringen und welche Probleme es da zu bewältigen gilt, Einsamkeit, Nachtdienst und so weiter.

Entstanden ist die Ausstellung aus einer Veranstaltung der Zukunftswerkstätte der SPÖ im Herbst 1989. Von da an trafen sich Frauen, die entweder direkt beim Wiener Magistrat oder in dessen Umfeld arbeiten, um sich mit Frauenproblemen in der Großstadt zu beschäftigen.

Frauenängste

Die Idee zu einer Ausstellung reifte und stieß bei den Stadträten Christine Schirmer und Hannes Swoboda auf offene Ohren. „Unsere männlichen Kollegen haben aber schon gemeint, ,soein Blödsinn, jetzt begebt ihr euch wieder in diese banale Kinderwagenperspektive'", erzählt die Stadtplanerin Jutta Kleedorfer, eine der Gestalterinnen.

Für sie ist das Ziel der Schau nicht, fertige Ergebnisse zu liefern, sondern zum Nach- und Umdenken anzuregen. Denn: Frauen finden sich viel zu schnell ab. Dabei hat sich für die Frauen viel verändert im Lauf der letzten Jahrzehnte - zumindest auf dem Papier. „Die Frauen haben seit der Jahrhundertwende sehr viel an theoretischer Freiheit dazugewonnen, aber es gibt oft keinen Platz, um diese Freiheit zu leben", meint Kleedorfer.

Allen, die aktiv etwas verändern wollen, rät sie, einfach die Bezirksvertretungen anzurufen oder anzuschreiben, wo es unüberwindliche Gehsteigkanten oder angsteinflößende Stellen gibt. Oder die MA 46, zuständig für Verkehrssicherheit, zu informieren. Denn: „Sowas nützt schon, besonders vor Wahlen."

Die Ausstellung ist noch bis 27. Oktober von Dienstag bis Freitag zwischen zehn und 19 Uhr zu besichtigen, Eintritt frei.

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