Wir alle kennen den 08/15-Spruch zur Beruhigung der Ängste vorm Fliegen, vorm Bungee-Jumpen oder gar vor einer Operation. Er heißt: "Das ganze Leben ist ein einziges Risiko. Bis jetzt sind noch alle daran gestorben." Stimmt. Dennoch ist nicht jedem von uns das gleiche Quäntchen Risiko zugedacht. Es reicht vom existentiellen Risiko bis zum Risiko, im Flugzeug wieder den Mittelplatz zwischen zwei Dickleibigen zu bekommen, wieder mit Liebeskummer übrig zu bleiben oder mit leerem Tank auf der Südautobahn zu stehen.

Den Umgang mit derlei Alltagsrisken beobachten Versicherungen sehr sorgfältig. Sie studieren unsere Lust an Herausforderungen und unser Bedürfnis nach Sicherheit. Wahrscheinlich weiß niemand sonst so gut über unser Leben bescheid.

Und so gehen Versicherungen davon aus, dass zahlreiche Gefahren für den Einzelnen wirtschaftlich nicht tragbar wären und unter Umständen sogar bis zu seinem Ruin führen können. Sie selbst hingegen bündeln gleichartige Risken und machen sie aufgrund der großen Zahl und der langen Laufzeit kalkulierbar. Für dieses Gefühl der Sicherheit zahlen wir mehr als 150 Milliarden Schilling im Jahr. Pro Kopf macht das immerhin 18.653 Schilling aus. Davon fließt fast jeder zweite Prämien-Schilling zu den vier big playern: Wiener Städtische, Uniqa, Generali und Allianz.

Kunden wollen Nähe Versichern ist eigentlich ein Heimspiel: 64 Gesellschaften haben ihren Hauptsitz in Österreich, 13 haben eine Zweigniederlassung hier. Beim Finanzministerium gemeldet sind zwar weit mehr als 100, tatsächlich buhlen aber nur zehn Anbieter aus dem Ausland um Kunden. Mit einem Anteil am Prämienvolumen von lediglich 0,53 Prozent spielen sie allerdings eine absolute Nebenrolle. Warum? Für kleinere Unternehmen zahlt sich die Anpassung an die Gesetze und die Übersetzung der Vertragsbedingungen einfach nicht aus, und europäische Konzernriesen wie Allianz, AXA oder Generali sind ohnehin längst im Land. Aber vor allem fordern die Kunden die Nähe ihres Versicherers. So verlockend können niedrige Euro-Preise ausländischer oder virtueller Internet-Anbieter (momentan) gar nicht sein - im Schadensfall will niemand langwierig Kontakt suchen, möglicherweise auch noch in einer fremden Sprache.

Aber Schäden gehören nun einmal zum Versichern wie die Butter aufs Brot. Als Ersatz für kaputte Kaffeekannen, zerbeulte Autos oder abgebrannte Kuhställe bekommen die Versicherten aus der Sparte Schaden- und Unfallversicherung mehr als 50 Milliarden Schilling wieder zurück. Für die erste Klasse im Spital zahlen die Versicherungen knapp 12 Milliarden Schilling. Aus der Lebensversicherung fließen - im Glücksfall an den Versicherten selbst, im Trauerfall an seine Hinterbliebenen - mehr als 40 Milliarden Schilling.

Das Leben ist eben lebensgefährlich. Das wußte bereits Erich Kästner. Für Versicherungen muss es obendrein berechenbar sein. Schon beim Schrei hat jedes Baby seine Lebenserwartung - je nachdem ob es krank zur Welt kommt oder gesund, ob es ein Bub oder ein Mädchen ist. Dank Gauß und seiner Normalverteilung können wir aber sicher sein, dass die meisten von uns irgendwo in die durchschnittliche Mitte fallen (und damit die Rechnung für Versicherungen unterm Strich wieder stimmt).

Was uns in die Wiege gelegt wird, steckt im genetischen Mix. Da gibt es welche, die bekommen besonders gute Karten. Denen wird das Leben durch Begabung und Gesundheit erleichtert. Dann gibt es andere, die halten wirklich schlechte Karten. Die leiden an hohem Blutdruck, Krebs oder werden durch andere Handicaps behindert.

Bisher wussten die Menschen nie genau, welche Karten, besser gesagt Gene, sie in Händen halten. Heute jedoch können Gentests das Krankheits-Risiko eines Menschen aufschlüsseln. Großbritanniens Versicherer bekommen nun als erste weltweit das Recht, die Tests ihrer Kunden einzusehen. Bis jetzt dürfen sie zwar nur die Auskunft über die tödliche Gehirnerkrankung Huntingtonsche Chorea bekommen, die moralische Diskussion ist aber bereits voll entbrannt. Tests für sieben weitere tödliche Krankheiten sind bereits in Gebrauch.

Gentests als Regel?

Konsumenten- und Datenschützer befürchten nun, dass ohnehin Benachteiligte auch noch mit höheren Prämien bestraft werden und Versicherungskonzerne in Gentests nur noch eine weitere Möglichkeit entdecken, sich von schlechten Risken zu trennen. Ohne Kenntnis von solchen Krankheiten sagen Versicherungsunternehmen wiederum den völligen Zusammenbruch des Lebensversicherungsmarktes voraus: Dann könnten Menschen, die wissen, dass sie bald sterben müssen, extra hohe Polizzen abschließen - entweder, um Hinterbliebenen zu versorgen, oder, um ihren Versicherungsvertrag zu verkaufen und das Geld noch rasch selbst ausgeben. Das ist in Großbritannien durchaus üblich, gibt es doch einen großen Markt für diese "gebrauchten Lebensversicherungen".

Nicht so in Österreich. Es gibt zwar strenge Datenschutzbestimmungen, die Sparte Lebensversicherung - besonders der Bereich private Rentenvorsorge - ist aber lang nicht so bedeutend wie im angloamerikanischen Raum. Grund dafür war das von der Politik lange Zeit als absolut gesichert verkaufte staatliche Pensionssystem, das mit Pensionsansprüchen um die 80 Prozent des Letztbezuges zur weltweit großzügigsten Altersversorgung zählt.

Erst seit wenigen Jahren, nach ersten zögerlichen Reformschritten, macht sich in der Bevölkerung Skepsis breit. Laut einer Fessel-Gfk-Umfrage glauben plötzlich nur mehr vier Prozent der Befragten, dass der Status quo gesichert bleibt. 95 Prozent der heute 20- bis 54jährigen gaben sogar an, eigene Vorsorgemaßnahmen treffen zu wollen. Viele tun es bereits. Das spiegelt sich im Wachstum der privaten Rentenversicherung nieder: Hier stiegen die Prämien im Vorjahr um 50 Prozent auf zwölf Milliarden Schilling.

Schaut man über die Grenze, wirken die Beträge lächerlich gering: ein Schweizer gibt umgerechnet 50.623 Schilling pro Jahr für Lebensversicherungen aus, ein Brite 31.716, ein Österreicher aber nur 8.440 Schilling. Selbst Franzosen und Finnen zahlen doppelt so viel für ihre private Altersvorsorge. Im Durchschnitt der Europäischen Union liegt Österreich weit abgeschlagen auf Platz elf.

"Hochsicherheitsland" Ganz anders schaut der Markt in den anderen Sparten aus - im Fachjargon Nicht-Leben-Bereich genannt. Vergleicht man nämlich die Ausgaben für Haushalts-, Auto-, Unfall-, Rechtsschutz-, Industrie oder Haftpflichtpolizzen liegt Österreich EU-weit auf Platz vier. Nur in Luxemburg, den Niederlanden und Deutschland herrscht ein noch größerer Konkurrenzkampf unter Versicherungsunternehmen. So gesehen kann Österreich ohne weiteres als "Hochsicherheitsland" bezeichnet werden. Das Risikobewusstsein steigt sogar. Zuletzt hatte bereits jeder zweite eine Unfallversicherung abgeschlossen.

Doch worin besteht das tagtägliche Risiko? Es beginnt in der Regel bereits damit, morgens aufzustehen - wenn es überhaupt dazu kommt, denn statistisch gesehen sterben die meisten Menschen im Bett. Wer Duschen und Kaffeekochen (böse Stürze kommen am häufigsten im Haushalt vor) übersteht, hat das Gefährlichste noch vor sich: den Weg zur Arbeit. Es nützt auch nichts die relativ sicheren öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, denn die meisten Unfälle passieren am Fußweg zur Haltestelle und selbstverständlich mit dem Auto. Tagtäglich sterben drei Menschen, also eine Durchschnittsfamilie, auf Österreichs Straßen. Erst am Arbeitsplatz sinkt das persönliche Risiko - aber auch nur in einem Büro, am Bau oder in der Fabrik geschieht schon wieder ungleich mehr.

Gleichzeitig gibt es natürlich auch Risken, gegen die man sich nicht versichern kann. Das gilt zum Beispiel für das unternehmerische Risiko, wenn sich ein Händler fürchtet, dass ihm ein Konkurrent die Kunden wegnimmt. Ist der Schaden nicht messbar, lassen sich auch keine Prämien berechnen. Ebenso wenig könnte eine Fluggesellschaft einfach ihre Maschinen nicht warten und sich statt dessen gegen die finanziellen Folgen eines Absturzes versichern. Der Schaden wäre zwar messbar, aber moralisch anstößige Risken werden nicht gedeckt.

Die Zahl nicht versicherbarer Risken schrumpft allerdings. Dank ausgefeilter Statistiken können sich Banken heute beispielsweise gegen Betrügereien versichern, die durch ihre Personal begangen werden. Die jahrzehntelange Reihe von Wetterdaten macht es mittlerweile möglich, Sturm-, Überschwemmungs- und Erdbebenschäden besser zu decken. Immer leistungsfähigere Rechner und immer bessere Analysemethoden erlauben es Versicherungen riesige Datenmengen auszuwerten und die richtige Prämie dafür zu errechnen. Nur mit dem Risiko auf den schlechten Sitzplatz im Flugzeug oder wieder einmal Liebeskummer zu erleiden müssen wir wohl auch in Zukunft selbst fertig werden.

Die Autorin ist Wirtschaftsredakteurin in der Tageszeitung "Die Presse".

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