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"Unbedingt das Beste"

Für 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler - und ihre Eltern - wird es wieder ernst: Was Mütter und Väter von der Schule erwarten.

Die Zeit der Schultüten ist für Gerald Netzl längst vorbei: 14, 13 und neun Jahre sind seine drei Töchter mittlerweile alt. Die beiden Älteren geben sich vor ihrem morgendlichen Weg ins Gymnasium in Wien/Alterlaa schon mit einer kleinen, elterlichen Aufmunterung beim Frühstück zufrieden. Nur die Jüngere wird am ersten Schultag noch von der Mutter in ihre reformpädagogisch ausgerichtete, öffentliche Volksschule gebracht. "Bei uns ist immer alles sehr entspannt abgelaufen", erzählt der sportliche 40-Jährige, der hauptberuflich für das Kinder- und Jugendprogramm der Stadt Wien (wienXtra) tätig ist. "Aber natürlich gibt es - gerade beim Übergang vom Kindergarten in die Schule - bei vielen Eltern Unsicherheit und Bauchweh."

Die breite Palette an Befindlichkeiten der Mütter und Väter gegenüber dem österreichischen Schulsystem zu formulieren, ist Gerald Netzls (Neben-)Job: Seit dem Vorjahr ist der dreifache Vater Vorsitzender des Dachverbandes der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen. Welche Emotionen treiben also Österreichs Eltern um?

Überforderte Eltern

Laut Netzl ist es vielfach vor allem ein Gefühl: Überforderung. Schon die Schulwahl für das eigene Kind gestalte sich - insbesondere im großstädtischen Bereich mit seiner Vielzahl an Optionen - schwierig. "Derzeit spielt bei der Schulwahl, neben der Wohnortnähe und persönlichen Informationen über die Schule, vor allem Mundpropaganda eine Rolle", erzählt Netzl im Furche-Gespräch. Dabei würde der dreifache Vater auf Grund eigener Erfahrungen den Ruf einer Schule lieber gründlich hinterfragen: "Ich traue nicht einmal Bezirksinspektoren zu, behaupten zu können: Diese Schule ist besser!" Schulrankings, wie sie in manchen Illustrierten oft und gerne publiziert würden, seien laut Netzl nicht selten manipuliert. Und die Tatsache, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler an Katholischen Privatschulen ständig steigt (zuletzt um ein Prozent auf österreichweit knapp 70.000) sei auch kein Indiz für die Überlegenheit des privaten Schulsystems, sondern habe mit dem "vermeintlich höheren Prestige" dieser Einrichtungen in den Augen vieler Eltern zu tun. In einer Gesellschaft mit immer mehr Ein-Kind-Familien, meint Gerald Netzl, sei vielen Müttern und Vätern eben das Beste für ihr Kind gerade gut genug.

Doch das Schulsystem hat noch jede Menge Defizite. Jüngstes Beispiel war eine Umfrage der Arbeiterkammer über das Ausmaß elterlicher Nachhilfe: 69 Prozent aller Volksschulkinder gehen demnach mit ihren Eltern täglich den Lernstoff durch, in der Hauptschule sind es 54, in der AHS 32 Prozent. Insgesamt würden Österreichs Väter und Mütter dem Staat 540 Millionen Euro für Förderunterricht ersparen - wobei sie bereits jetzt rund 130 Millionen Euro für Nachhilfe berappen.

Für Elternvertreter Gerald Netzl ein Skandal: "Es ist nicht akzeptabel, dass Eltern das nachholen oder privat bezahlen müssen, was die Lehrer in der Schule versäumen", zeigt er sich empört. "Doch was mich wirklich schockiert, ist, dass das im Grunde akzeptiert wird." Zustände wie diese würden dazu führen, dass die "soziale Schieflage" im österreichischen Schulsystem weiter bestehen bleibe. Ganztagsschulen mit individueller Förderung, aber auch eine gemeinsame Schule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen seien ein Versuch, die sozialen und finanziellen Benachteiligungen auszugleichen, meint Netzl. Er persönlich sei deshalb dafür, diesen Modellversuchen, wie sie diesen Herbst in fünf Bundesländern starten werden (siehe Kasten), eine Chance zu geben. Die Meinungen in den Elternvereinen, die er vertritt, sind in dieser Frage freilich unterschiedlich.

Schulische Vielfalt

Erst recht ambivalent ist die Haltung der Mütter und Väter älterer Schülerinnen und Schüler: "Ich stehe diesen Modellversuchen zwar prinzipiell positiv gegenüber", meint Ulf Scheriau, Vorsitzender des Bundesverbandes der Elternvereinigungen an mittleren und höheren Schulen Österreichs. "Aber nur dann, wenn die Vielfalt und Wahlmöglichkeit für die Eltern erhalten bleibt." Die Evaluierung des Modellversuches werde zeigen, was davon zu halten sei - wobei nach Meinung des smarten Klagenfurter Finanzjuristen und zweifachen Vaters aber auch der Ressourcenaufwand verglichen werden müsse. "Über die Modellversuche wird ja das Füllhorn ausgeschüttet. Da stehen die anderen Schulen leicht wie die Dummen da", meint Scheriau im Furche-Gespräch.

Atemlose Politik?

Prinzipiell erfreulich, aber enttäuschend unausgegoren sei auch die von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SP) gepriesene Senkung der Klassenschülerhöchstzahl (siehe Kasten). Kleinere Schülerzahlen würden zwingend eine höhere Anzahl an Klassen verlangen. Sonst käme es - vor allem in Gymnasien - zur Verdrängung der Schüler vom Schulstandort. "In der Praxis kommt es jetzt fast schon zu einer Einführung eines Numerus Clausus", kritisiert Ulf Scheriau. "Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie der Ankündigungspolitik die Luft ausgeht."

Und der Elternvertreter hat noch ein weiteres Beispiel parat: jene Bildungsstandards, wie sie zuletzt gesetzlich verankert wurden und spätestens im Schuljahr 2012/13 bei einem Drittel aller Zehn- und Vierzehnjährigen zum Einsatz kommen sollen (siehe Kasten). "Bildungsstandards waren immer eine Forderung von uns, weil ja Noten in unserem heterogenen Schulsystem keine Aussagekraft mehr haben", erklärt der Elternvertreter. Doch noch seien zu viele Fragen ungeklärt: Welcher Leistung - oder Note - entspricht das Erreichen der Bildungsstandards überhaupt? Und vor allem: Wer erfährt von den Ergebnissen? "Die dürfen jedenfalls nicht im stillen Kämmerlein des Direktors schlummern, sondern müssen publik werden", fordert Scheriau.

Und noch etwas wünscht er sich: Dass der "fatale Transfer" von Zuständigkeiten zwischen Schule und Familie endlich aufhört. "Die Unterrichtsleistung wird immer mehr von der Schule an die Eltern ausgelagert, und die Erziehungsarbeit wird derzeit vom Elternhaus in die Schule transferiert", ärgert sich der engagierte Vater. "Da müssen sich auch die Eltern endlich am Riemen reißen."

Infos unter www.elternverein.at und www.bundeselternverband.at

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