Gesellschaft

Unser Smartphone: Ratgeber, Freund ...?

1945 1960 1980 2000 2020

Der Siegerbeitrag des ZiS-Schreibwettbewerbs „Meine digitale Welt“.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Siegerbeitrag des ZiS-Schreibwettbewerbs „Meine digitale Welt“.

Ein Tag ohne Handy – eine Qual. Kein chatten, kein googeln. Keine Kommunikation, keine Informationen. Das Gefühl, hilf- und machtlos zu sein, keinen Anschluss zum Rest der Welt zu haben. Und doch ist es nur unser Smartphone, das wir in der Eile zuhause vergessen haben.

Unsere eigene Welt wird von digitalen Technologien stark beeinflusst. Die neuen Medien stellen in vielen Bereichen eine ungemeine Erleichterung für die Gesellschaft dar – die Aufgaben und Herausforderungen des alltäglichen Lebens ohne smarte Allroundtalente meistern zu können, ist für viele Menschen kaum vorstellbar. Die geniale Erfindung des digitalen Begleiters verleiht uns ohne Frage in vielerlei Hinsicht Macht. Aber sind es wirklich wir, die in dieser engen Beziehung zwischen Mensch und Digitalgerät die Zügel in der Hand halten?

Obwohl (oder gerade weil) ich im Umgang mit digitalen Technologien aufgewachsen bin, habe ich mir noch nie wirklich Gedanken darüber gemacht, wie stark ich tatsächlich auf sie angewiesen bin. Ich, ein Kind der digitalen Revolution, verbringe viel Zeit (zu viel?) vor dem Bildschirm. Trotzdem würde ich mich auf keinen Fall als süchtig bezeichnen, schließlich gehöre ich nicht zu den Freaks, die keine Minute ohne einen Blick auf ihr Smartphone aushalten. Zumindest glaube ich das.

Laut einer Marketagent.com-Umfrage, bei der im Februar des vergangenen Jahres 1001 Personen zwischen 14 und 69 Jahren befragt wurden, können sich jedoch fast zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung ein Leben ohne Smartphone nicht vorstellen. Täglich entsperren wir unser Handy rund 90 Mal, so Informatiker und Autor Alexander Markowetz, der an der Universität Bonn das Smartphone-Nutzerverhalten erforscht hat. In seinem Buch „Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist“ stellt er außerdem fest, dass allein das Entriegeln schon Glücksgefühle hervorruft. Unser Smartphone ist längst viel mehr als nur Mittel zum Zweck: Ratgeber, Helfer, Freund. Wir gewähren den digitalen Universaltalenten Einlass in viele Lebensbereiche und geben ihnen so die Macht, unsere Gefühle zu beeinflussen.

Für den Ausdruck „von etwas abhängig sein“ kann im Englischen die Phrase „to be a slave to something“ verwendet werden. In dieser Hinsicht sind wir alle „Sklaven“ der neuen Medien, gefangen in unserer eigenen digitalen Welt – eine schockierende Feststellung. Wir verlassen uns auf smarte Technologien, die zunächst als Arbeitserleichterung in gewissen Bereichen gedacht waren, in unserem Leben aber laufend an Stellenwert gewinnen und schließlich als unentbehrlich gelten. „The things you own end up owning you.“ Mit diesem Ausspruch zeigt Brad Pitt in dem Film Fight Club warnend auf, wohin uns diese gefährliche Spirale führen kann.

Nun stellt sich mir die Frage: Lässt uns die Digitalisierung überhaupt die Möglichkeit, diese bedenkliche Abhängigkeit zu überwinden? Es steht außer Zweifel, dass die Zukunft digital funktionieren wird. Über Wissen und Praxiserfahrung im digitalen Bereich zu verfügen, ist vor allem unter Jugendlichen wichtiger denn je. Es ist keine Lösung, uns völlig von den modernen Technologien zu lösen. Ein unabhängiges Leben mit den digitalen Medien kann nur dann ermöglicht werden, wenn wir uns des Wertes der Dinge bewusst werden. Handy bleibt Handy. Wir sind die Besitzer. Ohne Smartphone sind wir nur dann machtlos, wenn wir ihm die Macht dazu geben, uns machtlos zu machen. Wir haben die Wahl. Eines sollte nämlich nie vergessen werden: Wir Menschen sind diejenigen, die durch unsere revolutionäre Denkweise und unseren Drang nach Entdeckung und Entwicklung futuristischer Methoden die digitale Welt erschaffen haben.