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Britanniens Entkolonialisierung aus der Sicht eines Kindes.

Denkt man an das Ende des britischen Weltreichs, fällt einem der 15. August 1947 ein. An diesem Tag gaben die Briten den Indern offiziell ihr Land zurück. Indien war die größte Kolonie, das "Kronjuwel". Doch andere britische Kolonien wurden erst viel später frei, Singapur zum Beispiel 1959.

John David Morley wurde 1948 in der Kolonie Singapur geboren. Einer der letzten in der dreihundertjährigen Kette jener, deren Kindheit vom großen und zeitweise profitablen "Unternehmen Empire" geprägt war. Nun schrieb der in München lebende Autor seine "Kolonialerinnerungen": "Nach dem Monsun".

Die Kolonien "boten unbegrenzten Spielraum für die britische Freude am Amateurgeist. Der Aufbau des Imperiums lieferte das natürliche Reservoir für Amateursportler, die am liebsten auf schlechten oder gar nicht existierenden Plätzen auftraten." Morleys Vater war von Mitte der dreißiger Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Kolonialbeamter in Afrika und wurde dann nach Asien versetzt. Morley schildert frühe Erinnerungen an Singapur. Er hatte eine malaiische Kinderfrau, statt Spielsachen Frösche und lernte als erste Sprache Malaiisch.

Als seine Mutter den Kindern erzählt, sie würden bald "nach Hause" fahren, sind sie verwirrt. Wo ist zu Hause? Tatsächlich bedeutet die Ankunft im Elternhaus des Vaters, einem düsteren englischen Pfarrhaus, einen Schock. Da ist die stets missbilligende Großmutter und die labile Mutter, die ihren Mann vermisst, der an die Goldküste versetzt wurde. Morley erzählt konsequent aus der Perspektive des kleinen Buben, der die "Heimat" nicht versteht und schwierig wird.

Die Sehnsucht nach der Freiheit, die er unter den Malaien genossen hat, ist überwältigend, ebenso der Abscheu vor der englischen Kälte und Dunkelheit. "Laut einer goldenen Kolonialregel behielt man in den Tropen ein Kind, das über sieben Jahre alt war, nicht mehr bei sich." Die älteren Schwestern müssen ins Internat, während für den Kleinen ein neues Abenteuer beginnt. Der Vater holt ihn mit der Mutter zu sich nach Afrika. Auch dort wird "abgewickelt", ziehen sich die Briten zurück. Für den Kleinen sind andere Dinge aufregend. In Afrika sind alle Hausangestellten Männer, in Singapur war er vorwiegend von Frauen umgeben.

Viele Beobachtungen machen dem Kind den Unterschied zu Asien deutlich. In Accra sieht der Kleine an jedem Laternenpfahl lesende, ja studierende junge Männer. "Ich fragte meinen Vater, warum sie sich nicht zu Hause in ihr Wohnzimmer setzten und dort lasen, und er antwortete, sie hätten kein Wohnzimmer und keine Beleuchtung, bisweilen nicht einmal ein Zuhause." Der erschütternde Teil des Buches ist der letzte: David erreicht das ominöse Alter von sieben Jahren, das heißt Trennung von den Eltern, Alltag in einer englischen Privatschule, Schläge. Der Direktor ist ein verwundeter Kolonialoffizier mit Holzbein. Sein oberstes Erziehungsziel heißt "Kampfgeist". Jeder muss boxen, es gibt schlechtes Essen, keine Heizung in den feuchten Studiersälen, Langeweile. Bis eines Tages die Eltern ihn abholen und ihm mitteilen, die ganze Familie habe jetzt ein Zuhause in England. Morley analysiert nicht die politischen Voraussetzungen für das Ende eines Weltreichs, spricht nicht von den Folgen für Erwachsene, die sich plötzlich, zurückgeworfen auf eine kleine Insel, vor einer völlig neuen Situation sahen. Sein Blick bleibt der des Kindes, welches das "Abenteuer Empire" nicht vergessen kann.

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