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Gesellschaft

Väter - nur bedingt familientauglich?

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist wie in Kriegszeiten. Die Väter sind verschollen. Immer wenn es um Themen wie Kindererziehung, Lernen, Schule geht - sie sind einfach nicht da.

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist wie in Kriegszeiten. Die Väter sind verschollen. Immer wenn es um Themen wie Kindererziehung, Lernen, Schule geht - sie sind einfach nicht da.

Elternabend in der Volksschule, anwesende Personen: Eine Lehrerin, 15 Mütter, kein Mann, Schule offensichtlich kein Thema für Väter.

Vortragsabend zum Thema "Moderner Kinderalltag": 80 Personen sind gekommen, der Männeranteil ist an einer Hand abzuzählen. Kinderalltag - keine Zugnummer für Väter, ein reines Frauen- und Mütterthema.

Szenenwechsel, kinderpsychologische Beratungsstelle: Der Anteil der Väter, die zu Erstgesprächen (mit)kommen, liegt bei sechs Prozent. Also selbst dann, wenn Probleme mit dem Nachwuchs auftauchen, fühlen sich die Väter höchst selten angesprochen.

An einer Vielzahl von Einzelfällen habe ich festgestellt, dass nahezu kein Vater den Namen der Lehrerin seines Kindes kennt, geschweige denn einmal in ihrer Sprechstunde war oder gar weiß, mit welchen Rechtschreibproblemen der Sprössling gerade kämpft. Wie wenig sich Männer für Kinder interessieren, zeigt auch ihr abnehmendes Interesse für pädagogische Berufe. So ist beispielsweise der Männeranteil in der Volkschullehrerausbildung an den Pädagogischen Akademien seit Jahren sinkend und hält gegenwärtig bei knapp fünf Prozent, Tendenz weiterhin fallend. Ob Elternabend, Diskussion über Erziehungsfragen, Problemkind oder pädagogisches Berufsfeld: Männer sind selten präsent. Geleitet vom bequemeren "Die Frau erzieht die Kinder" - Klischee verharren sie in Erziehungs- und Beziehungsabstinenz.

Mikrowellen-Muster Zum tröstenden Abbau väterlicher Schuldgefühle dient dem Mann von heute gerne die aus dem amerikanischen kommende Beziehungsideologie der "quality time". Die Anhänger dieser amerikanischen Lebenslüge (derer sich zunehmend auch Mütter bedienen) behaupten, dass wenig, dafür aber ganz besonders nett mit dem Kind verbrachte Zeit besser sei als regelmäßige tägliche Zuwendung. Auch im Umgang mit Kindern gilt das Mikrowellen-Muster: Kurz, aber heftig. Wie verschiedene Studien belegen, picken sich Väter in Befolgung dieser ökonomischen Maxime dann auch nur die Rosinen aus dem Kinderalltag und beschränken ihren Umgang auf "saubere" Tätigkeiten. Mit den Kindern ein bisschen fernsehen, spielen, turnen oder vorlesen. Ganze 24 Minuten verbringt der Durchschnittsvater pro Woche damit. Den Rest, das harte tägliche Brot, alles was lästig, beschwerlich, zeitraubend und unangenehm ist, bleibt den Müttern überlassen: Hausaufgaben, Sprechtage in Schulen, Arztbesuche, Fragen um Bekleidung, Essen, Schlafengehen ... Bedenklich an dieser Aufgabenteilung ist, dass Männer immer gleich viel (oder besser: gleich wenig) tun, egal ob ihre Partnerin ganztags, halbtags oder gar nicht arbeitet. Ich habe den Eindruck, dass der erhöhte Stress der Mütter das väterliche Fluchtverhalten manchmal geradezu beschleunigt.

Die Väter sind weggetaucht, das behauptet denn auch der amerikanische Publizist Robert Bly; sie überlassen ihre Kinder weitgehend sich selbst und den Medien. Seine Diagnose: Statt Stabilität, Anwesenheit, Ratschlägen, guter psychischer Nahrung, unvergifteten Geschichten bekommen sie eine Computerkultur vorgesetzt, die dazu führt, dass der Nachwuchs nur noch im Schema von ln- und Output denkt und keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen hat.

Wenig alltagserprobt Wenn Mütter heutzutage ständig die Gefahr sehen, ihre Verankerung im Berufsleben zu verlieren, so setzen Väter sich vermehrt der Gefahr aus, letzte Andockpunkte für eine emotionale Einbindung in das Familienleben aus dem Blick zu verlieren. Manchmal spüren sie es ja auch, dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins, ihre mangelnde familiäre Alltagstauglichkeit. Etwa darin, wenn sie die Sprache ihrer Kinder nicht treffen, wenn sie merken, dass sie eigentlich nur noch pro forma von ihnen gefragt werden. Oder wenn sie beobachten müssen, wie sich die Kinder bei Problemen sowieso immer gleich an die Mutter wenden. Mit derartigem familiärem Funktionsverlust kommen viele Väter allerdings nur schwer zurecht.

Welche Rolle bleibt ihnen? Längst um die Funktion des Familienernährers und -erhalters gebracht und in der Kommunikation mit den Kindern am Nebengleis, verfallen Väter zunehmend in Extremformen. Vom machohaft-autoritär aufgeplusterten Besserwisser bis hin zur marionettenhaften, nur noch wohlmeinende Leere verströmenden Vaterattrappe. Sie taugen anscheinend nur noch als strafend-drohende Autorität im Hintergrund oder - wie der Spiegel-Journalist Matthias Matussek formuliert - "als brauchbarer Depp, ein im Grunde gleichgültiger Vater, der nicht nur geschlechts- sondern auch verantwortungsneutral ist", - Rollen, mit denen nur wenige glücklich sind und die sich Väter ja auch gar nicht immer freiwillig selbst geben. Ihr Rückzug vollzieht sich ja nicht nur aus Bequemlichkeit und Verantwortungsscheue. Gerechterweise muss man festhalten, dass es sehr wohl auch jene subtilen Formen mütterlichen Erziehungsverhaltens gibt, die zur Verdrängung des Vaters beitragen. "Machst du die Hausübung gleich mit mir in Ruhe, oder etwa lieber dann, wenn der Papa nach Hause kommt?" Derartige, von vielen Müttern praktizierte Strategien der Abschirmung das Vaters von den Wirrnissen und Beschwerlichkeiten des konkreten Erziehungsalltags mag die Väter zwar entlasten, sie kappen aber gleichzeitig seine Zugangs- und Kontaktwege zum Kind.

Nur ein Fremdling Ob geflohen oder vertrieben, fest steht, dass sich Väter in Fragen der Kindererziehung vielfach noch immer in einem Zustand permanenter familiärer Gastrollen befinden. Statt am alltäglichen praktischen Bedarf orientieren sie sich ein Kinderleben lang am theoretischen Ernstfall, nach dem Motto: "Ich habe zwar wenig Zeit, aber wenn sie mich wirklich brauchen, dann bin ich zur Stelle." Also erst dann, wenn Schulversagen, Hinauswurf aus der Schule, Drogensucht oder Schwangerschaft der minderjährigen Tochter droht?

Aus all dem Gesagten die Radikalforderung nach den "Neuen Vätern" zu erheben, halte ich dennoch für überzogen. Im konkreten familiären Alltag würde es schon ausreichen, wenn es den vorhandenen Männern mithilfe ihrer Frauen gelänge, am Aufwachsen ihrer Kinder aktiver Anteil zu nehmen. Denn wer für seine Kinder bis weit über die Pubertät hinaus nichts anderes war als eine wandelnde Lohntüte, der muss sich nicht wundern, wenn diese ihm "über den Kopf wachsen" und eines Tages nur noch wie Fremdlinge gegenüberstehen.

Der Autor ist Kinderpsychologe, Psychotherapeut und ger. beeid. Sachverständiger in Innsbruck.

Elternabend in der Volksschule, anwesende Personen: Eine Lehrerin, 15 Mütter, kein Mann, Schule offensichtlich kein Thema für Väter.

Vortragsabend zum Thema "Moderner Kinderalltag": 80 Personen sind gekommen, der Männeranteil ist an einer Hand abzuzählen. Kinderalltag - keine Zugnummer für Väter, ein reines Frauen- und Mütterthema.

Szenenwechsel, kinderpsychologische Beratungsstelle: Der Anteil der Väter, die zu Erstgesprächen (mit)kommen, liegt bei sechs Prozent. Also selbst dann, wenn Probleme mit dem Nachwuchs auftauchen, fühlen sich die Väter höchst selten angesprochen.

An einer Vielzahl von Einzelfällen habe ich festgestellt, dass nahezu kein Vater den Namen der Lehrerin seines Kindes kennt, geschweige denn einmal in ihrer Sprechstunde war oder gar weiß, mit welchen Rechtschreibproblemen der Sprössling gerade kämpft. Wie wenig sich Männer für Kinder interessieren, zeigt auch ihr abnehmendes Interesse für pädagogische Berufe. So ist beispielsweise der Männeranteil in der Volkschullehrerausbildung an den Pädagogischen Akademien seit Jahren sinkend und hält gegenwärtig bei knapp fünf Prozent, Tendenz weiterhin fallend. Ob Elternabend, Diskussion über Erziehungsfragen, Problemkind oder pädagogisches Berufsfeld: Männer sind selten präsent. Geleitet vom bequemeren "Die Frau erzieht die Kinder" - Klischee verharren sie in Erziehungs- und Beziehungsabstinenz.

Mikrowellen-Muster Zum tröstenden Abbau väterlicher Schuldgefühle dient dem Mann von heute gerne die aus dem amerikanischen kommende Beziehungsideologie der "quality time". Die Anhänger dieser amerikanischen Lebenslüge (derer sich zunehmend auch Mütter bedienen) behaupten, dass wenig, dafür aber ganz besonders nett mit dem Kind verbrachte Zeit besser sei als regelmäßige tägliche Zuwendung. Auch im Umgang mit Kindern gilt das Mikrowellen-Muster: Kurz, aber heftig. Wie verschiedene Studien belegen, picken sich Väter in Befolgung dieser ökonomischen Maxime dann auch nur die Rosinen aus dem Kinderalltag und beschränken ihren Umgang auf "saubere" Tätigkeiten. Mit den Kindern ein bisschen fernsehen, spielen, turnen oder vorlesen. Ganze 24 Minuten verbringt der Durchschnittsvater pro Woche damit. Den Rest, das harte tägliche Brot, alles was lästig, beschwerlich, zeitraubend und unangenehm ist, bleibt den Müttern überlassen: Hausaufgaben, Sprechtage in Schulen, Arztbesuche, Fragen um Bekleidung, Essen, Schlafengehen ... Bedenklich an dieser Aufgabenteilung ist, dass Männer immer gleich viel (oder besser: gleich wenig) tun, egal ob ihre Partnerin ganztags, halbtags oder gar nicht arbeitet. Ich habe den Eindruck, dass der erhöhte Stress der Mütter das väterliche Fluchtverhalten manchmal geradezu beschleunigt.

Die Väter sind weggetaucht, das behauptet denn auch der amerikanische Publizist Robert Bly; sie überlassen ihre Kinder weitgehend sich selbst und den Medien. Seine Diagnose: Statt Stabilität, Anwesenheit, Ratschlägen, guter psychischer Nahrung, unvergifteten Geschichten bekommen sie eine Computerkultur vorgesetzt, die dazu führt, dass der Nachwuchs nur noch im Schema von ln- und Output denkt und keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen hat.

Wenig alltagserprobt Wenn Mütter heutzutage ständig die Gefahr sehen, ihre Verankerung im Berufsleben zu verlieren, so setzen Väter sich vermehrt der Gefahr aus, letzte Andockpunkte für eine emotionale Einbindung in das Familienleben aus dem Blick zu verlieren. Manchmal spüren sie es ja auch, dieses Gefühl des Ausgeschlossenseins, ihre mangelnde familiäre Alltagstauglichkeit. Etwa darin, wenn sie die Sprache ihrer Kinder nicht treffen, wenn sie merken, dass sie eigentlich nur noch pro forma von ihnen gefragt werden. Oder wenn sie beobachten müssen, wie sich die Kinder bei Problemen sowieso immer gleich an die Mutter wenden. Mit derartigem familiärem Funktionsverlust kommen viele Väter allerdings nur schwer zurecht.

Welche Rolle bleibt ihnen? Längst um die Funktion des Familienernährers und -erhalters gebracht und in der Kommunikation mit den Kindern am Nebengleis, verfallen Väter zunehmend in Extremformen. Vom machohaft-autoritär aufgeplusterten Besserwisser bis hin zur marionettenhaften, nur noch wohlmeinende Leere verströmenden Vaterattrappe. Sie taugen anscheinend nur noch als strafend-drohende Autorität im Hintergrund oder - wie der Spiegel-Journalist Matthias Matussek formuliert - "als brauchbarer Depp, ein im Grunde gleichgültiger Vater, der nicht nur geschlechts- sondern auch verantwortungsneutral ist", - Rollen, mit denen nur wenige glücklich sind und die sich Väter ja auch gar nicht immer freiwillig selbst geben. Ihr Rückzug vollzieht sich ja nicht nur aus Bequemlichkeit und Verantwortungsscheue. Gerechterweise muss man festhalten, dass es sehr wohl auch jene subtilen Formen mütterlichen Erziehungsverhaltens gibt, die zur Verdrängung des Vaters beitragen. "Machst du die Hausübung gleich mit mir in Ruhe, oder etwa lieber dann, wenn der Papa nach Hause kommt?" Derartige, von vielen Müttern praktizierte Strategien der Abschirmung das Vaters von den Wirrnissen und Beschwerlichkeiten des konkreten Erziehungsalltags mag die Väter zwar entlasten, sie kappen aber gleichzeitig seine Zugangs- und Kontaktwege zum Kind.

Nur ein Fremdling Ob geflohen oder vertrieben, fest steht, dass sich Väter in Fragen der Kindererziehung vielfach noch immer in einem Zustand permanenter familiärer Gastrollen befinden. Statt am alltäglichen praktischen Bedarf orientieren sie sich ein Kinderleben lang am theoretischen Ernstfall, nach dem Motto: "Ich habe zwar wenig Zeit, aber wenn sie mich wirklich brauchen, dann bin ich zur Stelle." Also erst dann, wenn Schulversagen, Hinauswurf aus der Schule, Drogensucht oder Schwangerschaft der minderjährigen Tochter droht?

Aus all dem Gesagten die Radikalforderung nach den "Neuen Vätern" zu erheben, halte ich dennoch für überzogen. Im konkreten familiären Alltag würde es schon ausreichen, wenn es den vorhandenen Männern mithilfe ihrer Frauen gelänge, am Aufwachsen ihrer Kinder aktiver Anteil zu nehmen. Denn wer für seine Kinder bis weit über die Pubertät hinaus nichts anderes war als eine wandelnde Lohntüte, der muss sich nicht wundern, wenn diese ihm "über den Kopf wachsen" und eines Tages nur noch wie Fremdlinge gegenüberstehen.

Der Autor ist Kinderpsychologe, Psychotherapeut und ger. beeid. Sachverständiger in Innsbruck.