Digital In Arbeit

"Vergleiche dich nicht mit anderen"

dieFurche: Frau Professor Noelle-Neumann, Sie haben sich intensiv mit der Glücksforschung beschäftigt. Wie definieren Sie "Glück" (siehe dazu Furche Nr. 1/98)?

Elisabeth Noelle-Neumann: Es ist schade, daß im Deutschen nicht wie im Italienischen, zwischen einem glücklichen Zufall und einer glücklichen Lebenseinstellung unterschieden wird. Das sind zwei verschiedene Formen des Glücks. Unsere heutige Sprache ist nicht mehr so differenziert wie die folgenden Gedichtzeilen von Paul Fleming aus der Zeit des 30jährigen Kriegs: "Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren. Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid". Ich habe das Gedicht unter dem Gesichtspunkt der Glücksforschung gedeutet. Bereits die Stelle "Weich keinem Glücke nicht" hat mit unserem Gespräch zu tun. Damals hat Sprache den Glücksfall und den Unglücksfall noch unter einem Dach vereint.

dieFurche: Das heißt, wer Glück hat, muß nicht unbedingt glücklich sein. Gibt es einen Unterschied zwischen "Glück haben" und "glücklich sein"?

Noelle-Neumann: "Glück haben" ist wie ein Lotteriegewinn, der auch ins Unglück führen kann. Glück ist ein Grundzustand, eine Form der Lebensführung. Schon immer haben sich Dichter und Philosophen mit dem Glück beschäftigt. Heute ist die empirische Sozialforschung in der Lage, diese Fragen an der Wirklichkeit zu überprüfen. In vielen Büchern über das Glück steht immer noch, Glück sei für jeden Menschen etwas anderes. Das trifft so nicht zu. Trotz individueller Unterschiede entdecken wir in der ganzen Welt gemeinsame Grundmuster, die das menschliche Glück ausmachen. Glückliche Menschen erkennt man weltweit an ihrem Gesichtsausdruck und an ihrer Körpersprache. Die Erkenntnisse der Verhaltensforschung über gemeinsame Eigenschaften der Menschheit stimmen mit der Glücksforschung überein. Das Wissen um eine gemeinsame Basis kann uns helfen, die großen Menschheitsprobleme besser zu bewältigen.

dieFurche: Glückliche Menschen scheinen ein positives Bild von sich selbst zu haben. Ist das eine Frage des Charakters oder der Erziehung?

Noelle-Neumann: Beides muß zusammenkommen. Sicher gibt es glückliche Anlagen. Aber ich habe schon häufig erlebt, daß Menschen, die ich als glücklich empfand, sich in schwierigen Lebensumständen befanden oder mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatten. Ich selbst war in meinem Leben oft krank. Als ich zehn Jahre alt wurde, hatte ich schon zehn Operationen hinter mir und erfahren, wie verlassen sich ein Kind im Krankenhaus fühlen kann. Damals lernte ich es, allein zu sein und mich mit mir selbst zu vertragen.

Diese Erfahrung ist eine wichtige Voraussetzung für das Glück. Als ich mich damals fragte, warum gerade ich so oft krank wäre und die anderen Kinder nicht, prägte mir mein Vater ein: "Vergleiche dich nicht mit anderen." Das war gewissermaßen ein Heilmittel gegen den Neid, der uns jedes Glücklichsein verbaut.

dieFurche: Haben sich Ihre Glücksvorstellungen mit den verschiedenen Lebensphasen verändert?

Noelle-Neumann: Als Sechzehnjährige hing in meinem Internatszimmer folgender Spruch von Goethe: "Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde". Auch wenn ich ihn damals noch nicht wirklich verstand, wurde er doch zu meinem Lebensmotto. Erst später habe ich begriffen, daß mit dem "Stirb" gemeint ist, sich auch in traurigen Zeiten des Lebens treu zu bleiben. Um glücklich zu sein, muß man vor allem Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.

dieFurche: Es ist doch ein Widerspruch, daß in unserer Wohlstandsgesellschaft die Lebensbedingungen angenehmer geworden sind, aber trotzdem so viele Menschen offensichtlich unglücklich sind.

Noelle-Neumann: Wir leben in einer schwierigen Umbruchzeit, in der sich tiefgreifende Veränderungen vollziehen. Bisher war es die selbstverständliche Zielrichtung der menschlichen Entwicklungsgeschichte, die Lebensbedingungen zu erleichtern. Heute müssen wir aber vor allem lernen, vor Schwierigkeiten nicht wegzulaufen, sondern sie zu überwinden.

dieFurche: Glück hat also mit persönlicher Freiheit zu tun. Heute scheint aber bei vielen, wenn sie zwischen Freiheit und Sicherheit wählen sollen, der Wunsch nach Sicherheit Vorrang zu haben.

Noelle-Neumann: Sicherheit kann zu Trägheit verlocken. Schon Thomas von Aquin hat gesagt: Trägheit führt zu Traurigkeit. Die übertriebene Suche kann man aus der Menschheitsgeschichte erklären, aber auch den Wunsch nach Freiheit. Der Gegenpol der Freiheit ist die Gleichheit. Zu diesem Schluß kamen Denker verschiedener Richtungen. Horkheimer sagte bei einem Vortrag in Zürich Anfang der siebziger Jahre: "Je mehr Freiheit, desto weniger Gleichheit; je mehr Gleichheit, desto weniger Freiheit." Fast die gleichen Worte stammen von Friedrich Dürrenmatt. Unsere Zeit hat den Wert der Gleichheit zu hoch getrieben. Bereits der französische Staatsdenker Tocqueville wußte vor 150 Jahren, daß Gleichheit nicht glücklich macht. In einer überregulierten Gesellschaft fällt alles weg, was den Menschen glücklich macht. Wir müssen also wieder lernen, die Freiheit als Glücksquelle zu sehen.

dieFurche: Mit dem Glück verbindet man meist paradiesische Vorstellungen, in denen die Menschen sich nicht im Schweiße ihres Angesichts ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Sind Glück und Arbeit Gegensätze?

Noelle-Neumann: Das Gegenteil trifft zu. Man kann eine der wichtigsten Botschaften der Glücksforschung auch so ausdrücken "Nur auf Umwegen erreicht man das Glück". Das bringt die Forschungsergebnisse des amerikanischen Glücksforschers Mihaly Csikszentmihalyi auf die kürzeste Formel. Er wollte wissen, warum zum Beispiel Alpinisten entsetzliche Strapazen auf sich nehmen, um auf einen Berggipfel zu klettern. Das war der Anfang seiner Glücksforschung. Dabei fand er heraus, wie wichtig für uns alle ein klares Ziel ist und zu erfahren, daß wir es trotz aller Hindernisse und aller Härten erreicht haben. Dadurch wächst unser Selbstvertrauen. Die Glücksquelle eines jeden, der seine Arbeit mit Hingabe verrichtet, ist die Selbstvergessenheit. Csikszentmihalyi nennt diesen Zustand "Flow". Es kommt im Leben darauf an, Schwierigkeiten nicht auszuweichen, sondern sie zu überwinden.

dieFurche: Sie haben davon gesprochen, daß es eine Zweiklassengesellschaft von aktiven und passiven Menschen geben könnte ...

Noelle-Neumann: Das läßt sich heute durch die Demoskopie feststellen. Immer mehr Menschen klagen über Langeweile. Da gibt es diesen schönen Ausdruck von Ernst Jünger: Langeweile ist verdünnter Schmerz. Es ist sehr unangenehm, sich zu langweilen. Gerade die Langweile ist ein Zeichen dafür, daß man seine Kräfte nicht entwickelt hat. Man will Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, schwächt sich, und vermeidet noch mehr Schwierigkeiten. Am Ende warten Passivität und Langeweile.

dieFurche: War die Hoffnung, mit dem Wohlstand würde unser Glücksempfinden zunehmen, falsch?

Noelle-Neumann: Die demoskopischen Umfragen, sowohl in Amerika als auch bei uns, zeigten, daß trotz des außerordentlichen wirtschaftlichen Wachstums die Menschen nicht glücklicher geworden sind. Das war ein Schock. Die Vorstellung, daß ein leichteres Leben auch mehr Glück bedeute, erwies sich als Trugschluß.

Man ist wirklich selber die Quelle des Glücks. Es stimmt schon, jeder ist seines Glückes Schmied.

Das Gespräch führte Felizitas von Schönborn.

Zur Person: Meinungsforscherin der ersten Stunde Elisabeth Noelle-Neumann wurde am 19. Dezember 1916 in Berlin geboren. Sie studierte Geschichte und Philosophie, Zeitungswissenschaften und Amerikanistik und promovierte 1940. 1947 gründete sie das Institut für Demoskopie Allensbach als erstes deutsches Meinungsforschungsinstitut. Seit 1950 zählen zu ständigen Auftraggebern des Institutes auch die wechselnden Bundesregierungen.

Frau Professor Noelle-Neumann wurde 1961 Dozentin der FU Berlin und 1968 Professorin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dort baute sie das Institut für Publizistik auf, das sie bis zum Jahr 1983 leitete. Seit 1985 ist sie Gastprofessorin an der Universität Chicago.

Neben rund 250 wissenschaftlichen Beiträgen für Lexika und Fachzeitschriften hat die Forscherin bereits 50 Bücher veröffentlicht. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz.

FURCHE-Navigator Vorschau