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Vermögen verpflichtet

Thomas Druyen ist Inhaber des Lehrstuhles für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Sein Interesse gilt vor allem der Vermögenskultur und der Vermögensethik. Vermögend sein bedeutet für ihn, Verantwortung zu tragen.

Die Furche: Herr Professor Druyen, welche Verantwortung haben Reiche in einer Gesellschaft?

Thomas Druyen: Ich differenziere zwischen den Reichen und den Vermögenden. Die, die ich vermögend nenne, haben Ihre Frage schon beantwortet, denn das sind diejenigen, die Verantwortung übernehmen, und davon gibt es eine Menge, die mit ihren Stiftungen in den verschiedensten Bereichen wie Soziales oder Bildung etwas tun. Sie stehen aber dennoch unter dem gesellschaftlichen Generalverdacht, dass sie nur durch Ausbeutung (von Menschen oder Firmen; Anm.) so reich geworden sind - im Unterschied zu Stars aus der Unterhaltungsbranche, denen der Reichtum gegönnt wird. Da wird die Frage nach der Übernahme von Verantwortung gar nicht gestellt.

Die Furche: Jeder bekommt also schon genug ab vom Kuchen derjenigen mit viel Geld?

Druyen: Nein, es geht viel mehr darum, die Mittel zu kanalisieren. Der ethische Appell, die Aufforderung zum guten Handeln, zum Beispiel "Live 8", ein Event, wo emotionale Willensbekundungen mit großer Sichtbarkeit ausgelebt werden, helfen am Ende den Notleidenden nicht viel. Ich spreche auch von Bewusstseins-Industrie, denn die Bands auf Mega-Charity-Konzerten verkaufen hinterher mehr Platten, ob aber wirklich auch Geld in einem afrikanischen Dorf ankommt, ist eine andere Frage. Man muss zwischen philanthropischem Handeln, karitativem Handeln und Charity unterscheiden. Denn Langustenwettessen zu veranstalten, wird auf Dauer der armen Bevölkerung der Erde nicht helfen. Der ethische Druck alleine bewegt die Menschen zu wenig. Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung zu helfen, aber mit Freiwilligkeit können die Menschen nicht kontinuierlich und nachhaltig umgehen. Viele Leute tun eine Menge - siehe Tsunami, aber was nützt das, wenn man in eine Situation kommt, in der Organisationen sagen "Bitte nicht mehr spenden, wir haben zu viel Geld". Das zeigt doch, dass das Karitative und das Philanthropische heute nicht mehr reicht. Doch wie kann man Druck erzeugen?

Die Furche: Durch Steuern …

Druyen: Das ist für mich die einzig faire Form es zu tun. Da können wir von den USA lernen, denn dort ist der philanthropische Markt viel konsequenter organisiert. Ethik muss in Verbindung mit Politik gestaltet werden, sonst bleibt sie zu persönlich, denn die einen fühlen was in ihrem Herzen, und die anderen nicht, diesem Gefühlszustand können wir die Hilfe nicht überlassen. Die Stellschrauben sind die Steuern, die durchaus sinnvoll sind - und die einzige Chance darstellen, um die staatliche Leistungsfähigkeit zu erhalten. Das heißt, wer viel in Bildung, Medizin und andere humanitäre Projekte investiert, der soll dementsprechend steuerlich begünstigt werden. Das gilt auch für Erben, wenn sie das Geld entweder in den Weiterbestand des Betriebes investieren oder ein nachhaltiges Projekt vorstellen, das mit dem Erbe unterstützt werden soll. Wenn der Erbe aber sagt, mir ist der 17. Lamborghini wichtiger, dann sollte sich der Staat für die Ausgestaltung des gesellschaftlichen Lebens einen Teil des Erbes nehmen dürfen.

Die Furche: Und wenn das einem Reichen nicht gefällt, dann verlässt er mit Sack und Pack das Land …

Druyen: Deswegen muss das Phänomen der Philanthropie und der steuerlichen Begünstigung weltweit betrieben werden. Vielleicht braucht es auch die Vereinten Nationen, die eine ethische Universalbank aufbauen, die Konzepte ausarbeitet oder Geld verwaltet, oder man installiert in jedem Land eine Megastiftung, in der die Gelder gesammelt werden. Ich spreche davon, die finanziellen Mittel zu bündeln und unternehmerisch zu verwalten.

Die Furche: Und wem das Wohl der Allgemeinheit egal ist?

Druyen: Der wird höher besteuert, denn auch mit dem 15. Ferrari fährt man auf den Straßen der Allgemeinheit, und man tangiert die Welt mit ausgestoßenem CO2. Wir sind heute gezwungenerweise Weltbürger geworden.

Die Furche: Warum streben die Menschen so sehr danach reich zu sein, denn Glück oder Vermögen hat doch viele Gesichter?

Druyen: Wir leben in einer ökonomiedominierten Welt. Und Reichtum suggeriert dem Menschen Freiheit. Der Mythos Reichtum ist ein sozialpsychologisches Gebilde, eine Einbildung, wie ein Wachtraum. Denn wer reich ist, weiß, dass man nicht unbedingt freier lebt. Die Werte in unseren Gesellschaften, die vielleicht noch in den 1960ern Gültigkeit hatten, müssen sich ändern. Denn jemand, der seine familiären Verhältnisse oder seinen Beruf mag und dies als Glück empfindet, ist wesentlich freier als der, der nach immer mehr Geld strebt und auch Ängste entwickelt. Denn je mehr man generiert, desto mehr kann man verlieren.

Die Furche: Wie definieren Sie Vermögenskultur?

Druyen: Vermögenskultur heißt, dass man der Allgemeinheit etwas von seinem Reichtum abgibt. Das tun die Vermögenden bereits - diese betätigen sich schon philanthropisch. Nun gilt es, die Reichen, die egoistisch denken, ins Boot zu holen, und zu Vermögenskulturschaffenden zu machen. Dazu ist es notwendig, die Welt der Reichen und Vermögenden zu verstehen, und das ist Teil meiner Forschung. Aber auch die Gesundheit ist als ein Vermögen zu betrachten, und jemand, der präventiv lebt und sein Gesundheits-Vermögen schützt, soll auch weniger in die Krankenkasse einzahlen.

Die Furche: Und dies führt dann zur Vermögensethik?

Druyen: Jeder sollte sich überlegen, was Ein-gutes-Leben-führen bedeutet. Kann ich gut leben, wenn um mich herum 50 Prozent der Menschen hungern? Der Versuch, eine universale Vermögensethik zu etablieren, heißt, auch wenn es nur zehn Werte sind, diese zu finden, und gesamtgesellschaftlich zu realisieren. Der Unterschied von Ethik zu Vermögensethik heißt, dass man Projekte umsetzt. Nicht nur Sonntagsreden schwingen oder Ökologie-Konzerte veranstalten. Vermögensethik ist meiner Ansicht nach etwas, das politisch umgesetzt werden muss.

Das Gespräch führte Thomas Meickl.

Privatstiftungen

1993 wurde das Privatstiftungsgesetz in Österreich beschlossen, das es Privatpersonen ermöglicht, ihr Vermögen in Stiftungen zu verwalten. Vorher war dies der öffentlichen Hand vorbehalten, deren Gemeinnützigkeit festgeschrieben ist. Privatstiftungen müssen keinem gemeinnützigen Zweck nachgehen. Eine Privatstiftung kann auch ein kommerzielles Ziel verfolgen und ist eine Möglichkeit der individuellen Vermögensmasseverwaltung mit strikter Zweckgebundenheit. Die große Zeit der Stiftungen scheint zu Ende zu gehen, da sie vor allem dadurch Bedeutung erlangten, dass in einer Stiftung geparktes Vermögen nicht erbschaftssteuerpflichtig ist. Privatstiftungen werden jährlich mit 12,5 Prozent besteuert und bei Ausschüttungen kommen weitere 12,5 Prozent dazu. Somit ist die Privatstiftung gleich hoch besteuert wie Einkünfte aus einem Aktienportfolio oder einem Sparbuch. Eine Privatstiftung ist ab einem Stammkapital von 70.000 Euro möglich. tom

Ranking

Steuern auf Vermögen in Prozent der Gesamtabgaben:

Österreich 1,26

Deutschland 2,46

Finnland 2,75

Schweden 2,94

Belgien 3,7

Dänemark 3,8

Italien 4,99

Niederlande 5,26

EU 15 5,49

Irland 7,79

Frankreich 7,82

Luxemburg 8,18

Spanien 8,47

Gruppenbesteuerung

Mit dem Steuerreformgesetz 2005 wurde neben der Körperschaftssteuersenkung die sogenannte Gruppenbesteuerung beschlossen. Sie erlaubt den sofortigen Ausgleich von Gewinnen und Verlusten innerhalb einer Unternehmensgruppe, auch wenn sich Teile der Gruppe im Ausland befinden. Das Zusammenfassen der steuerlichen Ergebnisse von finanziell verbundenen Körperschaften ist ohne das Erfordernis einer wirtschaftlichen oder organisatorischen Über-bzw. Unterordnung möglich. Damit ist vor allem dem Mittelstand geholfen, dem nun bei der Gründung einer Auslandstochter den bis zur Gesetzeseinführung verschlossenen Weg des steuerlichen Ausgleiches von Anfangsverlusten mit Gewinnen des Mutterunternehmens eröffnet. Die an der Spitze stehende Körperschaft hat das vereinigte Ergebnis der Gruppenmitglieder mit dem eigenen Ergebnis zusammenzurechnen. Diese/r Summe/Saldo wird dann der Körperschaftssteuer unterzogen. Quelle: WKÖ

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