Am 5. Dezember ist der Internationale Tag des Ehrenamtes. In Österreich arbeiten drei Millionen Menschen unentgeltlich in Organisationen - ein Fünftel davon im Sozialbereich. Ihr Engagement hat viele Gesichter.

Man sieht sie oft nicht. Jene, die Hilfe brauchen, leben in Pflegeheimen, finden Unterschlupf in Notquartieren oder erdulden gewalttätige Ehen, nur um ihren Kindern das Überlebensnotwendige zu sichern. Auch im Sozialstaat Österreich gibt es Menschen, die Hilfe brauchen. Dieser Not nehmen sich Organisationen an, die sich das Postulat der Nächstenliebe auf die Fahnen geheftet haben. Getragen wird diese Hilfe von einer großen Basis an freiwilligen Mitarbeitern. Laut Freiwilligenbericht engagieren sich 641.000 Menschen in Österreich in Hilfsdiensten oder Sozialorganisationen. Bei der freiwilligen Feuerwehr etwa sind es 4.523 Menschen, beim Roten Kreuz arbeiten 56.000 Ehrenamtliche. Sie alle übernehmen soziale Verantwortung.

Engagement aus Dankbarkeit

Petra Mühlberger ist die Leiterin des Freiwilligen-Engagements bei der Caritas, wo sich österreichweit rund 27.000 Menschen ehrenamtlich betätigen. Die Gründe, warum sich Menschen, die übrigens aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten kommen, unentgeltlich in den Dienst ihrer Organisation stellen, sind vielfältig: "Viele machen es aus Freude, andere schätzen die Vielfalt an Erfahrungen und Tätigkeitsbereichen. Häufig kommen die Menschen aber auch aus Dankbarkeit. Sie schätzen sich glücklich, so viel Gutes im Leben zu haben, und wollen etwas zurückgeben.“

Ein paar Kriterien sind für das Ehrenamt Vorraussetzung: Psychische und physische Stabilität, sowie die Bereitschaft, die Tätigkeiten regelmäßig auszuüben, sind Voraussetzung. Denn nur durch Kontinuität können soziale Beziehungen erhalten werden.

Obwohl die Arbeit der Freiwilligen unerzichtbar ist, betont Mühlberger, wie wichtig professionelle Strukturen im Hintergrund sind: "Das System basiert auf einer Kultur der Wertschätzung, denn obwohl freiwillige Arbeit nichts kostet, hat sie hohen Wert und bedarf einer fundierten, finanziell gesicherten Basis. Der Wohlfahrtsstaat muss seine Verantwortung wahren.“

Versorgung für Unterversorgte

"Das Schlimmste ist das Wissen darum, dass es oft nur an einem Bisschen fehlt, um Menschen sehr viel Leid zu ersparen“, sagt Lilian Rechinger. Die pensionierte Ärztin ist eine von rund 30 Medizinern, die zwei bis drei Mal im Monat bei Amber-Med arbeiten. In der Ordination in Wien-Liesing sorgen freiwillige Ärzte, Dolmetscher und Assistenten dafür, dass die Menschen ohne Versicherungsschutz nicht verloren gehen. Hier werden sie kostenlos versorgt. Die Patienten sind unversicherte Österreicher, europäische Migranten sowie viele Asylwerber und Flüchtlinge. Viele davon leiden unter posttraumatischen Störungen und leben in ständiger Unsicherheit. Sie fürchten um ihre Familien in der Heimat und haben Angst, wieder dorthin abgeschoben zu werden. Der Großteil leidet unter Depressionen oder depressiven Verstimmungen.

Leicht ist das auch für die freiwilligen Mitarbeiter nicht. "Viele Schicksale beschäftigen einen noch zu Hause. Noch schwieriger zu verkraften ist aber das Wissen, dass häufig allein strukturelle Bedingungen verhindern, dass Hilfe zuteilwird“, erzählt Rechinger.

Carina Spak leitet Amber-Med und kennt die Grenzen ihrer Arbeit: "Wir können nur so weit helfen, bis sie sich wieder selbst helfen können. Wir versuchen den Menschen Kraft zu geben und ihnen Wege zu zeigen, ihr Schicksal wieder in die Hand nehmen zu können.“ Mittlerweile stößt die Hilfe von Amber-Med jedoch an räumliche und personelle Limits. Die Zahl der Patienten hat sich im vergangen Jahr von 800 auf 1.300 erhöht. Akuter Ärztemängel macht der Organisation zu schaffen. Es fehlt an psychologischer Betreuung, an Kinderärzten und Internisten.

Chancen spenden

Auch in anderen Organisationen gibt es Bedarf an Engagement: Die Obdachlosen-Hilfe der Vinzi-Werke, der Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes und zahlreiche Organisationen, die Menschen in Notlagen helfen, wieder Fuß zu fassen, stützen sich auf Freiwillige.

"Hilfe hat vor allem mit Chancen zu tun“, sagt Caritas-Präsident Franz Küberl. "Menschen, denen das Leben zu wenig zur Verfügung stellt, brauchen jemanden, der ihnen zur Seite steht.“ Als Freiwilliger spendet man dabei nicht nur Zeit oder Geld: man spendet auch Hoffnung und die Möglichkeit auf Veränderung. Bei der Caritas geschieht das auf vielfältige Weise: beim gemeinsamen Lernen für den Hauptschulabschluss im Lerncafé, beim Ausgeben von Essen an notleidende Menschen beim Projekt Le+O oder beim Kochen für Obdachlose im Notquartier - überall sind Freiwillige am Werk. "Gerechtigkeit entsteht durch staatliche Strukturen und durch einzelne Menschen, die sie im kleinen Rahmen an andere weitergeben“, sagt Küberl.

Bewusstseinsbildende Aufgabe

Auch Petra Mühlberger sieht es als ihre Aufgabe, das soziale Kapital der Gesellschaft über die Caritas zu fördern: "Die Hemmschwellen müssen fallen“, ist sie überzeugt. "Freiwilliges Engagement ist eine bewusstseinsbildende Aufgabe. Man lernt die Lebenssituationen und das Handeln anderer zu verstehen, man geht dabei sinnbildlich in den Schuhen eines anderen.“ Sensibel zu werden für die Lebensumstände anderer, ist der nachhaltige Aspekt akuter Hilfe. Das formt eine Gesellschaft der Wertschätzung, der Gerechtigkeit und des Respekts. Freiwillige sind deshalb wichtige Multiplikatoren der Gesellschaft. Sie lernen zu verstehen und zu vermitteln.

Und ganz nebenbei wachsen die 641.000 Österreicher, die sich sozial engagieren, dabei über sich selbst hinaus. Denn auf freiwilliger Basis anderen Menschen Gutes zu tun, bringt rückwirkend am meisten für das eigene Leben.

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