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von Armut und Gewalt“

Die Autorin des Weltentwicklungsberichtes über den Zusammenhang zwischen Krieg und Armut, die wirtschaftlichen Konsequenzen von Gewalt und Wege aus der nordafrikanischen Misere.

Sarah Cliffe ist Direktorin und Sonderbeauftragte für den Weltentwicklungsbericht 2011 der Weltbank. Sie begann ihre Karriere in einer britischen NGO, die gegen die Apartheid in Südafrika mobil machte. In über 25 Jahren arbeitete sie in zahlreichen Kriegs- und Bürgerkriegsregionen wie etwa in Ruanda, Afghanistan und Haiti. Auf Einladung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit war Cliffe in Wien, um den Bericht vorzustellen.

FURCHE: Der diesjährige Weltentwicklungsbericht beschäftigt sich mit den Phänomenen Gewalt und Armut. Die zentrale Botschaft ist, dass mehr als 1,5 Milliarden Menschen massiv von bewaffneten Konflikten und ihren Folgen bedroht sind.

Sarah Cliffe: Das heißt nichts anderes, als dass diese Menschen eine zweimal höhere Wahrscheinlichkeit tragen, manifest arm zu sein als in friedlichen Regionen, ein zweimal so hohes Risiko, unterernährt zu sein und eine dreifache Wahrscheinlichkeit, keine Ausbildung und Bildung zu finden. Gewalt und die daraus entstehenden Konflikte sind große und zentrale Hindernisse für die Entwicklung von Nationen.

FURCHE: Verursacht Gewalt Armut oder verhält es sich umgekehrt?

Cliffe: Es gibt eine starke Verbindung zwischen den beiden Phänomenen. Das ist ein Teufelskreis. Länder mit geringem Durchschnittseinkommen haben ein höheres Gewalt-Risiko, gleichzeitig verursacht Gewalt wiederum Armut. Deshalb haben wir auch einen sehr hohen Anteil an Nationen, in denen Gewalt immer wiederkehrt, weil sich die Länder eben in diesem Teufelskreis befinden, in dem die Verzweiflung die Menschen zu Tätern und Opfern werden lässt. Es ist sehr schwer, von alleine einen Weg heraus zu finden.

FURCHE: In der Vergangenheit hat man sich oft damit zufriedengegeben, UNO-Truppen in Kriegsregionen zu senden und durch Waffenstillstand auf eine Besserung der Lage zu hoffen.

Cliffe: Die Peacekeeping-Missionen der UNO haben generell gute Resultate erzeugt. Zumindest können die Länder dann nicht mehr in die Gewalt zurückfallen und sie haben bessere Aussichten auf Erholung. Aber Sie haben recht und das bestätigt dieser Bericht: Sicherheit alleine ist nicht genug.

FURCHE: Was wäre zusätzlich zu tun?

Cliffe: Man muss zusätzliche staatliche Institutionen schaffen, die den Bürgern erstens Sicherheit geben und zweitens den Zugang zu einem Rechtsstaat, der zumindest die Grundbedürfnisse einer Gesellschaft sichert Das ist eine ordnungsgemäße Rechtsprechung. Das dritte ist eine wirtschaftliche Perspektive, die ebenfalls durch grundlegende Rechte abgesichert ist.

FURCHE: 35 Prozent der Unternehmer in Lateinamerika, 30 Prozent der Unternehmer in Afrika nennen Kriminalität als ihr größtes Problem. Ein britischer Kommentator nannte das "the economic consequences of violence“. Was geht durch Kriminalität an Wertschöpfung verloren?

Cliffe: Tatsächlich haben wir einen globalen Vergleich angestellt zwischen Regionen und Ländern und ihrem Niveauverlust durch kriegerische Konflikte. Im Schnitt verliert ein Land 30 Jahre an Wirtschaftswachstum, wenn es in einen bewaffneten Konflikt gerät. Das ist so, als würde man eine ganze Generation verlieren. Es gibt dazu Vergleiche mit friedlichem Wachstum. Die Disparitäten sind beträchtlich. Das heißt auch, dass diese Kriege ein viel höheres Vernichtungspotenzial haben, als jene Katastrophen, welche Schlagzeilen machen - nämlich Erdbeben oder Flutkatastrophen.

FURCHE: Sie schreiben, dass sich die Gewalt geändert hat. Die Gewalt des 20. Jahrhunderts sei nicht mit jener des 21. Jahrhunderts vergleichbar. Warum?

Cliffe: Im 20. Jahrhundert waren wir sehr mit Konflikten zwischen Staaten beschäftigt und mit Bürgerkriegen zwischen Regierungen und gut organisierten Rebellenorganisationen. Diese Raten sind drastisch gesunken. Wenn man die Zahlen mit jenen vor 30 Jahren vergleicht, sind die Bürgerkriege um 75 Prozent gesunken. Allerdings haben andere Formen von Gewalt diese Lücke gefüllt, etwa ist die Kriminalität in einigen Staaten drastisch gestiegen. Wenn wir uns El Salvador oder Guatemala ansehen: In diesen beiden Ländern sterben derzeit ebenso viele Menschen an Gewaltdelikten und Drogenkriegen, wie zuvor im Bürgerkrieg ums Leben kamen.

FURCHE: Steckt hinter dieser Änderung auch eine Systemänderung?

Cliffe: Es ist eine Diversifizierung. Im Kalten Krieg wurden Regierungen und Rebellengruppen oft von den beiden Blöcken unterstützt. Durch die engen Verbindungen mit den USA oder Russland kam es auch später zu haltbaren Friedensabkommen, aber auch zur freiwilligen Integration in ein politisches System. Während diese Gruppen verschwanden oder sich reformierten, stießen andere Bewegungen in das Machtvakuum vor. Die organisierte Kriminalität beispielsweise hat davon sehr profitiert.

FURCHE: Was könnte der reichere Teil der Erde tun, um zu helfen? Etwa in Nordafrika.

Cliffe: Erstens: mehr Investment in Vorbeugung. Wir pumpen sehr viel Geld in Länder nach einem Bürgerkrieg, aber sehr wenig, wenn ein solcher Konflikt bereits sichtbar bevorsteht und die Länder damit kämpfen, ihn zu vermeiden.

FURCHE: Aber wie soll man eine solche Entwicklung vermeiden?

Cliffe: Indem man das Vertrauen zwischen Staat und Bürgern wiederherstellt. Wir brauchen Sicherheit, Gerichtsbarkeit und Jobs. Das funktioniert in erster Linie in Staaten, die von Banden- und Drogenkriegen heimgesucht werden, wie etwa in Mittelamerika, beispielsweise Guatemala. Die Basis wäre, dass ein Straftäter oder ein Verdächtiger zumindest vor Gericht gestellt wird. Hier müsste man die Polizei reformieren, insofern, als dass es saubere Untersuchungen geben müsste. Die Polizei müsste wieder näher zu den Bürgern. Ein anderes Beispiel: Tunesien. Dort hat die Polizei kein Kapazitäts-, sondern ein Vertrauensproblem.

FURCHE: Das kann nach Darstellung tunesischer Oppositioneller nur noch durch eine Generationenablöse im Polizeiapparat bewerkstelligt werden.

Cliffe: Es braucht Zeit. Aber es gibt Maßnahmen, die schnell ergriffen werden können. In Georgien beispielsweise gab es einen radikalen Systemwechsel. Die gesamte Polizei wurde gekündigt und nur die vertrauenswürdigen Polizisten danach wieder eingestellt. Von der Verkehrspolizei bliebt nicht ein Beamter übrig, weil sie sich nur bereichert hatten. Sie machen nun den Pilotversuch, eine Gemeindepolizei einzuführen. Die Polizisten wurden einfach angehalten, den Leuten zu helfen, etwa wenn ein Bürger in der Nacht eine Autopanne hat. Das hat enorm viel Vertrauen gebracht. Es gibt also Dinge, die schnell getan werden können.

FURCHE: Aber was raten Sie Ägypten, wo die Probleme größer sind und tiefe gesellschaftliche Ursachen haben?

Cliffe: Ägypten braucht einen nationalen Grundkonsens. Nicht darüber, was die richtige Religion sein sollte, sondern was Ägypten am dringendsten braucht, um allen Bürgern zu helfen: etwa eine funktionierende Verwaltung, ein unparteiisches Gerichtswesen und vor allem Arbeitsplätze.

FURCHE: Das ist ein hehrer Ansatz. Aber Arbeit für über 50 Prozent der Jugendlichen Ägypter zu schaffen, dazu braucht es eine funktionierende Wirtschaftsstruktur. Die scheint derzeit zu fehlen.

Cliffe: Man muss deshalb unorthodoxe Wege gehen. Man muss Menschen Arbeit geben, nicht nur wegen des Lohns, sondern auch, um ihnen Selbstachtung zu ermöglichen. Das reicht von staatlich finanzierter Gemeindearbeit bis zum informellen Sektor oder bis zum Arbeitskräfteübereinkommen mit reicheren Ländern. Wir können jedenfalls nicht warten, bis Ökonomen sich darauf einigen, welches Beschäftigungsmodell für Ägypten das richtige ist. Wir müssen etwas tun - und zwar jetzt.

FURCHE: So ein Arbeitskräfteübereinkommen - wäre das Ihr Wunsch an Europa?

Cliffe: Solche Arbeitskräfteübereinkommen im europäischen Rahmen wären natürlich sehr hilfreich, weil die Regierungen, etwa jene Ägyptens, nicht von einer Hauptstadt zur anderen pilgern müssten und weil dann das Immigrationsproblem der EU wesentlich leichter zu lösen wäre.

FURCHE: Im Bericht weisen Sie auch auf die Piraten am Horn von Afrika und auf die Mitverantwortung der Industrienationen hin.

Cliffe: Die Piraten sind ein Symbol dafür, dass wir nicht jahrelang so tun können, als gäbe es keinen Konflikt - wie das in Somalia geschehen ist - ohne uns bewusst zu sein, dass das Problem irgendwann auf uns zurückfällt. Wir müssen heute zwei Milliarden Dollar ausgeben, für den Schutz unserer Handelsschiffe. Wie weit das Problem auch entfernt scheint - es kommt irgendwann zurück und steht dann vor unserer Haustür.

Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Sarah Cliffe

Die Britin gründete in den Achtzigerjahren eine Organisation gegen die Apartheid in Südafrika. Seither ist sie in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Sie ist nun Direktorin der Entwicklungsabteilung der Weltbank.

1,5 Mrd.

Mehr als ein Siebentel der Weltbevölkerung lebt in Regionen, die von Krieg und massiver Gewalt betroffen sind. Sie haben dadurch ein wesentlich höheres Risiko von Hunger und Armut.

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