Dagmar Schratter - © Tiergarten Schönbrunn
Gesellschaft

Von der Tierschau zum Artenschutz

1945 1960 1980 2000 2020

Ist es noch zeitgemäß, Tiere in Zoos zu halten? Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, erklärt, welche neue Rolle Tierparks zukommt und warum Zoos mehr sind als eine reine Exotenschau.

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Ist es noch zeitgemäß, Tiere in Zoos zu halten? Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, erklärt, welche neue Rolle Tierparks zukommt und warum Zoos mehr sind als eine reine Exotenschau.

Die Zoologin Dagmar Schratter ist seit 2006 die erste Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, des ältesten Zoos der Welt. Mit der FURCHE sprach sie über die Vorwürfe, mit denen sie Tierschützer konfrontieren und über die Entfremdung von Mensch und Natur.

DIE FURCHE: Tier-, Umwelt- und Klimaschutz prägen den aktuellen Zeitgeist. Ist es im Jahre 2019 ethisch noch vertretbar, Tiere in Zoos zu halten – sprich einzusperren?
Dagmar Schratter: Eingesperrt oder Gefängnis – das sind zwei Begriffe aus der menschlichen Kultur. Die Tiere kennen das nicht.

DIE FURCHE: Mit der Freiheit eines Tieres verbinden die meisten dessen natürlichen Lebensraum.
Schratter: Ich widerspreche der These, dass Tiere dort, wo man sie von ihrer ursprünglichen Herkunft her verortet, tatsächlich frei sind. In ihrem charakteristischen Habitat sind sie einem ständigen Überlebenskampf unterworfen. Nahrungsknappheit, Konkurrenzdruck, Feindvermeidung sind die Gründe dafür. Also frei, so wie wir Menschen das Wort begreifen, sind Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum nicht. Hinzu kommt, dass viele Wildtiere, gerade in Afrika, ohnehin nur noch in Nationalparks überleben können. In der Wildnis lebt dort kein Elefant, kein Löwe, keine Giraffe mehr. Und Pandas existieren in China nur noch in Reservaten.

DIE FURCHE: Der „Verein gegen Tierfabriken“ bezeichnet Zoos als „anachronistisches Überbleibsel aus einer Zeit, in der man exotische Tiere nicht im Fernsehen oder Internet sehen konnte“. Was sagen Sie dazu?
Schratter: Tiergärten sind schon lange keine bloßen Tierschauen mehr. Sie haben ganz konkrete Aufgaben, die auch gesetzlich festgelegt sind. Zum Beispiel in der EUZoorichtlinie, die 1999 verabschiedet und in Österreich im Bundestierschutzgesetz ratifiziert worden ist.

DIE FURCHE: Welche Funktionen hat ein Zoo laut Bundestierschutzgesetz zu erfüllen?
Schratter: Ganz allgemein vier: Erholung, Bildung, Forschung sowie Natur- und Artenschutz. Im Tiergarten Schönbrunn kommt noch eine fünfte Aufgabe hinzu: die Denkmalpflege.

DIE FURCHE: Denkmalschutz und Tierschutz auf einen Streich – ist das ein Widerspruch oder problemlos zu vereinbaren?
Schratter: Es gelingt, aber es ist weitaus schwieriger, eine zeitgemäße Tierhaltung mit dem Korsett Denkmalschutz zu betreiben. Würde man einen Zoo auf eine grüne Wiese stellen, wäre es zwar deutlich einfacher, aber gleichzeitig ginge das imperiale Ambiente des Tiergarten Schönbrunn verloren. Und das ist schließlich sein Alleinstellungsmerkmal.