Dagmar Schratter - © Tiergarten Schönbrunn
Gesellschaft

Von der Tierschau zum Artenschutz

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Ist es noch zeitgemäß, Tiere in Zoos zu halten? Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, erklärt, welche neue Rolle Tierparks zukommt und warum Zoos mehr sind als eine reine Exotenschau.

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Ist es noch zeitgemäß, Tiere in Zoos zu halten? Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, erklärt, welche neue Rolle Tierparks zukommt und warum Zoos mehr sind als eine reine Exotenschau.

Das Gespräch führte Brigitte Quint

Die Zoologin Dagmar Schratter ist seit 2006 die erste Direktorin des Tiergarten Schönbrunn, des ältesten Zoos der Welt. Mit der FURCHE sprach sie über die Vorwürfe, mit denen sie Tierschützer konfrontieren und über die Entfremdung von Mensch und Natur.

DIE FURCHE: Tier-, Umwelt- und Klimaschutz prägen den aktuellen Zeitgeist. Ist es im Jahre 2019 ethisch noch vertretbar, Tiere in Zoos zu halten – sprich einzusperren?
Dagmar Schratter: Eingesperrt oder Gefängnis – das sind zwei Begriffe aus der menschlichen Kultur. Die Tiere kennen das nicht.

DIE FURCHE: Mit der Freiheit eines Tieres verbinden die meisten dessen natürlichen Lebensraum.
Schratter: Ich widerspreche der These, dass Tiere dort, wo man sie von ihrer ursprünglichen Herkunft her verortet, tatsächlich frei sind. In ihrem charakteristischen Habitat sind sie einem ständigen Überlebenskampf unterworfen. Nahrungsknappheit, Konkurrenzdruck, Feindvermeidung sind die Gründe dafür. Also frei, so wie wir Menschen das Wort begreifen, sind Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum nicht. Hinzu kommt, dass viele Wildtiere, gerade in Afrika, ohnehin nur noch in Nationalparks überleben können. In der Wildnis lebt dort kein Elefant, kein Löwe, keine Giraffe mehr. Und Pandas existieren in China nur noch in Reservaten.

DIE FURCHE: Der „Verein gegen Tierfabriken“ bezeichnet Zoos als „anachronistisches Überbleibsel aus einer Zeit, in der man exotische Tiere nicht im Fernsehen oder Internet sehen konnte“. Was sagen Sie dazu?
Schratter: Tiergärten sind schon lange keine bloßen Tierschauen mehr. Sie haben ganz konkrete Aufgaben, die auch gesetzlich festgelegt sind. Zum Beispiel in der EUZoorichtlinie, die 1999 verabschiedet und in Österreich im Bundestierschutzgesetz ratifiziert worden ist.

DIE FURCHE: Welche Funktionen hat ein Zoo laut Bundestierschutzgesetz zu erfüllen?
Schratter: Ganz allgemein vier: Erholung, Bildung, Forschung sowie Natur- und Artenschutz. Im Tiergarten Schönbrunn kommt noch eine fünfte Aufgabe hinzu: die Denkmalpflege.

DIE FURCHE: Denkmalschutz und Tierschutz auf einen Streich – ist das ein Widerspruch oder problemlos zu vereinbaren?
Schratter: Es gelingt, aber es ist weitaus schwieriger, eine zeitgemäße Tierhaltung mit dem Korsett Denkmalschutz zu betreiben. Würde man einen Zoo auf eine grüne Wiese stellen, wäre es zwar deutlich einfacher, aber gleichzeitig ginge das imperiale Ambiente des Tiergarten Schönbrunn verloren. Und das ist schließlich sein Alleinstellungsmerkmal.

Frühere Generationen hatten einen anderen Bezug zu Tieren. Vor zwei Generationen hatten wir eine ländlichere Bevölkerung. Die Mensch-Tier-Beziehung war Teil des Alltags.

Dagmar Schratter - Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn. - © Tiergarten Schönbrunn
© Tiergarten Schönbrunn

Dagmar Schratter, Direktorin des Tiergarten Schönbrunn.

DIE FURCHE: Zoosoziologen bezeichnen Tierparks unter anderem als Spiegelbild der Gesellschaft. Was ist damit gemeint?
Schratter: Die Werte und Vorstellungen der Gesellschaft, des Zeitgeistes bestimmen das Selbstverständnis eines Zoos, die Zoo politik und die Aufgaben eines Zoos. Das, was gerade gesellschaftlich en vogue ist, spiegelt sich im Tiergarten wider. So ging es Anfang des 20. Jahrhunderts darum, möglichst viele Tierarten herzuzeigen. Auch Einzelexemplare. Die Leute hatten damals kaum Bücher, konnten nicht reisen. Ein Zoobesuch war ein lebender Anschauungsunterricht. Heute sind Tiergärten Artenschutzzentren, die ernst zu nehmende Partner von NGOs sind. Der Trend geht in Richtung „Animal welfast welfare“. Man konzentriert sich darauf, dass sich das einzelne Individuum wohlfühlt, man geht auf die Persönlichkeiten und Charaktere der Tiere ein. Das war vor 20 oder 30 Jahren noch kein Thema.

DIE FURCHE: Gibt es heute mehr oder weniger Zoobesucher als damals?
Schratter: Die Besucher nehmen zu. Weltweit. Vor zweieinhalb Jahrzehnten hatten wir im Tiergarten Schönbrunn 760.000 Besucher im Jahr. Heute sind es zwei Millionen. Innerhalb der WAZA-Zoos (Weltverband für Zoos und Aquarien, Anm. d. Red.) ist die Besucherzahl von 600 auf 700 Millionen gestiegen.

DIE FURCHE: Woran liegt das?
Schratter: Für die Besucher ist der Zoo wie ein Fenster in die Natur. Der Soziobiologe Edward O. Wilson hat das wunderbar in seinen Biophilie-Schriften beschrieben: Der Mensch wendet sich hin zum Lebendigen. Wir brauchen das. Allein bei der Betrachtung einer Blume, einer Landschaft, einem Tier wird das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet. Dazu gibt es fundierte wissenschaftliche Untersuchungen.

DIE FURCHE: Warum suchen das die Menschen heutzutage mehr als früher?
Schratter: Weil sich der Mensch von der Natur entfremdet. Das wird immer mehr.

DIE FURCHE: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
Schratter: Frühere Generationen hatten einen anderen Bezug zu Tieren und zur Natur. Vor zwei Generationen hatten wir eine ländlichere Bevölkerung. Die Mensch-Tier-Beziehung war Teil des Alltags. Man hat Tiere gut gehalten und dann gegessen. Heute essen wir Unmengen an Fleisch und die Tiere werden zu Produktionsmitteln, ja zu Dingen degradiert. Auf der anderen Seite gibt es Haustiere, die extrem vermenschlicht werden. Diese Schere geht immer weiter auseinander.

DIE FURCHE: Fenster in die Natur, Artenschutz, Glückshormone – die Pro-Zoo-Argumente klingen überzeugend, lassen Skeptiker dennoch nicht verstummen. Kritisiert wird etwa, dass die Gehege zu klein sind. Wer entscheidet über die Größe?
Schratter: In der Praxis entscheidet jeder Zoo für sich. Aber es gibt natürlich Vorgaben. Im Bundestierschutzgesetz, in der zweiten Tierhalteverordnung, sind die Mindestflächen für die Innen- und Außenanlagen für alle Tiere festgelegt. Dennoch ist es unser Ziel, diese Mindestgrößen zu überschreiten.

DIE FURCHE: Diese Mindeststandards bezeichnen einige Tierschützer für obsolet?
Schratter: In der Natur ist es so: Je mehr Nahrung vorhanden ist, desto kleiner ist das Revier. Und umgekehrt: Ist die Nahrung knapp, erweitert sich automatisch die Größe des Reviers. Mein Vorgänger sagte einmal: Es gibt keine zu kleinen Gehege, es gibt nur die falschen Tiere darin. Oft sind Rückzugsmöglichkeiten, eine naturgemäße soziale Zusammensetzung oder die richtige Beschaffenheit des Bodens viel relevanter als die Fläche an sich.

Es gibt weltweit keine einzige wissenschaftliche Arbeit mit dem Ergebnis, dass Affen, Katzen und Bären im Zoo nicht genauso glücklich sein können wie etwa ein Frosch.

DIE FURCHE: Hinter dem Vorwurf, die Gehege sind zu klein, steckt mangelndes Fachwissen?
Schratter: Ja, oft. Es fehlt an zoologischer Expertise und an Kenntnis, welche Bedürfnisse Tiere tatsächlich haben. Ihr Wohl wird mit menschlichen Maßstäben beurteilt. Und diese decken sich nicht immer mit den tierischen.

DIE FURCHE: Tiere sind Projektionsflächen für menschliche Vorstellungen?
Schratter: Das ist eine Herausforderung, der wir uns Tag für Tag stellen müssen. Es geht in einem Zoo mittlerweile nicht mehr nur darum, dass die Tiere bedürfnisgerecht gehalten werden. Es muss auch von den Leuten so empfunden werden. Umgekehrt können wir aus Tierschutzgründen nicht alle Bedürfnisse der Zoobesucher berücksichtigen.

DIE FURCHE: Wann fehlt bei den Besuchern das Verständnis?
Schratter: In der „Animal Welfare Strategy“, also der Welt-Tierschutzstrategie, ist festgelegt, welche Maßnahmen für das geistige Wohl eines Tieres zu treffen sind. Dazu gehört die Tatsache, dass sich Tiere zurückziehen können müssen. Das wird nicht von allen Besuchern akzeptiert, da haben wir immer wieder Beschwerden. Es gibt welche, die sagen, sie sind nur gekommen, um ein bestimmtes Tier zu sehen. Nehmen wir die Eisbären. Die haben einen klimatisierten Innenraum. Wenn sie nicht draußen sein wollen, dann gehen sie hinein. Oder auch die Pandas. Die haben Bereiche, die nicht einsehbar sind.

DIE FURCHE: Was entgegnen Sie diesen Nörglern?
Schratter: Darauf haben wir eine Standard-Antwort: Mit dem Kauf der Eintrittskarte erwirbt der Besucher nicht das Recht, jedes Tier zu jeder Zeit zu sehen.

DIE FURCHE: Vor den Gehegen filmen und fotografieren die Besucher unentwegt. Hat die Digitalisierung beziehungsweise die Tatsache, dass das Smartphone zum ständigen Begleiter geworden ist, Auswirkungen auf den Zoo, die Tiere?
Schratter: Den Tieren ist es egal, ob sie mit dem Handy fotografiert werden. Die Digitalisierung spielt aber insofern eine Rolle, als dass wir interaktive Elemente einbauen, um den Klimawandel und seine Folgen zu veranschaulichen. Etwa im Polardom, dem Besucherzentrum der Eisbärenwelt. Aber: Wir halten das ganz bewusst reduziert.

DIE FURCHE: Welche Überlegung steckt dahinter?
Schratter: Wir wollen, dass die Tiere und nicht die Technik im Vordergrund stehen. So können sich die Besucher völlig auf die Tierwelt einlassen.

DIE FURCHE: Weil Zoo in Ihren Augen nur live geht?
Schratter: Die Digitalisierung führt soweit, dass es in Japan einen virtuellen Zoo gibt, ganz ohne Tiere. Man kriegt eine 3-DBrille und schaut damit in ein leeres Gehege. Ich bin fest davon überzeugt: Ein Konzept wie dieses wird einen Zoo nie ersetzen können. Die Leute wollen das lebende Tier betrachten. Wie bereits erwähnt: Das ist ein urmenschliches Bedürfnis.

DIE FURCHE: Auch wenn die Handys für das Tierwohl scheinbar unproblematisch sind. Wie steht es mit den Menschen, die teilweise in Massen am Rand der Gehege stehen?
Schratter: Es gibt Untersuchungen über Cortisol-Ausschüttungen, um festzustellen, ob das Tier gestresst ist oder nicht. Das Ergebnis: Jedes Tier reagiert auf andere Art und Weise auf Menschenmengen. Es ist von Tierart zu Tierart und auch individuell unterschiedlich. Für Schneeziegen spielt es keine Rolle, Orang-Utans suchen den Kontakt sogar bewusst und Bären im Allgemeinen und Pandas im Besonderen kommen weniger gut damit zurecht. Das Anschauen ist übrigens nicht das Problem. Manche Menschen klopfen an die Scheiben und sind sehr laut, brüllen herum. Aus diesem Grund brauchen Tiere Rückzugsbereiche.

DIE FURCHE: Zurück zu den Kritikern. Einige stellen Zoos nicht generell in Frage, sondern fordern, die Haltung von Großkatzen, Bären und Menschenaffen aufzugeben. Das Argument: Diesen Arten würde es besonders schlecht in Gehegen gehen.
Schratter: Am Anfang meiner Tätigkeit gab es Aktivisten, die mir ihre Unterstützung unter einer Bedingung zugesagt haben: wenn ich die Affen, die Elefanten und die Eisbären aufgebe. Dann kamen die, die forderten: Bloß keine Vögel! Wo fange ich an und wo höre ich auf? Ich sage: Im Prinzip ist jede Tierart zu halten, wenn auf die
jeweiligen Bedürfnisse eingegangen wird. Es gibt weltweit keine einzige wissenschaftliche Arbeit mit dem Ergebnis, dass Affen, Katzen und Bären im Zoo nicht genauso glücklich sein können wie etwa ein Frosch oder eine Antilope. Nicht zuletzt ist das deshalb so, weil ein Umdenken in der Haltung stattgefunden hat.

DIE FURCHE: Was wird heute anders gemacht im Vergleich zu früher?
Schratter: Es gibt eine neue Disziplin innerhalb der Tierbiologie: „Behavioral enrichment“ (Verhaltensanreicherung, Anm. d. Red.). Da geht es um die Beschäftigung, Anregung und die geistige Auslastung von Tieren.

DIE FURCHE: Was bedeutet das in der Praxis?
Schratter: Man geht dazu über, dass man etwa Bären oder Papageien das Futter nicht mehr einfach nur hinstellt. Man versteckt es. Oder es wird sechsmal statt nur einmal am Tag gefüttert. Zum Beispiel. Vögel wiederum kriegen Insekten ausgestreut. So können sie ihre natürliche Ernährungsweise ausleben. Wir haben eine Zoologin,
die gemeinsam mit den jeweiligen Pflegern ausschließlich für diese Trainings und die Beschäftigung der Tiere zuständig ist.

DIE FURCHE: Wie schafft es der Tiergarten Schönbrunn, auch jene Besucher für den Tier- und Artenschutz zu begeistern, die eigentlich nur die Exoten sehen wollen?
Schratter: Tatsache ist: Die meisten kommen, weil sie hier außergewöhnliche Tiere kennenlernen können. Das müssen wir berücksichtigen. Aber ganz nebenbei können wir genau diesen Menschen unsere Botschaften mitgeben. Wir stellen unsere Projekte vor, versuchen die Besucher durch bestimmte Aktionen für die Natur zu begeistern und veranstalten Artenschutztage. Darüber hinaus geben wir auch NGOs die Möglichkeit, ihre Arbeit in Schönbrunn zu präsentieren.

DIE FURCHE: Der Panda ist also ein Mittel zum Zweck?
Schratter: Natürlich braucht es auch Flagship-Arten. Ja, der Große Panda ist so ein Beispiel. Die Menschen lieben große Tiere, Felltiere und Tiere, bei denen sich viel tut, wie die Kattkas oder die Erdmännchen. Solche Arten braucht man, damit die Leute auch kommen und der Artenschutz finanziert werden kann.

DIE FURCHE: Wie finanziert sich der Tiergarten Schönbrunn?
Schratter: Wir erhalten uns seit sechs Jahren zu 100 Prozent selbst. 2018 haben wir 25 Millionen eingenommen. Davon sind 80 Prozent die Eintrittsgelder. Sieben Prozent sind Pachten, also zum Beispiel die Gastronomie, der Rest sind Patenschaften, Spenden, Sponsoren. Fakt ist: Wir leben von den Besuchern.

DIE FURCHE: Der Zoo der Zukunft, sagen wir im Jahre 2050: Wie wird der aussehen?
Schratter: In einem bin ich mir sicher: Geben wird es den Zoo immer noch. Man wird sich jedoch zunehmend auf jene Arten beschränken, die gefährdet sind.

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