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Von Disharmonien im Geschlechterduett

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Auch im Bereich der Musik gibt es nach wie vor einen Gender-Gap. In so manchem Fach spielen Frauen immer noch die zweite Geige.

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Auch im Bereich der Musik gibt es nach wie vor einen Gender-Gap. In so manchem Fach spielen Frauen immer noch die zweite Geige.

Gut eingepackt in Schal und Haube sitzt er auf der kalten Holzbank und versucht, seine starren Hände mit dem Atem zu erwärmen. Der weiße Hauch, der ihn dabei kurzzeitig umweht, ist ebenso charakteristisch wie sein Geschlecht. Organist oder Kirchenmusiker: Das ist nach gängiger Vorstellung typischerweise ein Mann. Doch trifft das nach wie vor die Realität? Eine Frage, die kürzlich im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Gender Screening_mdw" der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien gestellt wurde, die Studienrichtungen hinsichtlich ihrer Geschlechter-Zusammensetzung und aktueller Arbeitsbedingungen durchleuchtet. "Bei uns ist die Frau zu allen Ämtern zugelassen - das zieht sich durch alle Bereiche", erklärte etwa Ines C. Knoll, Pfarrerin der Lutherischen Stadtkirche Wien. "Auch in der Kirchenmusik achten wir auf Qualität und nicht darauf, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt."

Unsichtbare Kirchenmusikerinnen

Etwas anders stellt sich die Situation in der katholischen Kirche dar. Zwar gibt es auch hier Organistinnen und Kirchenmusikerinnen, sie könnten sich nur tendenziell schwerer behaupten, glaubt Wolfgang Sauseng vom Institut für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik der Wiener Musikuni. "In meiner Amtszeit als Kirchenmusiker musste ich leider immer noch eine latente Frauenfeindlichkeit beobachten", erzählt er. Doch bei den Studierenden an seinem Institut sei das Geschlechterverhältnis mit elf Frauen und zwölf Männern ausgewogen. Ein Umstand, der sich "draußen", im Berufsfeld, jedoch nicht widerspiegelt: "Seit 1999 habe ich mich genau zweimal für eine Stelle bewerben können. Bei einer gab es nicht einmal ein Hearing, weil man von vorneherein einem Mann zugesagt hat", berichtet die Grazer Kirchenmusikerin und Theologin Renate Nika beim "Gender Screening". Auch die Wiener Organistin Erzsébet Windhager-Geréd ortet Benachteiligungen: "Obwohl Frauen mittlerweile 50 Prozent in der Kirchenmusik ausmachen, hat es im Jahr 2010 keine einzige in die 'Festschrift 100 Jahre Kirchenmusik' geschafft. Dabei ist es so wichtig, dass wir als kompetente Fachleute wahrgenommen werden."

Eine Kluft zwischen Männern und Frauen zeigt sich auch beim Blick auf die Studierendenstatistik aller anderen, öffentlichen Musikuniversitäten Österreichs: Fächer wie Kontrabass, Trompete, Posaune, Basstuba, Schlagzeug und Horn sind nach wie vor "Männersache", hingegen muss man männliche Viola-Virtuosen und Flötisten mit der Lupe suchen. Welche Instrumente als "männlich" oder "weiblich" gelten, unterliegt aber offenbar einem historischen Wandel. "Violine oder Orgel zu spielen verträgt sich nicht mit den Grazien des weiblichen Geschlechts", behauptete der Schriftsteller Karl Heinrich Heydenreich anno 1800. "Die Virtuosin thut als solche auf schöne Weiblichkeit verzichten ." Heute hingegen gilt die Geige durchaus als feminin - zumindest verglichen mit Blechblasinstrumenten. "Die Bläser und Bläserinnen kommen eher aus den ländlichen Gegenden Österreichs. Ich denke, dass dort immer noch die Haltung vorherrscht, dass Burschen Blechinstrumente spielen. Dass das auch Mädchen machen könnten, hat sich noch nicht so durchgesetzt", weiß die Vizerektorin der Wiener Musikuniversität, Ulrike Sych. Dennoch: Ein Anstieg des Frauenanteils in diesen Fächern sei zu beobachten.

Von der Schwierigkeit, aus der Rolle zu fallen

In bestimmten Musikbereichen ist es freilich schwierig, die Genderteilung aufzuheben. "In der darstellenden Kunst ist man an die Rollen gebunden", erklärt Sych. "Wenn eine Oper für Sopran komponiert ist, braucht man eine Frau, wenn sie für Bariton geschrieben ist, einen Mann." Nur durch die Stückauswahl könne man hier ausgleichend wirken.

Mit Projekten wie "Gender Screening_ mdw" versucht die Musikuniversität jedenfalls, dem Diskussionsbedarf in Sachen Geschlecht und Musik gerecht zu werden. "Es muss der ganzen Genderthematik eine offene und wertschätzende Kommunikationskultur zugrunde liegen", so die Vizerektorin. "Wenn wir das in allen Bereichen schaffen, dann hört sich das Diskriminieren aufgrund des Geschlechts hoffentlich auf."

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