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Von Tauben und Blonden

Können Kinder ohne Vorurteile aufwachsen? Fachleute skizzieren Konzepte für ein vorurteilsbewusstes Leben.

Eines Tages kamen meine Kinder zu mir und sagten: ,Wir mögen die Tauben nicht'", erzählt der bekannte Kinder-und Jugendpsychiater Max Friedrich. Etwas unüberlegt stimmte er seinen Kindern zu. "Ja, Tauben können überhand nehmen, die Gebäude beschmutzen und überdies Krankheitskeime übertragen." Dann fragte Friedrich seine Kinder, wo sie denn die Tauben gestört hätten? Da erzählten diese, dass an diesem Tag taubstumme Kinder den Kindergarten besucht hätten. "Da ist es mir nicht gut gegangen", gestand der Vorstand der Universitätsklinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie am AKH. "Auf die Idee, dass meine eigenen Kinder so etwas sagen könnten, wäre ich nie gekommen." Tatsächlich hatte sich sein Nachwuchs ein wenig vor den behinderten Kindern gefürchtet, da deren Mimik krankheitsbedingt anders war.

Mit diesem Beispiel machte Max Friedrich deutlich, wie arglos Kinder Urteile aufwerfen und wie es durch einfühlsame Erklärungen möglich ist, dass sich solche "Vor-Urteile" eben nicht zu Vorurteilen verhärten. Wie Kinder, die ohne Vorurteile geboren werden, dennoch in ein vorurteilsbehaftetes Leben hineinwachsen und wie man gegensteuern kann, war Gegenstand eines Symposiums des Sir Peter Ustinov Instituts, das vergangene Woche in Wien zahlreiche Experten versammelte.

"Es wird keine Welt ganz ohne Vorurteile geben, es kann aber eine vorurteilsarme Welt geben", betont Friedrich: "Der Mensch kommt als vorinstallierte Hardware auf die Welt, um dann durch Wahrnehmung sein Gehirn weiter auszubilden. Dann kommt erst die Software hinzu: Feinmotorik, Kritik-und Urteilsfähigkeit."

Kritische Phasen

Vorurteile sind zunächst neutral. "Wir alle begegnen unserer Welt mit Vorurteilen im Sinne der Ordnung unserer Wahrnehmung und Orientierung", erklärt die Wiener Kinderpsychologin Brigitte Sindelar die Entstehung des sozialen Phänomens. "Vorurteile brauchen einen Boden, auf dem sie wachsen können." Durch die Übernahme von Rollen, durch Nachahmung und Identifizierung könnten Vorurteile entstehen. Sie selbst sei stets mit vielen Abwertungen konfrontiert gewesen, erzählt sie scherzend: Sie sei blond, Linkshänderin und Burgenländerin. Die erste kritische Phase bei Kindern ist das Vorschulalter, wo Kinder anfangen, Dinge zu klassifizieren (siehe Artikel unten). "Je höher das Selbstwertgefühl eines Kindes, umso geschützter ist dieses vor Vorurteilen." Der Schlüssel heiße Bewusstseinsbildung. Die zweite Phase, in der Vorurteile leicht entstehen und sich verfestigen könnten, sei die Pubertät, erklärt Sindelar von der Sigmund Freud Universität in Wien. Der Jugendliche suche nach Identität und Gruppenzugehörigkeit.

An einem drastischen Beispiel eines Jugendlichen skizziert Ernst Berger, Professor am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel, Strategien gegen Vorurteile. Berger erzählt von einem 14-jährigen Patienten, der in gewalttätige, rechtsradikale Kreise geraten war. "Der junge Mann hatte zudem ein Suchtproblem, das wiederum im Spannungsfeld zu seiner Gruppe stand, in der Drogen abgelehnt wurden." Der Jugendliche stammte aus einer zerrütteten Familie. Die Mutter hatte die Familie verlassen, um mit einem ausländischen Partner zusammen zu sein. Der Vater hatte später eine Polin kennen gelernt. Diese Situation bildete den Hintergrund für die ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit des Buben.

"Es galt nun, die Entstehung der starken Vorurteile des Kindes zu verstehen und gleichzeitig mussten Wege gefunden werden, wie er mit Vorurteilen umgehen lernte. Wir gaben ihm Information über Rechtsradikalismus, wir brachten ihn mit einem Zeitzeugen des nationalsozialistischen Terrors zusammen, und das setzte einen Prozess in Gang. Nach einer Weile suchte der Jugendliche von sich aus Kontakt zu dem Zeitzeugen", erzählt Berger. Zugleich wurde aber auch psychotherapeutisch mit dem Jugendlichen gearbeitet - und es war erfolgreich. Strategien gegen Vorurteile müssen laut Berger umfassend ansetzen; zunächst auf einer pädagogischen Ebene, nicht nur in einzelnen Schulprojekten, sondern der Gesamtlehrplan müsse auf diese Problematik hin ausgerichtet sein.

Vielfalt und Toleranz

Berger weist auch darauf hin, dass Vorurteile keineswegs natürlich seien, wie oft behauptet wird. Angstabwehr müsse nicht zu Vorurteilen führen. Normale psychisch-kognitive Prozesse könnten leicht "kippen", wenn Informationen, die wir wahrnehmen, unvollständig oder einfach verallgemeinert würden. Hier gelte es anzusetzen.

Eltern und Pädagogen gibt Max Friedrich einen Rat zur Prävention von Vorurteilen auf den Weg: Authentizität, zu sich selbst zu stehen, seine Meinung auszudrücken und zu erklären. Friedrich macht das an einem Beispiel deutlich: Er habe einst mit der früheren Politikerin Heide Schmidt diskutiert, die eine Abnahme der Kruzifixe in den Klassenzimmern gefordert hatte. Er habe dafür plädiert: "Nicht die Kreuze entfernen, sondern Davidsterne und Halbmonde und weitere Symbole hinzufügen." Es gehe um Vielfalt, die den Kindern nahegebracht und erklärt werden müsse.

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