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Vorteile, aber keine Wunder erwartet

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Von der anderen Seite gesehen: Sabine E. Selzer hat mit 74 großteils jugendlichen Ungarn über die EU-Erweiterung gesprochen. Hier eine Zusammenfassung.

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Von der anderen Seite gesehen: Sabine E. Selzer hat mit 74 großteils jugendlichen Ungarn über die EU-Erweiterung gesprochen. Hier eine Zusammenfassung.

Budapest an einem späten Novembernachmittag. Stoßzeit. Auf der Andrassy ut staut sich der Verkehr vor der roten Ampel am Oktogon. Quietschend fährt die Straßenbahn ein, die Wartenden drängen sich zu den Türen. Zwei junge Männer in grauen Anzügen schwenken ihre Aktentaschen und unterhalten sich angeregt auf Französisch. An der Ecke vor dem Burgerking verteilt eine ältere Frau Flugblätter, die für eine Sprachschule werben. Eine Gruppe ungarischer Jugendlicher steuert lachend auf die schicken, neuen Lokale am Liszt Ferencz ter zu. Neben dem Abgang zur Földalatti, der ältesten Untergrundbahn Kontinentaleuropas, sitzt ein ärmlich gekleideter Mann mit Schwielen an den nackten Füßen und wartet darauf, dass jemand Münzen in seinen Pappbecher wirft. Drei Spanierinnen studieren angestrengt einen Stadtplan. Eine alte Frau bietet Blumensträußchen zum Verkauf an, kaum jemand beachtet sie. Die Ampel wird grün, und die Autokolonnen auf der Andrassy kommen in Bewegung, ein paar Nachzügler hasten noch zur überfüllten Straßenbahn, und die Spanierinnen steuern auf die andere Straßenseite zu. Der Obdachlose sitzt immer noch selbstvergessen und in sein Schicksal ergeben am Eingang zur U-Bahn-Station.

Wirtschaftsuniversität. Ein Seminarraum am Nemet tanszek, dem Lehrstuhl für Deutsch. 22. November. Vormittag. Ein Student hält ein Referat über den bevorstehenden Beitritt Ungarns zur Europäischen Union. Für die angehenden Wirtschaftsfachleute ein besonders wichtiges Thema. Sie alle verfügen über umfassende Fremdsprachenkenntnisse und hoffen auf gute Arbeitsplätze mit angemessener Entlohnung ihrer Leistung. Sei's in Ungarn, sei's in einem anderen europäischen Land. Man ist flexibel. Und neugierig, offen für die Welt und die Möglichkeiten, die sich in Zukunft bieten könnten.

Kluft wird größer Ungarns Wirtschaft hat sich sehr schnell entwickelt in den letzten Jahren, besonders natürlich in Budapest; in den Komitaten, vor allem im Osten ist noch viel zu tun. Vor allem in der Landwirtschaft werden Reformen nötig sein. Aber im Vergleich zu den anderen Beitrittskandidaten kann sich Ungarn durchaus sehen lassen. Ein großes Problem ist nur der Umweltschutz, oder eher dessen mangelnde Umsetzung. Und das ist überall im Land offensichtlich. Hier wird einerseits gespart, andererseits ist das Bewusstsein für nötige Maßnahmen nur theoretisch entwickelt. Im Großen und Ganzen verspricht man sich vom EU-Beitritt aber Vorteile, auch wenn man keine Wunder erwartet, Entwicklungen brauchen Zeit, und die gut zehn Jahre, die seit der Wende vergangen sind, sind in der Geschichte eine lächerlich kurze Periode. Vor allem für die ländlichen Gemeinden, in denen die meisten nicht sehr optimistisch in die Zukunft schauen.

Während sich Budapests Wirtschaft in atemberaubendem Tempo entwickelt, scheint sich in vielen Dörfern und kleineren Städten gar nichts zu ändern. Jedenfalls nichts zum Besseren. Skepsis und Resignation greifen um sich, der eine oder andere schielt sehnsüchtig nach dem gelobten Westen und glaubt schon lange nicht mehr daran, dass Ungarn nach einem EU-Beitritt auch ein Stück vom großen Kuchen abbekommen wird. Außerdem sei das Land bei weitem nicht reif für die EU.

Vielen sei es außerdem in kommunistischen Zeiten besser gegangen. Zumindest finanziell. Alle hatten gleich wenig, es gab keine reichen Nachbarn, die man beneiden musste. Es gab mehr Arbeitsplätze und dafür weniger zu tun. Ja, die Freiheit ist schön und gut, aber man kann sie nicht essen und davon keine Mieten bezahlen. Budapest ist aufgeblüht, das stimmt, aber die Budapester, die sind doch ohnehin nur eingebildet. Selbstbewusst könnte man es vielleicht auch nennen.

Auch in der Hauptstadt hat sich die erste Euphorie bereits gelegt. Man hat das Wirtschaftswachstum zum einen mit Umweltbelastungen bezahlen müssen, zum anderen mit einer zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft. Obwohl sich allmählich eine Mittelschicht etablieren kann, wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Einige Teile der Innenstadtbezirke haben fast Ghettocharakter.

Das Gehalt hängt nicht nur von einer guten Ausbildung ab. Privatwirtschaft oder nicht Privatwirtschaft, das ist die Frage, die den Lebensstandard entscheidet. Und die Preise richten sich nicht nach den kümmerlichen Gehältern der Staatsangestellten, die einen Bruchteil dessen verdienen, was man ihren Kollegen am freien Markt bezahlt. Ein Universitätslehrer muss mit umgerechnet 2.700 Schilling im Monat auskommen, während die Mieten in Budapest so hoch sind wie in Wien. Ohne Nebenjobs können viele ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Trotzdem boomen feine, teure Lokale, und viele Geschäfts-inhaber scheinen recht zufrieden mit ihrem Umsatz zu sein.

Von einem EU-Beitritt erhofft man sich eine Lohnangleichung für alle, aber ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist man sich nicht so sicher. Dafür steht fest, dass die Preise noch weiter steigen werden. Schon jetzt ist Budapest viel teurer als der Rest des Landes. Eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel kostet etwa 10 Prozent eines durchschnittlichen Beamtengehaltes. Die Preise in den Supermärkten, unterscheiden sich kaum von denen in den Ländern der EU. Eine Ausnahme sind die Grundnahrungsmittel. Brot ist billig, die Butter drauf allerdings schon teurer. Eine weitere mit dem Beitritt verknüpfte Hoffnung ist, einen größeren Absatzmarkt für ungarische Produkte zu finden, was die heimische Wirtschaft weiter ankurbeln würde. Umgekehrt fürchtet man die wachsende Konkurrenz in vielen Bereichen.

Unvermeidliche EU In Bezug auf den Zeitpunkt des EU-Beitritts herrschen sehr unterschiedliche Meinungen. Man rechnet damit zwischen 2002 und 2015, wobei 2005 das "magische Jahr" zu sein scheint, in dem die meisten Befragten eine Integration für realistisch halten. Viele sehen den Beitritt aber nicht als die große Chance sondern eher als eine Fügung ins Unvermeidliche, da Ungarn auf Dauer als kleines Land alleine außerhalb der EU nicht überlebensfähig wäre. Den Anpassungsdruck an die EU und die damit einhergehende Gefährdung der eigenen Traditionen sowie der kulturellen Identität nimmt man widerstrebend in Kauf. Auch der schwache Euro macht nicht gerade Werbung für die Union. Ein überzeugter Gegner des Beitritts dachte sogar an eine alternative Vereinigung: eine Union der Länder Mittel- und Osteuropas, die sich gegenseitig ergänzen und eine selbstständige Wirtschaftsmacht neben EU, USA und Japan bilden könnten, eine Vision, die aber wenige teilen.

Was derzeit vielen zu schaffen macht, ist das mangelnde Vertrauen in die Regierung. Es wird vermutet, dass viele (korrupte) Politiker schon heute eher in die eigene Tasche arbeiten als die Interessen des Landes im Auge behalten. Auch lenken Machtkämpfe in der Innenpolitik von den eigentlichen Problemen des Landes ab. Allerdings kann man darauf als gelernter Österreicher wohl nur antworten: Willkommen in der EU!

Die Autorin ist Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Budapest.

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