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Wahl und Verweigerung

Ende Mai wird Europa ein neues EU-Parlament wählen. Es ist eine wichtige Wahl, und trotzdem werden viele Bürger nicht an ihr teilnehmen. Tatsächlich sind viele Menschen in Österreich aber auch in der tschechischen Republik enttäuscht von der Politik. Aber jene, die nicht wählen, sollten sich bewusst sein: Sie wählen -und zwar noch mehr als die teilnehmenden Wähler: Indem sie nämlich nicht wählen, senden sie keine negative, sondern gar keine Botschaft an irgendjemanden. Arithmetisch ist das so: Wenn die Hälfte der Wahlbevölkerung zu Hause bleibt, bekommen die Stimmen jener, die wählen gehen, doppeltes Gewicht. Was die Nichtwähler also als Botschaft senden, ist keineswegs Protest. Eigentlich bekunden sie, dass sie mit allem einverstanden sind und dass sie deshalb nicht wählen, weil es keinen Grund gibt, sich zu beschweren. Ich selbst bin noch nicht sicher, welche Partei ich wählen werde, aber ich weiß ganz genau, wer meine Stimme nicht bekommen wird. Und ist es nicht genau das, worum es in der Demokratie geht? Dass man nämlich das Recht hat, zu sagen was man nicht will. Es geht nicht um die Hoffnung auf eine ideale Politik oder um einen rettenden Politmessias (Wer immer ein solches Versprechen abgibt ist ein Lügner -und wer es glaubt, ist ein unrettbarer Dummkopf, der sein Leben in einer demokratischen Depression verbringt). Es geht vielmehr darum, gewisse Arten und Strömungen von Politik loszuwerden, indem man eine andere Strömung wählt. Jene Politiker, die man nicht mehr am Ruder sehen will, lassen sich nicht vertreiben, indem man nicht wählen geht. Man muss gegen sie wählen. Es ist tatsächlich so wie mit dem unflätig zur Verachtung erhobenen Mittelfinger. Man muss den Finger erst zeigen, bevor man die zugrundeliegende Botschaft transportieren kann. Darum wird es gehen, in Prag, in Wien und in ganz Europa.

Der Autor ist Professor für Ökonomie an der Karlsuniversität Prag

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