Was Buben brauchen  - © Foto: iStock / Imgorthand
Gesellschaft

Was Burschen brauchen

1945 1960 1980 2000 2020

Männliche Schüler gelten als laut, wild, faul – und werden mittlerweile als Bildungsverlierer degradiert. Finden ihre Bedürfnisse genügend Beachtung? Eine Reflexion.

1945 1960 1980 2000 2020

Männliche Schüler gelten als laut, wild, faul – und werden mittlerweile als Bildungsverlierer degradiert. Finden ihre Bedürfnisse genügend Beachtung? Eine Reflexion.

"Burschen sind halt so“ – das ist einer der Standardsätze, den Petra Winter immer wieder von der Lehrerin ihres Sohnes zu hören bekommt, wenn es um dessen schlechte Betragensnoten geht. Auch wenn die Pädagogin nur versucht, die besorgte Mutter zu beruhigen, ihre Worte sagen mehr aus, als ihr vermutlich bewusst ist: Geschlechtsspezifisches Schubladendenken ist im Jahr 2019 noch tief verwurzelt. Auch in der Schule. Während Mädchen als sorgfältig, fleißig und höflich gelten – und damit den Prototyp des guten Schülers abgeben –, werden ihre männlichen Pendants als widerspenstig, wild und faul beschrieben. „Charakteristika, die in einer Bildungsstätte automatisch dazu führen, dass man aneckt“, sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien. Mit Folgen. Mädchen würden laut Spiel nachweislich häufiger gelobt als getadelt. Bei den Burschen verhielte es sich umgekehrt. „Wen wundert das? Jeder Lehrer hat lieber Schüler, die mitarbeiten, den Unterricht nicht stören und fleißig sind.“ Auf Burschen wirkt diese Tatsache demotivierend: Sie haben in der Regel schlechtere Noten als Mädchen. Auf 60 Burschen, die eine Klasse wiederholen, kommen nur 40 Mädchen. Und während hierzulande 47 Prozent der Mädchen maturieren, erwerben nur 33 Prozent der Burschen eines Jahrgangs die Hochschulreife. Dagegen gibt es weitaus mehr männliche Schulabbrecher (37,5 Prozent) als weibliche (29,1 Prozent).

Welches Männerbild wird vermittelt?

In den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die typischen Bildungsverlierer die katholischen Mädchen vom Land. Heute zählen junge Männer zur Hauptri­sikogruppe. Kommt noch ein Migrationshintergrund und/oder ein bildungsfernes Elternhaus dazu, potenziert sich die negative Ausgangslage. Einen Grund macht Gerhard Spitzer, Verhaltenspädagoge und Obmann des Vereins „Kiddycoach“, unter anderem innerhalb des Diskurses aus, der rund um die Frauenbewegung geführt wird. Er sagt: „Die Geschlechter­Emanzipation ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit. Aber die Debatte wurde oder wird auf dem Rücken der Buben ausgetragen.“ So beobachte er in seinen Beratungen große Verunsicherung seitens der Eltern. Es ginge oft darum, welches Männerbild den Buben vermittelt werden solle. „Die Männlichkeit per se steht auf dem Prüfstand undeine Alternative ist nicht in Sicht. Manchmal habe ich das Gefühl, den Buben wird eine gewisse Erbschuld aufgebürdet“, gibt sich Spitzer provokant. „Verhaltensmuster kann man sozialisieren, Grundbedürfnisse nicht. Die sind angeboren.“ Buben stehen also mit der Schule auf Kriegsfuß, weil sie Buben sind? Für Bildungsforscherin Spiel greift diese Schlussfolgerung zu kurz. Dennoch sagt sie: „Was stimmt, ist: Das Schulsystem will fleißige und brave Kinder. Entsprechend der Geschlechtsstereotype sind das primär Mädchen und nicht die Knaben.“

"Burschen sind halt so“ – das ist einer der Standardsätze, den Petra Winter immer wieder von der Lehrerin ihres Sohnes zu hören bekommt, wenn es um dessen schlechte Betragensnoten geht. Auch wenn die Pädagogin nur versucht, die besorgte Mutter zu beruhigen, ihre Worte sagen mehr aus, als ihr vermutlich bewusst ist: Geschlechtsspezifisches Schubladendenken ist im Jahr 2019 noch tief verwurzelt. Auch in der Schule. Während Mädchen als sorgfältig, fleißig und höflich gelten – und damit den Prototyp des guten Schülers abgeben –, werden ihre männlichen Pendants als widerspenstig, wild und faul beschrieben. „Charakteristika, die in einer Bildungsstätte automatisch dazu führen, dass man aneckt“, sagt Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Universität Wien. Mit Folgen. Mädchen würden laut Spiel nachweislich häufiger gelobt als getadelt. Bei den Burschen verhielte es sich umgekehrt. „Wen wundert das? Jeder Lehrer hat lieber Schüler, die mitarbeiten, den Unterricht nicht stören und fleißig sind.“ Auf Burschen wirkt diese Tatsache demotivierend: Sie haben in der Regel schlechtere Noten als Mädchen. Auf 60 Burschen, die eine Klasse wiederholen, kommen nur 40 Mädchen. Und während hierzulande 47 Prozent der Mädchen maturieren, erwerben nur 33 Prozent der Burschen eines Jahrgangs die Hochschulreife. Dagegen gibt es weitaus mehr männliche Schulabbrecher (37,5 Prozent) als weibliche (29,1 Prozent).

Welches Männerbild wird vermittelt?

In den 1960er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die typischen Bildungsverlierer die katholischen Mädchen vom Land. Heute zählen junge Männer zur Hauptri­sikogruppe. Kommt noch ein Migrationshintergrund und/oder ein bildungsfernes Elternhaus dazu, potenziert sich die negative Ausgangslage. Einen Grund macht Gerhard Spitzer, Verhaltenspädagoge und Obmann des Vereins „Kiddycoach“, unter anderem innerhalb des Diskurses aus, der rund um die Frauenbewegung geführt wird. Er sagt: „Die Geschlechter­Emanzipation ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit. Aber die Debatte wurde oder wird auf dem Rücken der Buben ausgetragen.“ So beobachte er in seinen Beratungen große Verunsicherung seitens der Eltern. Es ginge oft darum, welches Männerbild den Buben vermittelt werden solle. „Die Männlichkeit per se steht auf dem Prüfstand undeine Alternative ist nicht in Sicht. Manchmal habe ich das Gefühl, den Buben wird eine gewisse Erbschuld aufgebürdet“, gibt sich Spitzer provokant. „Verhaltensmuster kann man sozialisieren, Grundbedürfnisse nicht. Die sind angeboren.“ Buben stehen also mit der Schule auf Kriegsfuß, weil sie Buben sind? Für Bildungsforscherin Spiel greift diese Schlussfolgerung zu kurz. Dennoch sagt sie: „Was stimmt, ist: Das Schulsystem will fleißige und brave Kinder. Entsprechend der Geschlechtsstereotype sind das primär Mädchen und nicht die Knaben.“

„ Die Auswahl des Spielzeuges hat Einfluss auf das Verhalten. Das Puppenspiel fördert die soziale Kompetenz. Das Hantieren mit Rittern und Piraten animiert die Wettkampflust. (Christiane Spiel)“

Der auch in den Wissenschaften umstrittenen These, dass Buben von Natur aus bestimmte Verhaltensmuster mitbrächten, stünde sie kritisch gegenüber. Stattdessen thematisiert sie in diesem Zusammenhang das Phänomen der „Selffulfilling Prophecy“. Kinder würden sich demnach oft so verhalten, wie man es von ihnen erwarte.
Zudem hätte auch das Spielzeug, das man ihnen zur Verfügung stellt, Einfluss auf das Verhalten der Kinder. „Man weiß, dass das Puppenspiel die soziale Kompetenz fördert. Das Hantieren mit einem Piratenschiff oder einer Ritterburg animiert stattdessen die Lust auf den Wettkampf.“ Die uralte philosophische Frage nach dem Henne-­Ei-­Problem kommt also auch hier zum Tragen: Was ist der ursprüngliche Auslöser der Kausalkette – Zuschreibung oder Veranlagung?

Ungleiche Behandlung im Kleinkindalter

Forscherin Spiel verweist zur Illustration von Zuschreibung auf eine Studie, bei der herausgefunden wurde, dass Erwachsene unterschiedlich auf Säuglinge reagieren – je nachdem, welche Farbe ihre Kleidung hat. „Babys in rosa werden sanfter behandelt als jene in blau.“ Die ungleiche Behandlung ginge im Kleinkindalter weiter. Besonders Väter machten einen Unterschied. „Sie ermutigen ihre Söhne, sich riskant zu verhalten. Zum Beispiel auf dem Spielplatz, wenn es darum geht, noch ein wenig höher zu klettern. Die Töchter werden dagegen ermahnt, aufzupassen.“ Was ist dran an dem Vorwurf, der Feminismus wirke sich nachteilig auf die Entwicklung von Burschen aus? Spiel: „Geschlechtsstereotypen sind für Mann und Frau eine Verhaltenseinschränkung. Das wissenschaftliche Augenmerk hat sich aber in den letzten Jahren verstärkt auf die Nachteile gerichtet, die für Mädchen entstehen. Über die Belange der Knaben wird und wurde zu wenig geforscht.“ Was ist zu tun, damit die Burschen von heute nicht zu den Verlierern von morgen werden?

„Wir brauchen mehr männliche Rollenvorbilder in den Kindergärten und in der Volksschule“, sagt „Kiddycoach“­Obmann Spitzer. „Die Burschen müssen sich spiegeln, messen, sich abgrenzen.“ Eine Forderung, die auch Spiel für notwendig hält. Daneben plädiert sie für einen „genderfreien Unterricht“. „Dafür braucht es eine Supervision für Lehrer, in der sie
darüber reflektieren, ob sie selbst Stereo­ typen bedienen. Auch muss der Unter­richt selbst viel individueller gestaltet
werden.“ Ein Umdenken innerhalb des Schulsystems wünscht sich indes auch Burschen-Mama Petra Winter . „Ich finde, es ist an der Zeit, genauer auf die Bedürfnisse unserer Söhne zu schauen. Bewegung, Reibung, Anreize – was brauchen sie, um sich gut entwickeln zu können? Es muss doch einen Mittelweg geben zwischen der gefürchteten ‚Toxic masculinity‘ und einer vollkommenen Desorientierung in der Erziehung von Buben.“