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Was ist soziale Gerechtigkeit?

Anmerkungen eines Soziologen zu einem vielstrapazierten Begriff.

Bei uns in Salzburg herrscht Wahlkampf. Manche Plakate thematisieren die soziale Gerechtigkeit. Besonders auffallend ist hier eine Folge von drei Bildern, auf denen sich einer der Landespolitiker mit jeweils einem anderen Mitglied seines Teams zeigt. Bild eins trägt die Aufschrift "Hut ab vor sozialer Gerechtigkeit". Der Held nimmt auch wirklich den Hut ab und formt dazu mit seinem Begleiter in der Gebärdensprache für Taubstumme - eine Fußnote weist eigens darauf hin - die Begriffe "Gerechtigkeit" und "Toleranz". Auf Bild zwei haben der Held und eine hübsche junge Frau jeweils die Hälfte dieses abgenommenen Hutes aufgesetzt und machen dazu das Zeichen für "kämpfen"; die zugehörige Inschrift sagt "Wir kämpfen für Halbe-Halbe". Die Inschrift auf Bild drei ist "Grüne Hoffnung für Mensch und Natur", wozu der Held und ein anderer Politiker versonnen in die Landschaft blicken.

Halbierter Hut

Gemeint ist wohl das Folgende: Gerechtigkeit bedeutet Aufteilung des durch den Hut symbolisierten Sozialprodukts. Dazu muss es seinen Trägern abgenommen werden. Dann ist es auch für Randgruppen wie die Behinderten da. Davon abgesehen muss es zwischen Männern und Frauen Fifty-Fifty geteilt werden, wenn das auch Kämpfe kostet und manches dabei entzwei geht (an das Kind in der Parabel vom Urteil Salomons haben die Plakatmacher wohl nicht gedacht). Das derart zu verteilende Produkt soll schließlich nachhaltig, in Mensch und Natur gerecht werdender Weise, erwirtschaftet werden.

Die Soziologie verdolmetscht: "Für den Beobachter scheint einfach definierbar zu sein, was Verteilungsgerechtigkeit bedeutet: Es geht um eine weniger ungleiche Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen" (Gert Nollmann und Hermann Strasser). Doch der Teufel steckt hier im sozialpolitischen Detail. Zurzeit tobt ein Streit über die Gerechtigkeit der Märkte: Wer dient der Gleichheit aller besser: der unbehinderte Markt oder eine egalitäre Politik?

Gerechtigkeitsvorstellungen, die ernst genommen werden, orientieren sich nicht an irgendwelchen Wünschen und Interessen, sondern an der Ordnung des Seins. So unterschiedliche Autoren wie Theo Mayer-Maly und John Rawls sehen die Gerechtigkeit als obersten Wert, dem rechtliche, politische und soziale Ordnungen als solche zu entsprechen haben. Das schließt die in diesen Ordnungen lebenden Soziologen mit ein.

Ein solcher Gerechtigkeitsbegriff ist freilich so hoch gehängt und zugleich so sehr in aller Munde, dass er ein wenig schal, dass er zum "durch Überanstrengung abgenutzten Formalbegriff" (Theodor Geiger) wird. Das hat Gegenreaktionen ausgelöst. Niklas Luhmann bemerkt mit genüsslicher Kühle, das Potenzial des Gerechtigkeitsbegriffs sei für hochkomplexe Gesellschaftsordnungen erschöpft, Appelle an ihn seien nur noch Beteuerungen konkret nicht umsetzbarer guter Absichten, an deren Stelle schön langsam die Systemtheorie zu treten habe. Bekannt ist auch das Bonmot Friedrich August v. Hayeks, soziale Gerechtigkeit sei ein Aberglaube wie der Glaube an Hexen, denn beide könne es nicht geben, wohingegen der unbehinderte Markt die optimale Bedürfnisbefriedigung für alle garantiere. Auch Hans Jonas ist Appellen an die soziale Gerechtigkeit gegenüber skeptisch: Sie seien ein sine-qua-non, wenn Politiker (wie die Grünen im Salzburger Wahlplakat) an das Volk außerordentliche Zumutungen stellten.

Trotzdem wird sich niemand, auch der ungerecht Handelnde nicht, gerne selbst als ungerecht definieren und der Ungerechtigkeit bewusst den Vorzug vor der Gerechtigkeit geben. Eine Handlung, einen Menschen, eine Ordnung als gerecht zu erfahren, gewährt eine tiefe Befriedigung, worin selbst etwas Ästhetisches mitschwingt: Es bekräftigt den Einklang der Menschenwelt mit der Seinsordnung. Der Begriff der Gerechtigkeit ist älter als Marktmodelle und Systemtheorien und wird sie wohl auch überdauern. Er ist der Kammerton, auf den soziale Ordnungen gestimmt sind. Wenn auch nicht konkret umsetzbar, dient er doch als Maßstab, an dem soziale Missstände gemessen werden können.

Diesem Maßstab können die Handlungen Einzelner, aber auch soziale Verhältnisse und Institutionen mehr oder minder entsprechen. Hier kann es zu Widersprüchen kommen. Goethe hat einmal bemerkt, es liege nun einmal in seiner Natur, eine Ungerechtigkeit leichter ertragen zu können als Unordnung. War er deshalb ein Schuft? Entgegengesetzt denken Revolutionäre, die bestehende Ordnungen zugunsten eines Mehr an künftiger Gerechtigkeit zerstören möchten. Ein gewisses Maß an Toleranz für Ungerechtigkeiten ist der Preis, der für die Freiheit des Einzelnen zu zahlen ist. Das ist eine Unzulänglichkeit. Doch deren Nichtakzeptanz führt zum Totalitarismus.

Seit Aristoteles gilt die Verteilungsgerechtigkeit als die Urform der sozialen Gerechtigkeit. Doch es wäre gut, wenn man wüsste, was Verteilungsgerechtigkeit ist. Sie erscheint in zwei Hauptgestalten, hierarchisch und egalitär: "Jedem das Seine" und "Jedem das Gleiche". Heute dominiert der Egalitarismus bis hinein in die Begriffssprache, so in vorgeblich wertfreien, tatsächlich aber polemischen Ausdrücken wie "soziale Ungleichheit" und "Ungleichbehandlung". Wie viel in dieser Identifikation der sozialen Gerechtigkeit mit der Gleichheit an Ressentiment und Rachebedürfnis steckt, hat Friedrich Nietzsche klar gemacht. Dennoch ist "Jedem das Seine", die Gerechtigkeitsvorstellung vordemokratischer Zeitalter, wiewohl politisch nicht mehr korrekt, in faktischer Geltung geblieben. Zum Beispiel bei der Anciennität: Sollen eingelebte Zugehörigkeiten, alte Verdienste, erworbene Rechte, das gegebene Wort, Verlässlichkeit im sozialen Verkehr im Angesicht der Gleichbehandlungsforderung völlig dahinfallen? Soll es dann noch Staaten mit je besonderen Rechts- und Sozialsystemen oder sonstige selbstbestimmte Gruppen geben?

Die Weltgesellschaft ist die Erlösungslehre der vorgeblich werturteilsfreien akademischen Soziologie. Empirisch unbestritten ist, dass die sozialen Verhältnisse mit dem technologischen Fortschritt komplexer und ausgedehnter werden. Weil sich die Einzelnen zusehends spezialisieren und ihre Lebensverhältnisse immer weniger überschauen, sind neue Formen der Integration gefragt. Natürlich haben diese gerecht zu sein. Der Hauptstrom der Soziologie von Comte über Durkheim bis Luhmann hat diesen Trend optimistisch interpretiert: die Entwicklung führe vom gewaltsamen zum rechtsförmigen Interessenausgleich, vom Normativen zum Kognitiven, von konkret fühlbaren zu abstrakt vermittelten Interdependenzen. In diese Richtung verlagere sich auch der Gerechtigkeitsakzent bis hin zur Gleichheit aller vor dem Weltsystem. Solche Hoffnungen klingen in der Globalisierungsdiskussion auf. Freilich gibt es auch Skeptiker, darunter mich: Ich weiß nicht, ob wir alle mit allen unseren Kräften nach einem Weltsystem als Gerechtigkeitsverwirklichungsanstalt streben sollen.

Schönheit ist nicht gerecht

Gerechtigkeit ist ein, aber nicht der oberste Wert. In ihrer Absolutheit wird sie menschenfeindlich. Was in der Theologie die Gnade ist, ist für die Gesellschaft die Sympathie. Sympathie ist nicht gerecht. Doch ohne Sympathie könnten soziale Gruppen weder entstehen, noch sich erhalten noch die Generationen überdauern. Alle sozialen Gruppen sind bereit, ihrer als Abglanz der Seinsordnung empfundenen Harmonie notfalls auch etwas von der Gerechtigkeit zu opfern.

Ein weiterer inkommensurabler Wert ist die Schönheit. Schönheit ist nicht gerecht. Zwar gewährt Gerechtsein auch eine ästhetische Befriedigung, und man spricht ja auch von poetischer Gerechtigkeit, doch eine allumfassende Gerechtigkeitsverwirklichungsanstalt wäre der Tod der Poesie. Kann man sich eine Lyrik in geschlechtergerechter Sprache vorstellen? Die Menschenwelt ist unzulänglich. Wir erkennen zwar oberste Werte und sehen auch, dass sie aufeinander verweisen, doch widerspruchslos und konfliktfrei zusammenführen können wir sie nicht. Das wäre Gott vorbehalten.

Der Autor ist Professor für Kultursoziologie an der Universität Salzburg.

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