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Was tun mit dem potenziellen Verbrecher in uns?

„Das Böse existiert auch in uns, vielleicht in einem verschatteten Anteil unserer Psyche oder in der Tiefe des Unbewussten, vielleicht in einer Gestalt, die wir gar nicht kennen und, wenn es das Schicksal gut mit uns meint, nie in vollem Umfang kennenlernen,“ schreibt der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller in seinem Buch „Das ganz normale Böse“.

Die angebliche Normalität des Bösen ist die Grundthese des Buches. Diese klingt auf den ersten Blick plausibel, kann doch niemand gänzlich ausschließen, in einer extremen Situation zum Verbrecher zu werden. Doch zeigt sich hierin zugleich auch die Schwäche dieser These, denn es lässt sich nur ungefähr erahnen, was mit dem Bösen in unbekannter Gestalt, noch dazu gepaart mit einem vagen Schicksalsbegriff, eigentlich gemeint ist.

Zweifel am Lerneffekt

An anderer Stelle schreibt Haller: „Gefühlswallungen können manches, aber nicht alles entschuldigen, es gibt im vielwurzeligen Motivbündel einer Gewalttat neben Enttäuschung, Eifersucht, Zorn und Wut – auch das Böse.“ Dieses bleibt also wieder vage definiert.

Konkreter wird Haller, wenn er versucht, den „Code des Bösen“ zu knacken: Er nennt Eigenschaften wie sadistische Aggression, Narzissmus, antisoziales Verhalten, die Freude, andere Menschen zu entwürdigen – und all das gut geplant. Der Böse schlechthin zeigt sich in Gestalt des Psychopathen. Dies führt aber von der „Normalität“ des Bösen wieder weit weg.

Von dieser Unklarheit abgesehen führt das Buch spannend durch extreme und „alltäglichere“ Fälle, um auch wissenschaftliche Fragen anzureißen. Etwa: Gibt es einen „Ort“ des Bösen im Gehirn oder Gene, die auf böses Potenzial hindeuten? Beides Fragen, die sehr problematische Konsequenzen haben können (etwa die Definition eines typischen „Verbrechers“). Haller weist diese einengenden Betrachtungsweisen zurück: „Das Böse geht weit über das Organische hinaus. Wir können sicher sein, dass es keinen Ort im Gehirn gibt, wo das Böse gleichsam lauert.“

Dass man vom Buch etwas lernen könne, wie Haller meint, muss bezweifelt werden. Der Autor selbst widmet dem Thema „Was tun gegen das Böse“ nicht einmal eine Seite. Er erklärt, das wäre ein weiteres Buch wert. Vermutlich muss hier eine andere Profession einspringen. (bog)

Das ganz normale Böse

Von Reinhard Haller Ecowin 2009, 219 S., geb. g 19,95

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