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"Was will ich erleben, was nicht?"

Arnd T. May vom Zentrum für Medizinische Ethik der Universität Bochum, über das Verfassen von Patientenverfügungen.

Die Furche: Es gibt viele Muster für Patientenverfügungen. Welche Überlegungen stellen potenzielle Unterzeichner an? Welche Strategien empfehlen Sie?

Arnd T. May: Man sollte sich Gedanken darüber machen, wie man in einer bestimmten Situation behandelt werden möchte. Das setzt voraus, dass man weiß, welche Situation eintreten könnte. Es ist sinnvoll, sich mit dem Hausarzt zu beraten, präventiv bzw. natürlich auch in jenen Fällen, in denen bereits eine konkrete Diagnose vorliegt. Die Leitgedanken dabei sind: Was möchte ich gerne erleben? Und was möchte ich an medizinischen Maßnahmen hingegen nicht für mich in Anspruch nehmen? Man sollte sich bestimmte Muster und Vorlagen von Patientenverfügungen kritisch anschauen, um das Panorama der Möglichkeiten an Formulierungen kennen zu lernen und eine Auswahl treffen zu können. Die Betroffenen werden dann einen individuellen Text erarbeiten, den sie ihrem Arzt vorlegen. Was bedeutet es für Sie, wenn Sie das lesen? Wie versteht der Arzt das formulierte Anliegen? Aus diesem Prozess entwickelt sich eine unterschriftsreife Verfügung.

Die Furche: Die Autonomie der Patientinnen und Patienten einerseits und die Fürsorge der Medizin andererseits scheinen gerade am Lebensende in einem Widerspruch zu stehen ...

May: Ich glaube, Fürsorge und Autonomie sind keine widersprüchlichen Begriffe. Der Eingriff in die Selbstbestimmung in fürsorglichen Situationen muss eben gut begründet sein. Ich sehe durchaus die Berechtigung dafür. Hier ist aber vorab zu klären, warum, in welchem Zeitraum, in welcher Weise Fürsorge eine Rolle spielt. Selbstverständlich ist das fürsorgliche und auf Vertrauen basierende Gespräch zwischen Patienten und Ärzten die Voraussetzung für Selbstbestimmung.

Die Furche: Medizin und Pflege scheinen in der Praxis nicht immer gleiche Schwerpunkte zu setzen: Orten Sie hier unterschiedliche Zugänge?

May: Die Diskussion um Patientenverfügungen ist nicht alleine eine arzt-ethische Frage, in dieser Situation spielt das Pflegepersonal natürlich eine ebenso wichtige Rolle, sie muss in diesem Kontext noch stärker als bisher betont werden. Auch bei einer gesetzlichen Regelung zur Patientenverfügung gehören Positionen von Pflegenden stärker berücksichtigt. Entscheidend ist allerdings hierbei das Arzt-Patienten Verhältnis: Es darf keinen Ethikvorbehalt von Pflegenden geben, der dann das Selbstbestimmungsrecht des Patienten im Rahmen des Erlaubten - etwa durch passive Sterbehilfe oder Sterben-Lassen - ausschließt.

Die Furche: Können Kranke dieser Rolle überhaupt gerecht werden?

May: Wir reden seit vielen Jahren von Patientinnen- und Patientenrechten - diese sind und waren niemals unbegrenzt. Die Ärzteschaft ihrerseits diskutiert ebenfalls, wozu man hier bereit ist und wozu nicht. Die Zentrierung auf den Patienten ist die logische Konsequenz der Aufklärung. Für meine Begriffe hat die Patientenautonomie Vorrang vor Überlegungen einer bestimmten, beteiligten Gruppe, so berechtigt deren Bedenken im Einzelfall sein mögen.

Die Furche: Wie bewerten Sie die Gefahr, dass Patientenverfügungen als Legitimation für Einsparungsmaßnahmen missbraucht werden könnten?

May: Da müsste man ebenso hinterfragen, ob man es zulassen darf, dass ein alter Mensch lebenssatt sagt: Ich esse jetzt nichts mehr und verzichte auf medizinische Behandlung. Wie reagiert man in dieser Situation? Es ist wünschenswert, zu überprüfen, ob eine psychische Störung, etwa eine Depression, vorliegt. Die gleiche Kontrolle muss es auch bei einer Patientenverfügung geben. Das Problem ist, dass in diesem Falle der Betreffende sich möglicherweise nicht mehr artikulieren kann. Dann können nur noch Angehörige und Zeugen befragt werden. In Deutschland soll ein neuer Gesetzesentwurf die Patientenverfügung als Rechtsinstrument stärken, hier sind auch Regelungen zur Interpretation, zur Gebrauchskontrolle, zur Auslegung enthalten. Niemand soll ja seiner Patientenverfügung ausgeliefert sein.

Das Gespräch führte Christina Gastager-Repolust.

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