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"Weil ich liebe, können wir sein"

Kaum einem Thema wird in den Medien soviel Beachtung geschenkt wie den Beziehungen. Es geht dabei nicht nur um Ehe oder Partnerschaften zwischen Mann und Frau, sondern auch um Freundschaftsbeziehungen, das Verhältnis von Eltern und Kindern und beruflichen Bindungen. Wir stellen drei Bücher vor, die sich - jedes mit einem anderen Zugang - mit dem Zusammenleben von Menschen, den Folgen, Problemen, positiven und negativen Begleiterscheinungen und Hindernissen beschäftigen.

Die Angst vor der Zweisamkeit Warum gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr Freude am Zusammensein? Das fragt Psychotherapeut Gerhard Brandl in seinem Buch "Womöglich zusammen leben. Eine psychohygienisch relevante Umschau". Die Konkurrenzmentalität im Berufsleben, das Leben in engen Wohnsilos und andere Erscheinungen fördern den Wunsch nach einer abgesonderten Privatsphäre, nach einem Ganz-für-sich-sein-wollen, das immer ängstlicher gehütet wird, so Brandl. Dabei würde mehr Gemeinsames nicht nur Kraft und Geld sparen helfen, sondern auch dem Fühlen und Wollen der Menschen entsprechen.

Brandl ortet "vielfach verdrängte Bedürfnisse und menschliche Grundbedingungen, die Moden gegenüber resistent sind". Gewisse Dinge, so der Autor, könne man eben nicht abschaffen. Sein Postulat ist "eine Balance zwischen sozialer Zugehörigkeit und personalem Selbstsein." Auf subtile Weise und anhand von Fallbeispielen aus seiner Praxis versucht der Psychotherapeut, eine "Anleitung zum Gespräch" zu geben. Er plädiert für ein Zusammensein, das man "als Aufgabe annehmen und einüben sollte, statt sich in überflüssige Rivalitätskonflikte zu verstricken".

Gerhard Brandl studierte Philosophie, Theologie, Psychologie und Erziehungswissenschaften. Für ihn ist Partnerschaft kein Produkt, sondern eine "mögliche Lebensdynamik", die (auch heute noch!) durchaus ein ganzes Leben dauern kann. Sein Credo: "Weil ich liebe, können wir sein." Der Autor definiert beispielsweise die Ehe als etwas "Fundamentales, und zwar gerade der geforderten Treue wegen". Das Ja-Sagen zu einem anderen Menschen heißt aber auch: Ständig im Werden begriffen zu sein und auch einmal seine Meinung zu ändern. Brandl spricht dabei von "einem Bekenntnis zur Zusammengehörigkeit durch viele kleine Dienste" - bis in den Tod.

Die Ausführungen sind zwar mitunter recht wissenschaftlich gehalten, liegen jedoch fern von jedem Klischee und regen den Leser zum Nachdenken an.

"Womöglich zusammen leben", eine psychohygienisch relevante Umschau.

Von Gerhard Brandl. Ed. AMADIS, Berlin 1999, ungeb., ö 208,-/e 15,11 * "Wahre Liebe" oder bloßer Schein?

Wie werden zwei Menschen zu einem glücklichen Paar? Was hält sie zusammen und was trennt sie? Welchen Einfluss haben Erotik und Eifersucht? Der italienische Soziologe und Sozialpsychologe Francesco Alberoni befasst sich in "Liebe. Das höchste der Gefühle" mit jener Thematik, die alle Kulturen immer wieder aufs Neue beschäftigt. Das Buch, obwohl schon 1998 erschienen, gehört mit Abstand zu den Besten auf dem Gebiet der Beziehungsforschung.

Wenn sich ein Mensch ernsthaft verliebt, erfährt er eine Wiedergeburt, so Alberoni und schreibt: ,,Ohne dieses Erlebnis der Wiedergeburt kann man nicht von wahrer Verliebtheit reden." Dieser italienische Bestseller ist die Quintessenz seiner jahrelangen Studien und das Vermächtnis seines persönlichen Lebens. "Nach unserer Wiedergeburt beginnen wir mit dem Aufbau unserer neuen Identität". Das sogenannte "Historisieren" ist der Prozess, der sich in der Folge einstellt. "Diesen Vorgang durchleben beide Verliebten gemeinsam, indem sie sich ihr Leben erzählen", so der Autor, der 1979 mit seinem Buch "Innamoramento e amore" ("Verliebtheit und Liebe") internationales Renomee erlangte. Das heißt: Die eigene Vergangenheit wird aufgearbeitet. Alte Wunden und persönliche Verletzungen verlieren an Bedeutung. "In der Vergangenheit entdecken die Liebenden die ersten Anzeichen für die Liebe, die sie jetzt vereint. Auf diese Weise verschmelzen die Liebenden nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch ihre Vergangenheit, bis sie schließlich eine gemeinsame Vergangenheit und Identität geschaffen haben."

Liebe kann langsam aus einer Freundschaft entstehen; Menschen können sich jedoch auch binnen Sekunden in eine Person verlieben, die sie noch nie zuvor gesehen haben. Ja, es gibt sie, die Liebe auf den ersten Blick! Sie stelle sich jedoch, so Alberoni, erst "nach einer Reihe von Versuchen ein": Ein verheirateter Manager eines Unternehmens etwa besitzt scheinbar alles im Leben: Macht, Ansehen, Reichtum und zahlreiche Verehrerinnen. Er betrügt seine Frau, so dass sie mit den Kindern davonläuft. Das Unternehmen geht bankrott, die Ehe auseinander. Der Mann ist wieder frei und ungebunden. Er geht zwei Beziehungen ein, in denen er sich jedoch einsam und leer fühlt. Erst als er eine Deutsche am Flughafen kennen lernt, ist es Liebe auf den ersten Blick. Er erkennt in diesem Augenblick, dass er noch nie in seinem Leben wirklich geliebt hat. Der Mann umwirbt sie so lange, bis sie sich von ihrem Mann scheiden lässt und ihn heiratet. Alberonis Fazit: Es handle sich bei der Liebe auf den ersten Blick "um den letzten Akt einer langen Suche". Diese dauert so lange "bis der Betreffende die erforderliche Reife erlangt und die Person gefunden hat, die seinen tiefsten Bedürfnissen gerecht wird."

Warum und zu welchem Zeitpunkt verlieben wir uns? Wenn sich jemand verliebt, befindet sich die Person in einem Reifungsprozess: Sie wünscht sich eine echte Partnerschaft. Alberoni: "Wir verlieben uns, wenn wir zutiefst mit unserem Leben unzufrieden sind und die innere Energie aufbringen können, eine neue Etappe unseres Daseins zu beginnen."

Was geschieht, wenn die Liebe vergeht und einer den anderen verlässt? Die Aussage der populären Filme und TV-Serien ist eindeutig: Sobald jemand keine Liebe mehr für seinen Partner empfindet, geht er einfach nach dem Gebot: "Geh, wohin dein Herz dich trägt" (Susanna Tamaro). Mag sein, dass man niemanden dazu zwingen kann, einen anderen zu lieben. "Das heißt jedoch nicht automatisch, dass wir nicht für die Folgen verantwortlich sind, die sich aus unseren Handlungen ergeben", lautet das Postulat des Autors.

"Liebe. Das höchste der Gefühle", Von Francesco Alberoni. Wilhelm Heyne Verlag, München 1998, gebunden, öS 291,-/e 21,15 * Zuerst fängt alles ganz harmlos an Nicht immer sehen frisch Verheiratete durch die "rosa Brille": Das geht aus den unterschiedlichen Texten, die im Hochzeitsbuch "Schlimme Ehen" des Ehepaars Manfred Koch und Angelika Overath gesammelt sind, hervor. Auszüge aus der Weltliteratur dokumentieren die Höhen und Tiefen, Gefahren, Streitigkeiten und alltäglichen Gepflogenheiten, die im Bund fürs Leben vorkommen können - von der Bibel, Aischylos, den Brüdern Grimm über Clemens Brentano bis zu Ingeborg Bachmann und Martin Walser. Ein breites Spektrum aus vielfältigen Quellen wurde von den beiden Autoren erstellt.

Brisant: In "Augusta wird geheiratet" von Italo Svevo liebt der Bräutigam Zeno Cosini Ada, die Schwester seiner Braut Augusta. Noch am Hochzeitsmorgen hegt er große Zweifel, ob er Augusta das Jawort geben soll oder nicht und denkt sich: "Was wäre denn Besonderes daran, wenn ich nicht hinkäme? Augusta ist ja eine liebenswerte Braut, aber niemand kann wissen, wie sie am Morgen nach der Hochzeit sein wird?..." Dennoch begibt sich der Bräutigam zur Trauung, zu der er verspätet eintrifft. Die "blasse Braut" erweckt sein Mitleid, deshalb bringt Zeno Cosini vor dem Altar ein zerstreutes "Ja" heraus, was er nach der Zeremonie bereut. Der Kommentar von Augusta: "Ich werde stets daran denken, dass du mich geheiratet hast, ohne mich zu lieben."

Dramatisch Martin Walsers Text "Gespreizte Finger": Dr. Benrath hat den Nachmittag mit seiner Geliebten verbracht und kommt nun nach Hause zu seiner Frau Birga: Als er sein Haus betritt, fühlt er sich beobachtet. Er hat große Bedenken, dass "irgendeine Stelle im Netz seiner Lügen in Gefahr" sein könnte. Er sei doch ein anständiger Mann, denkt er sich; sonst "würde er mit kalter Frechheit vor Birga hintreten, ohne Skrupel, ohne tiefinneres Zittern und Angst." Die Affäre dauert schon Jahre; diesmal ist er besonders nervös. Als er in das Wohnzimmer kommt, liegt Birga "rücklings auf dem Wohnzimmerteppich." Tot. Die Finger auseinandergespreizt. Sie hat Selbstmord begangen.

"Schlimme Ehen" ist eine gelungene, kritische Auseinandersetzung mit einer Institution und zugleich eine Huldigung an alle, die es trotzdem versuchen - und schaffen.

"Schlimme Ehen" - Von Manfred Koch und Angelika Overath, gebunden, Eichborn Verlag, Frankfurt 2000, öS 361,-/e 26,23

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