#

Unbewusster Rassismus: Der blinde Fleck

Weiße Eltern Schwarze Kinder Gertraud Klemm - © Foto: Privat
Gesellschaft

Weiße Eltern, Schwarze Adoptivkinder: Unsere „Coconut-Kids“

1945 1960 1980 2000 2020

Außen Schwarz, innen Weiß – oder auch: Geboren in Südafrika, aufgewachsen in Österreich. Schriftstellerin Gertraud Klemm erzählt von Rassismus-Erfahrungen als Adoptivmutter von zwei südafrikanischen Söhnen.

1945 1960 1980 2000 2020

Außen Schwarz, innen Weiß – oder auch: Geboren in Südafrika, aufgewachsen in Österreich. Schriftstellerin Gertraud Klemm erzählt von Rassismus-Erfahrungen als Adoptivmutter von zwei südafrikanischen Söhnen.

Eine Schihütte in Oberösterreich. Mein Großer bestellt einen Mohr im Hemd, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Frau vom Nachbartisch, die uns schon die ganze Zeit mit dieser Mischung aus Wohlwollen und Neugier beobachtet hat, verkrampft sich merklich. An diese unaufgeforderte Anteilnahme haben wir uns gewöhnt. In Österreich sind wir immer noch eine Sensation, wenn wir zu viert auftreten – Weiße Eltern, Schwarze Kinder.

Auch in Südafrika werden wir beäugt, oder in England, oder in Rumänien. Eigentlich überall. Anders ist es, wenn einer von uns alleine mit den Kindern unterwegs ist. Theoretisch könnte die abwesende Mama oder der Papa ja Schwarz und die Kinder leiblich sein. Das Faszinosum ist wohl die Tatsache, dass die Kinder nicht mit uns verwandt sein können; dass man uns die Adoption so ansieht. Meinen Mann und mich stört das gar nicht. Wir haben tolle Kinder, die uns sehr glücklich machen, und wir tun unser Bestes, unsere Kinder auch glücklich zu machen. Wer uns dabei zusehen will: bitte sehr. Stört es die Kinder? Selten. Wenn jemand ganz besonders blöd schaut, oder zum Beispiel in die Haare greift, schon. Unsere Kinder, 14 und 7 Jahre, sind im Babyalter aus Südafrika adoptiert worden. „Coconut- Kids“: So sagen die südafrikanischen Schwarzen zu unseren Kindern. Außen Schwarz, innen Weiß. Weiß wie: Privilegiert. Reich. Europäisch.

Rassismus im Rückenmark

Wir reisen mit unseren Kindern durch Südafrika, sehen an den Autobahnen kilometerweise Townships (während der Rassentrennungspolitik eigens für u. a. Schwarze eingerichtete Wohnsiedlungen; Anm.) vorüberziehen, sehen, dass die Hotelbesitzer immer Weiße sind und das Putzpersonal immer Schwarze. Ich beobachte unsere Kinder. Wie geht es ihnen, wenn sie strukturellen Rassismus sehen? Überfordern wir sie? Wir fahren durch die Karoo-Ebene, machen in einem Dorf halt, um einzukaufen. Kein einziger Weißer weit und breit. Ich beobachte mich, jetzt, wo ich quasi in der Haut meiner Kinder stecke.