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Weiße Lehrerin lehrt schwarze Rhythmen

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Aktionsforschungsprojekt des Musikkollegs der Universität Kapstadt setzt in den Schulen der schwarzen Wohnviertel Kapstadts neue sozialpädagogische Akzente. Finanzielle Probleme und Lehrermangel werden durch eine engagierte weiße Lehrerin zugunsten afrikanischer Musik kompensiert.

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Ein Aktionsforschungsprojekt des Musikkollegs der Universität Kapstadt setzt in den Schulen der schwarzen Wohnviertel Kapstadts neue sozialpädagogische Akzente. Finanzielle Probleme und Lehrermangel werden durch eine engagierte weiße Lehrerin zugunsten afrikanischer Musik kompensiert.

Im Stadtteil Gugulethu, von den Bewohnern liebevoll "Gugs" genannt, leben vor allem Xhosa, die aus den ehemaligen Homelands Transkeit und Ciskei nach Kapstadt gekommen sind, um Arbeit zu finden. Auf 6,16 Quadratkilometern leben dort offiziell rund 260.000 Menschen - es können gut und gern auch 300.000 sein, so genau weiß das niemand.

Der Name Gugulethu kommt aus der Sprache der Xhosa und bedeutet "unser Stolz" - zurecht, denn hier gibt es kaum mehr "Squatter-Camps", die armseligen Wellblechhütten und Bretterverschläge der illegalen Zuwanderer, sondern überwiegend Cape-Flats, gemauerte Einfamilienhäuser einer schwarzen "Mittelschicht". Viele Menschen hier - man spricht von über 60 Prozent - sind aber arbeitslos, und diejenigen, die legal am "Regelarbeitsmarkt" oder in einem Sozialprojekt (von etlichen europäischen Hilfsorganisationen wurden Ausbildungsprogramme und Selbsthilfebetriebe ins Leben gerufen) tätig sind, sind immer noch arm genug.

Aber immerhin: in Gugulethu gibt es mittlerweile ein paar geteerte Straßen, Busverbindungen, Müllabfuhr, Wasser und Strom. Es entsteht zunehmend Infrastruktur im Sinne von Nahversorgung - kleine Läden, in denen von Zahnpasta über Olivenöl bis zu T-Shirts alles erhältlich ist; Straßenmärkte, die Früchte und Gemüse anbieten, oft Eigenbau aus kleinen Vorgärten; und zunehmend auch afrikanisches Kunsthandwerk, nicht zuletzt für die ausländischen Touristen, die im Zuge von "Township-Tours" in klimatisierten Bussen Ausflüge von der Ersten in die Dritte Welt unternehmen.

Seit einiger Zeit sind daher auch die früher illegalen privaten Bierausschanken, "shebeens" genannt, lizenziert und heißen seither "taverns". Wirkliche Begegnungsstätten zwischen Schwarzen und Weißen sind sie aber wohl nur im Ausnahmefall, eher schon Treffpunkte für die schwarzen Teens und Twens, die dort bei Cola und Castle-Bier schwatzen und Musik hören - vielfach europäischen und amerikanischen Rock und Pop, aber auch südafrikanischen Township-Jive und Cape Jazz. Und da läuft dann nicht nur Musik aus der "Konserve", sondern Musik wird "gemacht" - von den "Privilegierten", die eine Gitarre, ein Keyboard, ein Saxophon ergattert haben, eine Pennywhistle-Blechflöte oder zumindest irgendeine Art von Trommel oder Xylophon, oft selbstgebastelt. Daran, an der ausgeprägten Musikalität und dem Improvisationstalent der jungen Xhosa, orientiert sich der "Percussion" (Sammelbegriff für Schlag- und Rhythmusinstrumente)-Ansatz" der Musikerin, Musikpädagogin und Musikwissenschafterin Linda Muller.

Die Vorfahren Lindas waren Deutsche und hießen in den ersten Generationen noch richtig "Müller"; die 43jährige Linda versteht sich als multikulturell geprägte Südafrikanerin der neuen Generation. Sie interpretiert ihren künstlerischen Auftrag, der sie nach einem Jahrzehnt als Orchestermusikerin (Trommel und Gong) als Lektorin und Forscherin an das Musikkolleg der Universität Kapstadt geführt hat, im Hinblick auf soziale und kulturelle Integration. In Zusammenarbeit mit anderen Kunsterziehern, Pädagogen, Psychologen und Sozialwissenschaftern (darunter auch eine Oberösterreicherin) ist ein seitens des Bildungs- und Erziehungsministeriums der Kapregion gefördertes und von einem Schwedischen Entwicklungshilfebüro gesponsertes Projekt entstanden, das den sozial benachteiligten Township-Jugendlichen neue Zugänge zum Lernen im Allgemeinen und zur Musik im Besonderen eröffnen soll.

In "Bildern" erzählen Auf der gut halbstündigen Fahrt von Zentrum Kapstadts über die Autobahn Richtung Flughafen und weiter nach Gugulethu schildert Linda Muller den Modellversuch "Intshinga Primary School". Im Zuge der Projektplanung und Vorbereitung hatte das Mitarbeiterteam der Universität mehrere Treffen mit interessierten Grundschullehrern, um einerseits Integrations- und Lernprobleme von Kindern, andererseits Möglichkeiten der Reimplantation von Musik- und Kunsterziehung in den chronisch finanzschwachen und personell ausgehungerten Township-Schulen zu diskutieren.

Schon in der ersten Phase fiel das besondere Interesse von Bushy Tybosch auf, die an eben der Intshinga Primary School mit 48 Kindern der 3. Schulstufe konfrontiert war. Die meisten waren in der Township aufgewachsen, einige aus verschiedenen Homelands, also ländlichen Stammesgebieten zugezogen, und andere aus nahegelegenen städtischen Mischvierteln nach Gugulethu gekommen. Die multilinguale Bushy, die als geborene Xhosa fließend Englisch, Afrikaans und verschiedene Xhosa-Dialekte sprach, registrierte zunächst zwar unterschiedliche Lernstrategien und -erfolge bei den Kindern, aber nicht deren Ursache.

Angeregt durch die Arbeitsgruppe der Universität, aber ohne irgendeine systematische Anleitung versuchte Bushy Tybosch in der Folge, die Kinder bei der Aufarbeitung eines einschneidenden Erlebnisses (ein Tornado im Herbst 1999, der Teile der bescheidenen Wohnhäuser und Baracken, aus denen die Schüler kamen, verwüstet hatte ) dadurch zu unterstützen, dass sie sie zum Zeichnen und zum Interpretieren ihrer Bilder ermutigte. Dabei kamen nicht nur tradierte Xhosa-Mythen zum Vorschein (die Kinder stellten zum Beispiel den Tornado, wie von den Großeltern in Geschichten beschrieben, als durstigen Drachen dar, der die nassen Dächer irrtümlich für einen See hielt, aus dem er trinken könne und dabei zerstörte er Siedlungen), sondern vor allem die Tatsache, dass sich auch die schweigsamen, sonst kaum am Unterricht beteiligten "lernschwachen" Kinder in Bildern artikulieren konnten - und von den anderen verstanden wurden. Von den "guten" Schülern, die sie sonst ausgelacht hatten, weil sie mit den fremden Dialekten nichts anfangen konnten.

Daraufhin arbeitete Bushy Tybosch regelmäßig nicht nur mit der "Bildsprache", sondern in verschiedenen Sprachen. Und als die Wissenschaftergruppe sich auf die Suche nach ersten Anwendungsbereichen ihrer systemischen Integrationstheorie machte, hatte Bushy deren Transformation längst vorweggenommen. So war es naheliegend, mit ihr beziehungsweise in der Intshinga-School auch einen Musikerziehungsversuch zu unternehmen.

Viel Improvisation Die Schule liegt an einer unbefestigten, schlaglöchrigen Seitenstrasse, nahe dem Friedhof, umgeben von eher armseligen Behausungen. Ein löchriger Drahtzaun umgibt eine Reihe von niedrigen, E-förmigen ziegelgemauerten Baracken, einander zugeordnet zu einem mühsam begrünten Innenhof. Die Gebäude sind hell, die Türen bunt bemalt - nicht professionell, aber freundlich. In der Zehn-Uhr-Pause tummeln sich über hundert Kinder im Hof und in einer improvisierten Sportanlage - geräusch- und temperamentvoll. Dutzende Buben und Mädchen, zwischen sechs und zwölf Jahre alt, in gelb-grünen, teilweise abgetragenen, zu großen oder zu kleinen Schuluniformen, umdrängen Linda Muller, die sie kennen, balgen sich um das Privileg, ihre Trommel in die Klasse tragen zu dürfen. Die mit Fotoapparaten bewaffneten Gäste reizen sie nur kurz zum Grimassieren und Faxen machen - dann nimmt Lindas Instrument das Interesse aller ein. Viele kleine Hände versuchen, wenigstens ein paar Rhythmen darauf zu trommeln... Währenddessen füllt Bushy Tybosch leere Plastikflaschen mit Steinen und Knöpfen, sucht Holzstäbe und große Konservendosen, selbstgebastelte Schellenbäume zusammen: wo es kein Geld für Musikunterricht gibt, gibt es natürlich auch keine Instrumente. Aber Musik gibt es: bald hat fast jedes Kind eine "Lärmquelle" ergattert, und Hände zum Klatschen beziehungsweise Füße zum Stampfen haben sowieso alle. Bushy schafft Raum in der Mitte des Klassenzimmers, ein symbolisches "Feuer" aus zusammengeknülltem Papier und Holzstäbchen bildet, an Stammestraditionen anknüpfend, das "spirituelle Zentrum", und rundum sitzen und knien die Kinder am Boden. Linda im Hintergrund beginnt zu trommeln, und auf ein Zeichen der Lehrerin fallen die Kinder ein. Zwei Mädchen singen vor, die anderen mit und nach, keinen feststehenden, auswendig gelernten Text, sondern eine Geschichte wird erzählt. Die beiden Mädchen stehen auf, tanzen, dann alle Mädchen, dann die Buben. Die improvisierten Instrumente gehen von Hand zu Hand, anstelle von Linda trommeln abwechselnd vier Buben, Bushy singt, eine Lehrerin kommt vom Schulhof herein und fügt sich in den Tanz, Linda arbeitet mit den Schellenbäumen ... alles ist in Bewegung, bis sich auf ein Signal Bushys der Rhythmus verlangsamt und Lindas Trommel leiser wird und das Lied zu Ende geht, ein afrikanisches Lied. Und dazu hat es keinen professionellen Musiklehrer gebraucht, und keine richtigen Instrumente, denn die Lieder und der Rhythmus sind einfach da. Ein kulturelles Erbe, dessen man sich nur besinnen muss - und dazu werden nun Lehrer und Schüler ermutigt. Nicht nur sie: man versucht auch die Eltern der Kinder einzubinden, im Wohnviertel ansässige Künstler und die lokale Verwaltung.

Bunte Mischung Die Eltern helfen mit, Instrumente zu basteln und vermitteln Besonderheiten aus der Tradition der Homelands; Künstler werden in die Schule geladen und auf Exkursionen von den Kindern aufgesucht, sie fungieren als Gastlehrer und lernen ihrerseits von der universitären Expertengruppe, den Lehrern und den Schülern. Und für Gemeindeveranstaltungen und Feste gibt es nun genug Kooperationspartner. Vorläufig in und für einen Schulbezirk, aber Linda Muller und ihr Team sind dabei, ihre spezifische Idee der Förderung afrikanischer Kultur und gleichzeitig der Förderung benachteiligter Kinder im Schneeballsystem in den Townships zu verbreiten - 2005 soll das Projekt flächendeckend in den Kapstädter Townships realisiert sein. Sofern sich genug Initiatoren finden wie Linda, und genug aufnahmebereite Lehrerinnen wie Bushy.

In ihrer Klasse sitzen übrigens die Kinder nun nicht mehr in Reihen, eingeteilt nach Schulerfolg, sondern die Tische stehen in U-Form. Die besten Musiker, Zeichner und Lehrer sitzen bunt gemischt, und wichtige Unterrichtsbegriffe werden in allen in der Klasse vertretenen Sprachen und Dialekten abgehandelt.

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