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Weltklimagipfel: Schuld und Sühne der Klimagerechtigkeit

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Katastrophen der Klimakrise schädigen vor allem jene Teile der Weltbevölkerung, die selbst kaum zu dieser beigetragen haben. Höchste Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Ein Gastkommentar.

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Katastrophen der Klimakrise schädigen vor allem jene Teile der Weltbevölkerung, die selbst kaum zu dieser beigetragen haben. Höchste Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Ein Gastkommentar.

Während die Aufmerksamkeit von Politik, Medien und Bevölkerung im Westen vor allem auf die Energiekrise, Teuerung und den Krieg in der Ukraine gerichtet ist, ereignen sich in anderen Regionen im Zusammenhang mit der Erderwärmung wahrhaft epische Katastrophen. Ein Beispiel unter vielen war die Flutkatastrophe in Pakistan im August dieses Jahres – eine Folge der Hitzewellen im Frühjahr, der extrem verstärkten Monsun-Regenfälle und der stärkeren, rascheren Gletscherschmelze.

In den südlichen Provinzen Sindh und Baluchistan regnete es fünf Mal so viel wie im Durchschnitt. 33 Millionen Menschen waren von den Überflutungen betroffen, verloren Häuser, Felder. Mindestens 1500 Menschen starben, rund 6,4 Millionen brauchten im September Nothilfe. 18.000 Quadratkilometer Ackerland sind zerstört, einschließlich 45 Prozent der Baumwollernte. Die unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste werden auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Verlierer der Klimakrise

Das Desaster in Pakistan, das sich eben abgespielt hat, ist mit dem Klimawandel verbunden, wie die erste internationale Attributionsstudie nachweist. Die Veränderung des Monsuns im Kontext der Erderwärmung wurde von der Klimawissenschaft lange vorhergesagt. Die Katastrophe wirft die Frage nach Klimagerechtigkeit auf: Das Land hat insgesamt nur 0,3 Prozent zu den globalen CO₂-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung beigetragen. Pakistan gehört aber zugleich laut „Climate Risk Index“ zu den zehn von den Folgen des Klimawandels am meisten betroffenen Ländern.

Der Fall Pakistan ist charakteristisch für die ungleiche Betroffenheit durch Extremwetterereignisse aufgrund des Klimawandels. Eine jüngst erschienene Studie zeigt, dass die meisten Menschen, die von solchen Ereignissen betroffen waren, im Zeitraum von 1990 bis 2019 in Ländern mit den niedrigsten Einkommen lebten. Die Studie belegt den Kern der globalen Klima-Ungerechtigkeit empirisch: Jene, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, leiden schon jetzt am meisten darunter und haben die wenigsten Ressourcen, mit den Auswirkungen zurechtzukommen und die Transformation ihrer Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft in Richtung Dekarbonisierung zu stemmen.

Während die Aufmerksamkeit von Politik, Medien und Bevölkerung im Westen vor allem auf die Energiekrise, Teuerung und den Krieg in der Ukraine gerichtet ist, ereignen sich in anderen Regionen im Zusammenhang mit der Erderwärmung wahrhaft epische Katastrophen. Ein Beispiel unter vielen war die Flutkatastrophe in Pakistan im August dieses Jahres – eine Folge der Hitzewellen im Frühjahr, der extrem verstärkten Monsun-Regenfälle und der stärkeren, rascheren Gletscherschmelze.

In den südlichen Provinzen Sindh und Baluchistan regnete es fünf Mal so viel wie im Durchschnitt. 33 Millionen Menschen waren von den Überflutungen betroffen, verloren Häuser, Felder. Mindestens 1500 Menschen starben, rund 6,4 Millionen brauchten im September Nothilfe. 18.000 Quadratkilometer Ackerland sind zerstört, einschließlich 45 Prozent der Baumwollernte. Die unmittelbaren wirtschaftlichen Verluste werden auf 30 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Verlierer der Klimakrise

Das Desaster in Pakistan, das sich eben abgespielt hat, ist mit dem Klimawandel verbunden, wie die erste internationale Attributionsstudie nachweist. Die Veränderung des Monsuns im Kontext der Erderwärmung wurde von der Klimawissenschaft lange vorhergesagt. Die Katastrophe wirft die Frage nach Klimagerechtigkeit auf: Das Land hat insgesamt nur 0,3 Prozent zu den globalen CO₂-Emissionen seit Beginn der Industrialisierung beigetragen. Pakistan gehört aber zugleich laut „Climate Risk Index“ zu den zehn von den Folgen des Klimawandels am meisten betroffenen Ländern.

Der Fall Pakistan ist charakteristisch für die ungleiche Betroffenheit durch Extremwetterereignisse aufgrund des Klimawandels. Eine jüngst erschienene Studie zeigt, dass die meisten Menschen, die von solchen Ereignissen betroffen waren, im Zeitraum von 1990 bis 2019 in Ländern mit den niedrigsten Einkommen lebten. Die Studie belegt den Kern der globalen Klima-Ungerechtigkeit empirisch: Jene, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, leiden schon jetzt am meisten darunter und haben die wenigsten Ressourcen, mit den Auswirkungen zurechtzukommen und die Transformation ihrer Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft in Richtung Dekarbonisierung zu stemmen.

Pakistan hat nur 0,3 Prozent zu den globalen CO₂-Emissionen beigetragen, gehört aber zu den zehn am meisten betroffenen Ländern.

Das Thema der Klimafinanzierung und der Frage, wer für Verluste und Schäden aufgrund der Folgen des Klimawandels zahlt, wird auf der UN-Klimakonferenz in Scharm el-Scheich, die am kommenden Sonntag beginnt, zentral sein. Bereits seit Jahren wird auf der Ebene des UN-Klimaprozesses um diese Frage gerungen. 2013 wurde bei der Weltklimakonferenz in Warschau der „Warsaw International Mechanism for Loss and Damage“ eingerichtet; die Arbeitsgruppe „Action and Support“, die auch die Frage der Finanzierung umfasst, wurde erst 2019 gestartet.

Im selben Jahr wurde das „Santiago Network on Loss and Damage“ gegründet. Im Gefolge der jüngsten Klimakonferenz startete diesbezüglich im Juni 2022 der „Glasgow Dialogue“ – ein Diskussionsprozess, von dem sich v. a. die kleinen Inselstaaten und andere durch die Klimakrise besonders verletzliche Länder erhoffen, dass er endlich zu einem konkreten Finanzmechanismus führt. Doch die führenden Industriestaaten, vor allem die USA und die EU, weigern sich nach wie vor, einen Anspruch auf finanzielle Leistungen für Verluste und Schäden anzuerkennen.

Je stärker der Motor der Weltwirtschaft im Kontext der Pandemie und des Kriegs in der Ukraine stottert, umso zäher werden sich die Verhandlungen rund um einen finanziellen Ausgleich zwischen den Staaten des globalen Nordens und Südens gestalten. Es braucht neue, innovative Finanzierungsmöglichkeiten und Initiativen: In seiner Rede bei der diesjährigen Generalversammlung der UNO am 20. September rief Generalsekretär António Guterres dazu auf, in den Industrieländern die riesigen Mitnahmeeffekte der fossilen Industrie aufgrund der erhöhten Energiepreise zu besteuern und diese Finanzmittel jenen Ländern zur Verfügung zu stellen, die mit Verlusten und Schäden aufgrund der Klimakrise sowie mit den steigenden Lebensmittel- und Energiepreisen kämpfen.

Zusätzlich könnten mit einer Finanztransaktionssteuer und Erbschaftssteuer solche staatlichen „Klimagerechtigkeits- und Transformationsfonds“ der reichen Länder finanziert werden, um ärmere Länder sowohl bei den Kosten für die Folgen der Klimakrise, dem Wiederaufbau der Infrastruktur nach Katastrophen – wie er gerade in Pakistan ansteht – als auch bei der notwendigen ökologischen Transformation zu unterstützen. Aufgrund der hauptsächlichen Verantwortung der Industrieländer für die Treibhausgasemissionen und damit für die anthropogene Störung des Klimasystems ist das keine Frage der Wohltätigkeit, sondern der Gerechtigkeit.

„Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten“, sagt Theodor W. Adorno in „Minima Moralia“. Das Klima-Engagement der Kirchen muss in diesem Zusammenhang politischer, kritischer, mutiger werden. Es darf sich nicht mit – ohnehin selbstverständlichen – Maßnahmen der Energiewende und der ökologischen Modernisierung im eigenen, kirchlichen Bereich zufriedengeben, sondern muss diese Fragen der globalen Gerechtigkeit und Solidarität in den Mittelpunkt stellen.

Der Autor leitet die Seminarreihen „Klimagerechtigkeit“ und „Akademie der Transformation“ der Donau-Universität Krems.

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