Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist nichts Neues - auch nicht in der Ökonomie. Weniger materieller Wohlstand kann durchaus eine Verbesserung der Lebensqualität bedeuten. Über die Notwendigkeit des Verzichts in der Multioptionsgesellschaft und das notwendige Erlernen des "Savoir-vivre“.

Das durchschnittliche Glücksempfinden der Menschen in entwickelten Ländern nimmt nicht mehr zu, obwohl die Einkommen sich mit dem Wirtschaftswachstum stets weiter erhöhen. Das belegt eine Vielzahl von empirischen Studien. Und das ist noch nicht alles. Umfragen zeigen, dass sich immer mehr Menschen gestresst fühlen. Daraus lässt sich eine eindeutige Schlussfolgerung ziehen: Offenbar leben Menschen nicht so, wie es für sie selbst am besten wäre.

Es ginge ihnen insgesamt besser, wenn sie mehr Zeit hätten und dafür auf zusätzliches Einkommen verzichten würden. So zeigt etwa eine Untersuchung, dass Menschen, die Überstunden machen und deshalb mehr verdienen, dadurch nicht glücklicher werden. Trotzdem machen aber viele Menschen freiwillig Überstunden und streben generell nach einem noch höheren Einkommen. Die Frage lautet deshalb: Wenn die Menschen ein anderes Verhalten glücklicher machen würde, warum ändern sie es dann nicht?

Gefangen im Tretmühleneffekt

Der Grund liegt in den sogenannten Tretmühleneffekten. Auf einer Tretmühle kann man immer schneller laufen und diese immer schneller bewegen, doch man bleibt stets am selben Ort. Genau gleich verhält es sich mit dem menschlichen Streben, durch mehr Einkommen glücklicher zu werden. Die Menschen werden dadurch zwar reicher, aber was ihr Glücksempfinden betrifft, treten sie auf der Stelle. Die Hoffnung auf mehr Glück wird ständig enttäuscht, dennoch wird an diesem irrationalen Glauben festgehalten.

Dass Geld nicht glücklich macht, ist keine neue Erkenntnis. Wir alle kennen diese Redewendung. Aber es gibt einen neuen Gedanken, der die Volksweisheit wieder infrage stellt. Er lautet: "Menschen, die behaupten, dass Geld nicht glücklich macht, wissen nicht, wo einkaufen.“ Was ist nun richtig? Die überraschende Antwort lautet: Beide Aussagen treffen zu. Die Glücksforschung zeigt uns deutlich, dass mehr Einkommen die Menschen in westlichen Ländern im Durchschnitt nicht glücklicher macht. Doch es stimmt auch, dass wir nur selten wissen, was und wo wir einkaufen sollen, um tatsächlich glücklicher zu werden. Dies ist ein viel tieferes Problem, als es die obige Aussage suggeriert. Mit der Entwicklung hin zu einer Multioptionsgesellschaft wird es immer schwieriger, jene Produkte, Dienstleistungen oder Freizeitbeschäftigungen zu finden, die wir bräuchten, um glücklicher zu sein. Wir ertrinken in der Fülle von Möglichkeiten und haben nur selten die Zeit, eine wirkliche Auswahl zu treffen. Dazu kommt, dass es zwar immer mehr Produkte und Dienstleistungen gibt, aber Dinge wie Liebe, Erfolg, Gesundheit oder Schönheit, die wirklich glücklich machen würden, nach wie vor nur selten käuflich erwerbbar sind. Wohl zeigt die Werbung ständig Menschen, die dank neuer Produkte, Seminare, Kurse oder Diäten liebesfähiger, erfolgreicher, schöner und gesünder geworden sind. Doch wenn man es selbst versucht, scheitert man oft kläglich. Das "Nicht-Wissen, wo einkaufen“ ist für den modernen Menschen zu einem existenziellen Zustand geworden, der ihn auf unangenehme Weise an seine eigenen Grenzen in einer Gesellschaft der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten erinnert. Mehr Einkommen in mehr Glück zu verwandeln, wird somit zunehmend zur Sisyphusarbeit.

Wir sind aber nicht dazu verdammt, einfach weiter in den Tretmühlen zu verharren und uns weiter vergeblich abzurackern. Wir sollten uns wieder auf den eigentlichen Daseinszweck der Wirtschaft besinnen, den der britische Schriftsteller George Bernard Shaw folgendermaßen beschrieben hat: "Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus unserem Leben zu machen.“ Mit anderen Worten: Es geht nicht um Einkommensmaximierung, sondern um Glück, Zufriedenheit oder - wissenschaftlicher ausgedrückt - subjektives Wohlbefinden. Wozu sonst verdient man Geld, das man ja am Ende des Lebens nicht mitnehmen kann?

Amateure in Sachen Lebenskunst

Aus ökonomischer Sicht geht es bei der Suche nach der Verwirklichung eines glücklichen Lebens um einen zweistufigen Prozess. Erstens müssen wir ein Einkommen erzielen, damit wir uns die Dinge leisten können, die wir für ein glückliches Leben brauchen. In dieser Hinsicht sind wir in den Industrieländern im Allgemeinen Profis. Von klein auf lernen wir die Fähigkeiten, die es braucht, um in der Arbeitswelt Karriere zu machen. Leider reicht das aber nicht aus, wie viele Menschen in ihrem späteren Leben schmerzlich erfahren müssen. Man muss auch in der Lage sein, das verdiente Einkommen so zu verwenden, dass es glücklich macht. Das ist die zweite, noch schwierigere Stufe bei der Verwirklichung eines glücklichen Lebens. Und in dieser Beziehung sind wir oft grauenhafte Amateure. So gut wir beim Geldverdienen sein mögen, so schlecht sind wir bei der Umsetzung des Einkommens in Glück. Die dafür erforderlichen Fähigkeiten, die sich mit dem französischen Begriff "Savoir-vivre“ oder dem deutschen Wort "Lebenskunst“ umschreiben lassen, werden uns in der Schule nicht beigebracht.

Ein Mensch, der nur ans Geldverdienen denkt, handelt in Wirklichkeit unökonomisch, weil er damit sein Glück nicht maximiert. Er verhält sich ineffizient - und zwar in dem Sinn, dass er seine ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht optimal nutzt. Die wesentlichen Ressourcen für den einzelnen Menschen sind Zeit und Geld. Das Ziel muss sein, den optimalen Mix von Zeit und Geld zu finden, der zu einem möglichst glücklichen Leben führt. Es geht um eine Rückbesinnung auf den eigentlichen Zweck des Wirtschaftens.

Aus dieser Perspektive bedeutet weniger tatsächlich oftmals mehr, das heißt weniger materieller Wohlstand kann eine Verbesserung der Lebensqualität mit sich bringen. Die Kunst der Reduktion liegt nun aber nicht einfach darin, grundsätzlich zu verzichten, sondern gezielt auf die Dinge zu verzichten, die nichts zu unserem Glück beitragen bzw. uns am Glücklichsein hindern. In der heutigen Multioptionsgesellschaft ist eine solche Reduktion sogar geradezu notwendig, wenn man ein erfülltes Leben führen möchte, da man sonst in der Vielzahl der Optionen untergeht.

Zeitgewinn durch Fernsehabstinenz

Lassen Sie mich ein Beispiel aus meinem eigenen Leben geben. Bis vor ungefähr zehn Jahren gehörte ich zu den Menschen, die fast täglich fernsehen. Aber dann begann es mich mehr und mehr zu ärgern, dass das Fernsehen mir so viel Zeit und Energie raubte. Oft sah ich bis spät nachts fern und war dann am nächsten Abend entsprechend müde. Und was tut man, wenn man sich am Abend müde fühlt? Man schaut natürlich wieder fern, weil einem die Energie fehlt, um etwas Kreativeres zu tun. Das Ergebnis war ein Teufelskreis: chronische Übermüdung wegen zu viel Fernsehkonsums und aus diesem Grund noch mehr Fernsehkonsum. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, blieb nur eine Möglichkeit: die totale Fernsehabstinenz. Also erlegte ich mir selbst die Beschränkung auf, von jetzt an nicht mehr fernzusehen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies eine der besten Entscheidungen meines Lebens war, und ich sie bis heute noch kein einziges Mal bereut habe. Die Kunst der Reduktion hat in diesem Fall meine Lebensqualität beträchtlich erhöht. Sich selbst zu beschränken, ist ein äußerst wirksames Mittel, um den Tretmühlen des Privatlebens zu entkommen.

* Der Autor ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.

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