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Wenn die soziale Identität fehlt

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EU-Sanktionen können auch ein Mittel sein, Probleme zu verdrängen. Dann müssen diese offen ausgesprochen werden.

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EU-Sanktionen können auch ein Mittel sein, Probleme zu verdrängen. Dann müssen diese offen ausgesprochen werden.

In der jetzigen schwierigen innen- und außenpolitischen Situation können die folgenden Überlegungen vielleicht eine Hilfe sein. Sie gehen davon aus, dass es durchaus real berechtigte Ängste gegenüber Fremden gibt, die gesellschaftspolitisch wirksam sind und zu Feindschaft oder sogar zum Hass führen können, wenn sie nicht offen ausgesprochen und ihre - oft unbewussten - Beweggründe nicht durch entsprechende Gegenkräfte ausgeglichen oder aufgehoben werden: 1. Es gibt keine "multikulturelle Gesellschaft" ohne eine gemeinsame und prinzipiell offene soziale Identität ihrer Glieder und - daraus erwachsend - der ganzen Gesellschaft, also ohne eine gemeinsame Grundkultur. Schon die personale ldentität des einzelnen Menschen ist nur in der Beziehung, also als personal-soziale möglich, weil der Mensch nur unter und mit anderen Mensch werden und sein kann; und zwar nicht nur aus Bedürftigkeit, sondern weil der Mensch positiv als Gemeinschaftswesen geschaffen ist (in christlicher Sicht: als Abbild Gottes, der in sich Liebe ist). Nur auf der Basis und im Maß dieser sozialen Identität der einzelnen kann in der nötigen Einheit von Gesinnung und Struktur eine Gesellschaft entstehen und am Leben bleiben, in der menschliches Zusammenleben möglich ist (vgl. den Beitrag "Solidarität braucht Gegenseitigkeit" in Furche 19/99). Damit diese Identität auch nur prinzipiell für Fremde offen ist, darf sie nicht aus "bloßer Solidarität" zum je eigenen Vorteil auf Gegenseitigkeit "sozial" sein. Sonst beruht sie auf dem gemeinsamen Nutzen einiger und lebt oft auf Kosten anderer. Sie richtet sich dann leicht gegen andere oder besteht nur aus einem Zusammenschluss gegen eine gemeinsame vermeintliche oder reale Bedrohung. Eine wahrhaft soziale Identität müsste vielmehr in einem grundsätzlichen Wohlwollen zu allen Menschen und zur Beziehung mit ihnen bestehen, also liebende Solidarität sein. Auch wenn eine Gesellschaft von freien Individuell kein kollektives Ganzes (keine "Korporativperson") ist, kann man dann von einer ",sozialen ldentität" auch der Gesellschaft sprechen, die aus den Subjekten und ihren Beziehungen erwächst.

2. Diese soziale Identität der einzelnen und damit auch der Gesellschaft umfasst nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten.

Ein einseitiges Verständnis von Freiheit, wie es etwa Milton Friedmann, der Chef-Ideologe des Neoliberalismus, vertritt, genügt nicht einmal für die Wirtschaft: "Das Fundament der liberalen Philosophie ist der Glaube an die Würde des Einzelnen, an seine Freiheit zur Verwirklichung seiner Möglichkeiten in Übereinstimmung mit seinen persönlichen Fähigkeiten mit der einzigen Einschränkung, dass er nicht die Freiheit anderer Personen beschränke, das gleiche zu tut. Dies impliziert den Glauben an die Gleichheit der Menschen in einer Beziehung: ihrer gegenseitigen Ungleichheit" (Kapitalismus und Freiheit. Stuttgart 1991, 249f.). Schon das Recht des einen, den anderen als möglichen Partner - auch für Geschäftsbeziehungen - anzusprechen, verlangt die prinzipielle Pflicht des anderen, ihm zu antworten. Erst recht setzt jede Art von Verträgen die Verpflichtung voraus, sie auch einzuhalten. Damit ist die Freiheit nicht nur dadurch eingeschränkt, dass sie die anderen nicht an ihrer Freiheit hindern darf. Das wäre nur möglich, wenn jeder Mensch völlig autark auf einer Insel leben würde.

Moralische Ordnung 3. Die nötige soziale Identität der einzelnen und der Gesellschaft setzt ein Mindestmaß an Bezug zu einem gemeinsamen sinngebenden Grund voraus, zumindest in der Form einer Bereitschaft, einer Suche oder einer leisen Hoffnung. Dass jeder Mensch zur Beziehung fähig und ihrer würdig ist, kann der Mensch nicht begründen. Er hat sein Leben und das der anderen nicht geschaffen und nicht im Griff. Herrschaftsfreie Beziehungen zwischen Gleichen sind nur von einem gemeinsamen Fundament her möglich. Vaclav Havel, der sich selbst als nicht gläubig bezeichnet, drückt dies so aus: "Einer juristischen Beziehung oder Ordnung muss eine moralische Beziehung oder Ordnung vorangehen, die ihr als einziges Sinn und echte Verbindlichkeit verleiht. Diese moralische Ordnung ist jedoch keineswegs auf einen "moralischen Vertrag"zu reduzieren. Letztendlich weisen ihre Wurzeln immer ins Metaphysische. Hinter jedem Vertrag muss etwas existieren, was als Gewissen und Verantwortung bezeichnet werden kann. Und Gewissen und Verantwortung sind nichts anderes als eine bestimmte Beziehung des Menschen zu dem, was ihn übergreift, das heißt zur Unendlichkeit und Ewigkeit, zur Transzendenz oder zum Geheimnis der Welt, zur Ordnung des Seins oder zum AllmächtigenÇ (Moral in Zeiten der Globalisierung. Reinbek bei Hamburg 1998, 188). Anders gesagt: Wenn jeder Mensch seinem Leben und seinen Beziehungen erst selbst Sinn geben zu müssen meint, ist er oder sie schon auf Grund der Daseinsangst sich selbst der oder die Nächste und muß damit rechnen, dass der oder die andere auch die Treue bricht, sobald sie keine Vorteile mehr bringt. Hingegen zeigen entsprechende Untersuchungen, dass gerade in unautoritären religiösen Gruppierungen die Belastbarkeit der Solidarität wie auch ihr Überstieg von der Nah- zur Fernsolidarität überdurchschnittliche Werte aufweisen.

4. Eine gemeinsame soziale Identität war in Europa bisher notdürftig gegeben durch die Existenz einer "christentümlichen Gesellschaft" (P. M. Zulehner), die aber heute nur mehr in Restbeständen vorhanden ist und sich allmählich auflöst. Im spätmodernen - die sogenannte "Postmoderne" ist die radikalisierte und in ihre Krise geratene Moderne - Pluralismus und Individualismus zerfällt die Geschichte der bisherigen großen gesellschaftlichen Systeme in "Milliarden von kleinen und weniger kleinen Geschichten" (J.-F. Lyotard), muss jeder/jede seine/ihre Geschichte allein schreiben. Das gilt auch für die abendländische, bis in die Neuzeit hinein weitgehend wenigstens äußerlich christlich geprägte Kultur, die allerdings vielfach nicht in einem wahrhaft christlichen Verständnis aus Liebe zu den Menschen um ihrer selbst willen prinzipiell für die anderen offen war. In der modernen "vaterlosen Gesellschaft", in welcher der ungenügend fundierte Glaube an einen transzendenten Gott in seine Krise geraten ist und mit Recht keinem Menschen auf Grund seines Amtes eine gottgleiche Autorität zuerkannt wird, kommt es noch deutlicher zu "Geschwisterneid und -rivalität" (A. Mitscherlich), und zwar umso mehr, je stärker die Grenzen des Wachstums und der Ressourcen erkennbar werden. An die Stelle des kommunikativen Handelns tritt dann das "strategischeÇ nach dem Modell der "Konkurrenz um knappe Güter" (J. Habermas). Am Ende stünde der Zerfall der Gesellschaft in einzelne oder in kleine Gruppen, die im Sinn eines Sozialdarwinismus ums Überleben kämpfen.

Bedrohte Identität 5. Der Mangel an sozialer Identität in den ehemals christentümlichen Gesellschaften Europas führt notwendig zu einer Angst vor den Fremden, vor allem vor solchen mit einer sozialen Identität. Wenn es in einer Gesellschaft keine oder eine ungenügende - etwa nur eine egozentrische zum je eigenen Vorteil - soziale Identität gibt, wird sie durch alle Fremden verunsichert und fühlt sich besonders von anderen Gruppierungen mit einer stärkeren Identität bedroht. In diesem Fall kann an die Stelle der fehlenden eigenen sozialen Identität leicht der Zusammenschluss gegen einen vermeintlichen oder wirklichen gemeinsamen Gegner treten; dabei kann deren Identität ihrerseits durchaus fragwürdig sein, etwa als ein Zusammenschluss nur aus den Nöten einer Minderheit heraus oder in einem sich abkapselnden und/oder sich für überlegen haltenden Gruppenbewusstsein. Populistische Politiker jeder Richtung haben es dann leicht, diese Ängste vor einer möglichen Überfremdung aufzuheizen und sie zu einer Feindschaft oder sogar zum Hass zu steigern. Diese Ängste und ihre Auswirkungen von außen unterdrücken zu wollen, wie es jetzt die EU durch ihre Sanktionen gegenüber Österreich versucht, ist dann keine Hilfe, sondern kann sogar ein Zeichen dafür sein, dass man die die gleichartigen Probleme im eigenen Land nicht wahrhaben will.

6. "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwangs und des autoritativen Gebots, zu garantieren suchen..." - So lautet das Paradox, das ErnstWolfgang Böckenförde formuliert hat (Recht, Staat, Freiheit. Frankfurt a. M. 1992, 112f.). Wie die obigen Überlegungen zeigen, stößt der freiheitliche Staat als Organisationsform einer freiheitlichen Gesellschaft jetzt an seine Grenze (vgl. den Beitrag in FURCHE 25/97). Aber es wäre natürlich falsch für den Staat, "auf säkularisierter Ebene in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat" (E.-W. Böckenförde ebd. 113). Ebensowenig kann man mehrheitlich über die grundlegenden ethischen Voraussetzungen einer demokratischen Gesellschaft - eben über die Menschenrechte und -pflichten - abstimmen. Der Staat bzw. die verantwortlichen Politiker können nur einen allerdings mühsamen Meinungsbildungs- und Reifungsprozess in Gang setzen, in dem die gemeinsame soziale Identität der einzelnen und der Gesellschaft - in den einzelnen Ländern und in Europa sowie hoffentlich einmal weltweit - geklärt wird. Dabei sind die Regierenden sehr angewiesen auf das Wirken von Gruppierungen, in denen die entsprechenden Haltungen eingeübt und beispielhaft gelebt werden; also auch auf Kirchen mit einem gläubigen und glaubwürdigen Bezug zur Transzendenz. Die Wahrheit wird euch frei machen.

In all den angeschnittenen Fragen gilt der Grundsatz der Bibel: "Die Wahrheit wird euch befreien" (Evangelium nach Johannes 8,32). Den eigentlichen Ursachen einer Krise nachzugehen und ihnen offen ins Auge zu sehen, ist der erste und unerlässliche Schritt zur Lösung. Die hier in Kürze formulierten Überlegungen könnten ein Anstoß sein, diese Wahrheit zu suchen.

Der Autor ist Gastprofessor für Pastoraltheologie in Würzburg.

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