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Wenn die Straßenbahn zum Piratenschiff wird

Spielende oder lärmende Kinder werden von Erwachsenen oft als störend empfunden. Aber kindgerechtere Lebensräume stecken immer noch in den Kinderschuhen.

Kinder schaffen sich ihre Spielräume. Spiel findet meist dort statt, wo es Erwachsene eben nicht geplant haben. Diese Erkenntnis von Fachleuten wie (Reform-)Pädagogen entlockt den allermeisten Eltern ein zustimmendes mild-lächelndes oder frustriertes Seufzen, und schon fallen einem zahlreiche Beispiele ein:

Wie etwa die Straßenbahn-Fahrt mit drei aufgeweckten Buben zwischen drei und fünf Jahren kürzlich in Wien. Die Straßenbahn ist plötzlich ein Piratenschiff, die Fläche am Ende eines Wagons der Aussichtsturm und die Fahrgäste die ins Visier genommenen Gegner. Nur allzu gerne würde man zuschauen, wie eine Super-Nanny an der kleinen fröhlichen Meute "versagt" und sie genauso ratlos, dann doch belustigt danebensteht wie die Mütter der Buben, die zwischen "Lasst sie doch" und "Das geht nun aber wirklich nicht mehr" schwanken. Gewiss, Spielplatz ist die vollgepackte Bim keine, aber einfach nur brav Dasitzen, wie es so mancher Fahrgast von den Knirpsen einfordert, scheint auch unmöglich, zu verlockend das Piratenspiel zu dritt. Und angesichts der verbalen und nonverbalen Disziplinierungsversuche durch einige Fahrgäste sehnen sich die Frauen nur danach, die Kleinen endlich auf den für sie vorgesehenen Platz gebracht zu haben, der ihnen fürs wilde Spiel zugedacht ist: der meist - zumindest bei schönerem Wetter - vollgefüllte Spielplatz. Wenn man es bis dorthin ohne Verzögerung schafft; nur, Piratenschiff können die enttäuschten Buben dort partout keines finden.

Ein Beispiel von vielen, das nicht alle pädagogischen Fragen und "Versagen" ausdiskutieren kann, das aber eine Frage deutlich macht: Wie kindgerecht sind unsere Lebensräume? Können sie sich, vor allem in unseren Städten, so entwickeln, wie sie es wollen und sollten?

Dass der ungebremste Wille der Kinder zu spielen, Dinge für ihr Spiel umzufunktionieren, oft auf Grenzen stößt, ist für Familien und Menschen, die ihre Ruhe - oft auch zu Recht - wollen, alltäglicher Konfliktstoff. Bekannte Klagen für Monika Zachhuber, die im Kinderbüro Steiermark vor allem in den warmen Jahreszeiten damit konfrontiert ist. "Die Toleranzgrenze der Erwachsenen gegenüber Kindern ist gesunken, sie sind es einfach nicht mehr so gewohnt, viele spielende Kinder anzutreffen", erklärt die Pädagogin den Widerspruch zwischen bemängeltem Geburtenrückgang und dennoch vermehrten Klagen über Kinderlärm. "Konflikte, vor allem in Wohngebieten, haben eine soziale, aber auch eine planerische Komponente", meint Zachhuber, die sich für kindgerechten Wohn- und Städtebau einsetzt. Gerade hier gilt es, präventiv tätig zu sein und Planungsfehlern vorzubeugen. "Kleinkindbereiche und Grünbereiche sind heutzutage fixer Bestandteil von Wohnanlagen, sie sind auch im Baurecht verankert, aber zu wenig wird bedacht, dass die Kinder auch heranwachsen", zeigt Zachhuber mögliche Fehler auf; vor allem gehe es um das Wie der Gestaltung. Daher der wichtigste Rat der Expertin: Kinder und Jugendliche in die Planung einbinden.

Die Fragen, die jeder Architekt und jede Architektin beim Planen einer Anlage bedenken sollte: Haben Kinder Raum sich zu entfalten; können sie auch Spuren hinterlassen oder wird ein aufgebautes Zelt im Sommer und ein zertretener Rasen sogleich zum Nachbarschaftskonflikt? Werden Kinder in ihrer Selbstständigkeit gefördert, gibt es etwa Orientierungspunkte wie unterschiedlich gestaltete Haustüren? Wird Familien das tägliche Leben erleichtert, etwa durch eine gute Anbindung an die Infrastruktur eines Wohnortes oder durch gut geplante Ruhe- und Spielräume?

Doch mit kindgerechtem Wohnbau allein ist es laut Zachhuber nicht getan. "Kinder müssen in der ganzen Stadt willkommen sein, nicht nur in den ihnen zugedachten Inseln wie Spielplätzen, Schulen; sie müssen in die Planung einbezogen werden. Kinder sollten Plätze und Schulen sicher und selbstständig erreichen können." Noch immer ein frommer Wunsch? Es gebe schon einige positive erste Schritte, meint Zachhuber, etwa die Einrichtung eines Kinderparlaments in Graz, wo Kinder ihre Ideen und Verbesserungswünsche einbringen können. Dennoch: Die Umsetzung gehe langsam vor sich. "Kinderanliegen sind leider keine Priorität", bedauert die Pädagogin.

Und es fehle den Städteplanern auch an Mut zu unkonventionellen Ideen, konstatieren Experten. Der Reformpädagoge Karlheinz Benke etwa nennt das Beispiel einer Bus- haltestelle, die von Schulkindern in ihrem knappen Zeitbudget zum freien Spiel genutzt wird. Anstatt die Kinder immer wieder einzubremsen, sollten laut Benke der Verkehr in solchen Bereichen beruhigt, die Haltestellen anders gestaltet werden, sprich die Erwachsenen sollten mehr mit den Augen der Kinder sehen. Benke hat sich in seinem Buch über "Die Geografie(n) der Kinder. Von Räumen und Grenzen in der Postmoderne" (Verlag Meidenbauer, 2005) mit den Raumvorstellungen von Kindern auseinandergesetzt, vor allem vor dem Hintergrund von Raum- und Zeitnot in Städten.

Sind daher Landkinder zu beneiden, oder wie wichtig ist das ungezügelte Spielen im Wald ohne Zäune und Verbotsschilder? Benke und Zachhuber warnen vor Verallgemeinerungen und Verklärungen. Es gebe auch Wohngebiete am Land, wo Kinder etwa neben einer vielbefahrenen Straße leben und für Freizeitangebote weit fahren müssten. Dennoch: Zum freien Spiel gebe es gewiss mehr Möglichkeiten und das sei von großer Bedeutung, betont Karlheinz Benke: "Wir müssen unsere eigenen Räume schaffen können. Niemand käme auf die Idee, jemand anderem seine Wohnung zu hinterlassen und zu sagen: Bitte richte sie für mich ein." Dazu komme das Begreifen von verschiedensten Materialien. Das eben nur am besten so geht, wie es Kinder ohnehin immer wieder einfordern: Im Matsch wühlen, einen Bach stauen oder Regenwürmer streicheln. So könnten Kinder auch ein ökologisches Bewusstsein entwickeln, sagt der steirische Pädagoge.

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