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Wenn Eltern zu Waisen werden

Jeder Tag zählt für die schwer- und todkranken Kinder des "Sterntalerhofes" im südlichen Burgenland. Es ist ein Ort der Trauer, aber auch der Freude und des Vertrauens. Tiere haben dort eine besonders wichtige Aufgabe für die schwere Zeit der Kinder.

Die Kinder möchten nicht als Schwerkranke oder Behinderte gesehen werden. Tiere unterscheiden und bemitleiden nicht; wir sind immer irgendwie befangen und blockiert." Peter Kai ist Seelsorger an der Kinderklinik des Wiener AKH. Seine Schützlinge sind kranke, schwer-, ja todkranke Kinder. Doch hier auf dem "Sterntalerhof" im südburgenländischen Stegersbach ist nichts von einer sterilen Krankenhausatmosphäre zu bemerken. Und dennoch ist der alte Bauernhof mit den weiß gezäunten Pferdekoppeln gerade für diese Kinder und ihre Familien gedacht.

Der "Sterntalerhof" soll zu einem "Lebenszentrum" ausgebaut werden. Zeit möchte der sympathische Osttiroler mit dem weißen Rauschebart und den runden Brillen für seine kleinen Freunde haben - unbegrenzt Zeit. Zeit zum Reden und Zeit zum Schweigen, Zeit zum Fröhlichsein, aber auch Zeit zum Weinen.

Unter dem großen Nussbaum scheint dieser Wunsch möglich: die vier Hunde, die zur Begrüßung noch aufgeregt gekläfft und gebellt haben, liegen friedlich unter dem schweren Holztisch. Der Haflinger und die zwei Shetland-Ponys grasen hinter dem Haus, und die fünf Warmblüter galoppieren in ihrer weitläufigen Koppel auf und ab, so als wollten sie Fangen spielen.

"Bei der Arbeit mit den Pferden schmilzt alles Klimbim weg", sagt Regina Heimhilcher, die Partnerin von Peter Kai. "Nur das Wesentliche bleibt übrig. Und das ist hier bei uns viel Traurigkeit, aber auch viel Fröhlichkeit und Freude". Regina Heimhilcher ist ausgebildete Behindertenreitlehrerin und diplomierte Montessori-Pädagogin. Seit sechs Jahren engagiert sie sich in der Sterbe- und Trauerbegleitung von onkologisch erkrankten Kindern und deren Familien. Immer wieder ist es für die beiden beeindruckend, wie sensibel vor allem die Pferde auf die Kinder reagieren. "Die Kinder erzählen den Pferden oft mehr als uns", sagt Peter Kai lachend.

Eva zum Beispiel hat selten über ihre Krankheit gesprochen. Sie wollte nicht; sie konnte aber auch der starken Schmerzen wegen nicht. "Sie war so stark. Sie hat uns alle motiviert", sagt Eryk Szczepanski, ihr Vater. Eva starb im vergangenen Dezember mit nur elf Jahren an einem Rückenmarkstumor. In der Kinderklinik des AKH hatte sie Peter Kai kennengelernt - und bald ein tiefes Vertrauen zu ihm gefasst. Obwohl sie in den letzten Lebensmonaten zu 95 Prozent gelähmt war, kam sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester fast jedes Wochenende auf den "Sterntalerhof".

Angst vor Schmerzen

Am Anfang sei es mit dem Rollstuhl schwierig gewesen, erinnert sich der Vater. Aber sie war so begeistert, wenn sie zuschauen durfte, wie die Pferde gestriegelt und gefüttert wurden. "Wir haben dort auch viel Spaß gehabt", sagt Eryk Szczepanski, "obwohl sie so schwach war, hat sie gelacht". Peter Kai hat ihr einen Hund geschenkt. Von ihm hat sie sich das Gesicht abschlecken lassen und hat mit ihm gekuschelt. "Sonst hat sie das nie so gerne gehabt", wundert sich ihr Vater noch heute.

Seit bald 20 Jahren begleitet Peter Kai als Krankenhausseelsorger sterbende Kinder. "Kleine Kinder haben ein sehr unmittelbares natürliches Gefühl für den Tod. Sie haben mehr Angst vor dem Alleinsein und den Schmerzen. Bei Jugendlichen stellt sich schon mehr die Frage nach dem Danach." Aber auch nach dem Tod eines Kindes lässt der Seelsorger den Kontakt zu den verwaisten Eltern und Geschwistern nicht abreißen. Er weiß, dass die Trauerarbeit unendlich schwer ist und unabsehbar lang dauern kann.

"Dass Kinder vor ihren Eltern sterben, ist ja der falsche Ablauf", sagt Eryk Szczepanski. "Diese Trauer dauert. Man kommt nicht weg davon; das ist nicht möglich. Aber wir müssen weiterleben, wir müssen uns damit abfinden." Der Begriff "verwaiste Eltern" hat in Eryk und Barbara Szczepanski konkret Gestalt bekommen. Das aus Polen stammende Ehepaar bezeichnet sich als religiös. Daher, so sagen sie, habe die Frage nach dem "warum?" und "wozu?" für sie auch keine Bedeutung. Ihr Glaube hilft ihnen in dieser unsagbar schwierigen Situation. 14 unvorstellbare Monate durchlebten sie gemeinsam vom Tag der Diagnose bis zum Ende. Jeder Tag ist im Gedächtnis der Eltern eingemeißelt: von den ersten Problemen beim Schuhebinden bis zu den Worten der Ärztin am letzten Tag. "Niemand kann sich in so eine Situation hineindenken", sagt Eryk Szczepanski. Viele hätten es versucht, und er ist über die menschliche und auch über die finanzielle Hilfe sehr dankbar. Die Mitschülerinnen und Lehrerinnen seien eine echte Stütze in dieser Zeit gewesen, genau wie die Menschen aus Evas ehemaligem Kindergarten und Hort. Auch bei seinem Arbeitgeber, einem großen Speditionsunternehmen, habe er größtmögliche Hilfe erfahren. "Das ist schön. Und - das ist nicht selbstverständlich", sagt der Mann mit den ergrauten Schläfen und den rotgeränderten Augen. Peter Kai wurde in dieser Zeit ein wichtiger und treuer Begleiter auf diesem schwierigen Weg. "Zuerst wollte er Eva betreuen; jetzt betreut und begleitet er uns weiter. Man braucht das. Es ist enorm wichtig", sagt Barbara Szczepanski.

Auch für Evas um zwei Jahre ältere Schwester Maria ist Peter Kai eine wichtige Bezugsperson geworden. Wann immer es der Schülerin möglich ist, hilft sie auf dem "Sterntalerhof". Peter Kai ist davon überzeugt, dass die Geschwister schwerkranker Kinder oft mehr Zuwendung brauchen als das kranke Kind selbst. Denn natürlich werden sie in dieser Zeit von den Eltern vernachlässigt, und das führe dann zu Eifersucht. Diese Geschwisterkinder werden oft von starken Schuldgefühlen geplagt, wenn sie sich den Tod des kranken Kindes wünschen - und dieser dann auch eintritt. Peter Kai erzählt sogar von Selbstmordversuchen solcher Geschwisterkinder. Er erzählt aber auch davon, wie unglaubliche Aggressionen beim Pferdestriegeln abgebaut werden können und Neuanfänge innerhalb der Familien danach möglich werden.

Ein weiterer Aspekt auf dem "Sterntalerhof", der Peter Kai und Regina Heimhilcher ganz wichtig ist, ist das gemeinsame Spielen von kranken und gesunden Kindern. Aus diesem Grund kommen immer wieder auch Nachbarskinder oder ganze Kindergarten- und Schülergruppen auf den Hof. Dabei steht der ungezwungene Umgang miteinander im Mittelpunkt. Die Kinder sollen voneinander lernen und miteinander Spaß haben. Dass Gesundsein nicht selbstverständlich ist und man sich nicht über Kleinigkeiten ärgern soll, das klingt aus dem Mund eines kranken Kindes oder Jugendlichen einfach authentischer als aus dem Mund eines Elternteils oder Lehrers.

Derzeit ist der "Sterntalerhof" noch eine große Baustelle, und die kranken Kinder können nur ambulant betreut werden. Das Bauernhaus muss noch fertig renoviert, der Pferdestall fertiggestellt werden. Aber jetzt schon hoffen Peter Kai und Regina Heimhilcher, in Zukunft Familien mit schwerstkranken Kindern auch die Möglichkeit bieten zu können, in einem eigenen kleinen Häuschen auf dem Hof einige Tage zu verbringen. Auch eine eigene Keramik- und Kreativwerkstatt ist geplant. Im Lauf seiner Tätigkeit hat Peter Kai oft mit den Kindern gezeichnet. "Wie stellst du dir den Himmel vor?, habe ich sie gefragt. Ihre Antworten auf Papier waren für mich die wunderbarste Theologie überhaupt."

Bis zur Realisierung aller Projektteile ist es noch ein langer Weg, da alle Arbeiten aus Kostengründen nach Möglichkeit selbst ausgeführt werden. Aber die Fragen "Werden wir das schaffen? Woher nehmen wir Zeit und Geld?" werden von den beiden sympathischen Idealisten nicht gestellt. "Dafür haben wir und nehmen wir uns keine Zeit", sagt Peter Kai in der unverkennbaren Klangfärbung der Osttiroler.

Hinweis

"Sterntalerhof"

Peter Kai und Regina Heimhilcher

Grazer Straße 58

7551 Stegersbach

Tel. + Fax: 03326 / 53341

Mobil: 0664 / 214.03.98

Konto Nr. bei der

Erste Bank 05818028

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