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Wenn Hilfe im Alltag ANKOMMT

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Die Flüchtlingskrise zeigte, wie die Zivilgesellschaft einspringt. Zwei Jahre später scheint die Hilfsbereitschaft kleiner zu sein. Ein Trugschluss?

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Die Flüchtlingskrise zeigte, wie die Zivilgesellschaft einspringt. Zwei Jahre später scheint die Hilfsbereitschaft kleiner zu sein. Ein Trugschluss?

Er braucht mich ja gar nicht", war der erste Gedanke, der Katja S. durch den Kopf ging, als sie den afghanischen Flüchtling Mustafa M. (beide Namen der Red. bekannt) kennenlernte. Beim ersten Treffen war er seit gerade einmal acht Monaten in Wien. Die Mittdreißigerin war damals nicht nur überrascht über sein gutes Deutsch, sondern auch über seine große Selbstständigkeit. Seit April 2016 ist die Modeberaterin sogenannter "Buddy" des 21-jährigen Afghanen, der ihr im Rahmen des "Caritas"-Projekts "Commit" zugeordnet wurde.

Was als ehrenamtliches Engagement begann, hat sich mittlerweile zu einer Freundschaft entwickelt -und zu einem Geben und Nehmen: Während die gebürtige Deutsche Mustafa bei Behördengängen unterstützt und angesichts seines subsidiären Schutzbescheids vor ein paar Tagen eine Party gegeben hat, hat er ihr beim Renovieren ihrer Wohnung geholfen. Hier zeigt sich beispielhaft im Kleinen, wie Flüchtlingshilfe im Frühjahr 2017 aussieht.

Im Sommer 2015 war die Situation eine andere: Damals haben das Versagen der Politik -vor allem inTraiskirchen -und die Flüchtlingsströme in Österreich Unzählige animiert, Kleidung zu sammeln, Essen zu verteilen oder Wohnungen zu organisieren. Allein bei der Caritas haben sich seit Sommer 2015 österreichweit mehr als 15.000 Menschen als Freiwillige gemeldet - zusätzlich zu den bereits bestehenden 40.000.

Manche Initiativen verebbten

Menschen engagierten sich aber nicht nur in so großen Organisationen wie der Caritas. Die Notsituation hat viele dazu gebracht, selbst ehrenamtlich Flüchtlingsinitiativen zu gründen. Der Verein "Happy. Thank You. More Please!!!" war eine davon. Auf Anregung der Gründerinnen Renate Hornstein und Sophie Pollak haben sich im Mai 2015 spontan etwa 40 Leute getroffen. In der Berggasse wurde ein erstes Depot gefunden, wo man Kleider sortieren sowie lagern und dann nach Traiskirchen bringen konnte. "Von Anfang an sind täglich zehn bis 15 Leute zum Helfen gekommen", berichtet Lara Gray, die heutige Obfrau des Vereins. "Wenn wir größeren Bedarf hatten, haben wir über Facebook aufgerufen. Innerhalb einer Stunde waren über dreißig Leute da." Ende Oktober 2015 musste man von der Berggasse in die Gudrunstraße übersiedeln. "Das war der letzte große Akt, zu dem viele Helfer gekommen sind", so Gray.

Gegen Anfang des Winters war die große Hilfsbereitschaft rund um die Flüchtlinge dann aber vorbei. Das und die schlecht erreichbare Lage in der Gudrunstraße ließ den Helferstrom einbrechen. Nachdem in Traiskirchen der aktue Bedarf gestillt worden war, überlegten die Vereinsmitglieder, was man nun mit der restlichen Frauen-und Kinderkleidung tun könnte. "Wir haben versucht, uns mit Unterkünften abzusprechen, haben aber Widerstand von großen Organisationen gespürt", erzählt Lara Gray, deren Familie aus Syrien stammt.

So ist die Idee zum Happy Markt entstanden: Flüchtlinge konnten an bestimmten Tagen das Spendendepot selbst besuchen und sich dort Kleidung aussuchen. Dabei ging es nicht nur um die Abholung, sondern auch um das Kennenlernen der Helfer vor Ort. Von dieser Neuerung profitierten beide Seiten, doch im Januar 2017 musste dieses Lager ebenfalls geräumt werden. Seitdem sucht man nach einem neuen Depot, um weiterzumachen - wenn auch in anderer Form: "Jetzt möchten wir alte Kleidung upcyceln und sozial Schwachen zu Verfügung stellen", erklärt Gray, und ist schon mit einer Nähwerkstatt, die Flüchtlinge beschäftigt, im Gespräch.

Eine Weiterentwicklung wie diese ist nicht die Regel. Viele der im Sommer 2015 gegründeten Initiativen haben sich wieder aufgelöst. "Etliche haben den Schritt zur zweiten Stufe, den Sprung zur Organisation, nicht geschafft", weiß Michael Walk, Organisator der "Wiener Freiwilligenmesse", die 2017 zum fünften Mal stattfindet, "aber das wollten viele auch gar nicht." Das ist für den Experten genauso normal wie auch die Tatsache, dass die spontane Hilfsleistung und das schnelle Engagement quer durch alle Altersgruppen wieder abgeebbt sind. "Diejenigen, die spontan helfen wollten, wollten ohnehin nicht alle bleiben", meint Walk. Sie machen Pausen, engagieren sich vereinzelt oder finden durch die Ehrenamtlichkeit einen Job im sozialen Bereich: So sind mehr als 70 Prozent derjenigen, die heute in den Caritas-Notquartieren hauptamtlich tätig sind, vorher freiwillig engagiert gewesen. Diese Entwicklung zeigt sich nicht nur im Flüchtlingsbereich: Man wird in der Freiwilligenarbeit wählerischer. Statt im klassischen Ehrenamt engagiere man sich heute lieber projektbezogen und dort, wo man einen Beitrag leisten sowie seine Fähigkeiten einsetzen kann.

Andere Art der Hilfe

Diese Interessenverschiebung beobachtet auch Matthias Drexel, ehemaliger Koordinator am Westbahnhof und Leiter der Akut- und Katastrophenhilfe der Caritas Wien. "Im Sommer und Herbst 2015 wollten Leute helfen, weil sie das Gefühl hatten, das System ist überfordert", zieht der Experte heute Bilanz. Selbst als Mitte November 2015 die ersten Notquartiere für Flüchtlinge geöffnet wurden, brauchte man innerhalb von Tagen Freiwillige, die bei der Aufrechterhaltung des Betriebs wie der Essensausgabe unterstützt haben.

Heute ist die Situation eine andere: Hauptamtliche kümmern sich um den Alltag, die Bewohner sind selbstständiger geworden und Freiwillige können qualitative Aufgaben wie Deutschunterricht oder Kinderprogramme übernehmen. Rund 1000 Freiwillige engagieren sich -so wie Katja S. - heute regelmäßig im Bereich der Flüchtlingshilfe bei der Caritas Wien. Darunter viele Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund.

"Heute ist jedoch die Notwendigkeit des Helfens eine andere", erklärt Caritas-Experte Drexel den Unterschied zu 2015. "Jetzt wird wahrgenommen, dass die Menschen nicht mehr in Not sind. Jetzt können wir sie unterstützen und Spaß mit ihnen haben." So haben Freiwillige in der Einrichtung in der Siemensstraße eine Radwerkstatt gebaut. Andere haben in der Westbahnstraße Konzertabende veranstaltet. "Im Sommer 2015 hätte man kein Konzert in Notquartieren geben können. Der Bedarf war ein anderer", bringt es Drexel auf den Punkt. Der Wunsch, mit Flüchtlingen zu arbeiten, sei aber ungebrochen.

Geschwundenes Interesse

"Das Interesse ist noch vorhanden, aber nicht mehr grenzenlos", sieht Michael Walk von der Freiwilligenmesse die Sache nüchterner. Das liege einerseits daran, dass vieles auf informeller Ebene passiert - Familien helfen Nachbarn -, aber auch daran, dass zu wenig Bewusstsein bestehe, wie aufwändig Integrationsarbeit ist. "Das Thema wird von der Politik auf wenige wichtige Maßnahmen verkürzt", kritisiert er, "es reicht aber nicht, nur den Arbeitsmarkt oder die Sprachkompetenz zu betrachten. Es gehört unser gesamtes gesellschaftliches Leben dazu." In dieser Bewusstseinsarbeit sieht er genauso Potenzial wie darin, dass sich die großen Organisationen noch mehr um die professionelle Betreuung ihrer Ehrenamtlichen kümmern. "In beiden Bereichen haben Organisationen aus der Extremsituation 2015 gelernt, da passiert gerade einiges", lenkt Walk ein.

"Wahrscheinlich sind die Organisationen jetzt besser vorbereitet, dennoch möchte ich mir nicht vorstellen, was bei einem zweiten Flüchtlingsstrom passieren würde", sieht der Experte eher sorgenvoll in die Zukunft. Vor allem, wenn die Politik immer mehr Stimmung gegen die Flüchtlinge macht, bestehe die Frage, ob sich die Leute noch einmal engagieren würden. Doch genau dazu möchte Walk immer wieder neu aufrufen. Abgesehen davon, dass Freiwilligenarbeit erwiesenermaßen Vorteile für jeden einzelnen bringt, sei der Bedarf ungebrochen da: "Wir haben viel getan, aber wir dürfen uns als Gesellschaft nicht vom Weg ablenken lassen." Die Herausforderungen werden schließlich nicht kleiner.

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