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Wer bin ich, sie zu richten?

1945 1960 1980 2000 2020

Wer am Ende die Gegenwart nicht bewältigen kann, sind immer wir selbst.

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Wer am Ende die Gegenwart nicht bewältigen kann, sind immer wir selbst.

Zuerst bin ich darüber erstaunt, überhaupt am Leben zu sein. Ich berge mein Leben in meinen Händen, verwundbar und wunderbar wie eine Kerzenflamme, und frage, wem ich dieses Geschenk verdanke. Als meine Eltern mich (geschenkt) bekommen haben, müssen sie verzaubert und ehrfurchtsvoll vor Dankbarkeit gewesen sein im Angesicht meiner Lebendigkeit. Heute befinden wir uns im Generationenkonflikt und verlieren zusehends den Respekt und das Staunen voreinander, daß wir lebende Wesen sind, beziehungs- und liebesbegabt. Verletzt und haßerfüllt zuweilen, sodaß wir brutal mit den Füßen treten können. Trotzdem, Menschen und Wunder.

Wer am Ende die Gegenwart nicht bewältigen kann, sind immer wir selbst. Wir selbst stehen vor den Toren und Drehangeln und Wasserscheiden unseres eigenen Lebens, oftmals ratlos und verzagt, wo wir uns hinwenden dürfen. Unsere Eltern, wenn ich die "heutige Generation" stellvertretend, doch genauer und konkreter so bezeichnen darf, stehen zunehmend stumm und bittend wie Wegweiser, die den Weg schon zum Teil gegangen sind, wenn auch mit Verirrungen - und teilweise alte Wege, die nirgends mehr hinführen. Sie sehen ein (hoffentlich), daß sie uns keine Lösungen, keine bequemen Straßen, keine vorgezeichneten Kartierungen anbieten können. Sie stehen vor der fragmentarischen Skizze ihres eigenen Lebens und fordern uns auf (manchmal flehen sie, zwingen sie, schreien sie), sie nicht zur Gänze zur Seite zu schieben, ihre Lebenskämpfe anzuerkennen.

Orientierungslos steht meine Generation (die künftige?) da - darin schon erleichtert, daß sie teils nicht vergewaltigt und verhetzt wurde wie frühere Generationen in Kriege, Bigotterie oder Ideologien. In unserer Lebensführung sind wir jedoch auch in die Abhängigkeit gedrängt, nicht indem man Drogen ins Trinkwasser gab, wie Mitte des Jahrhunderts ernsthaft vorgeschlagen wurde, sondern, indem wir an Konsum, Wachstum und Oberflächlichkeit gewöhnt wurden von Kindesbeinen an. Heute fordert die Kulturkritik von uns, daß wir uns entwöhnen, so gedankenlos und vereinfacht, wie man es bisweilen von Drogenabhängigen fordert. Wir sind ständig übersättigt, betrunken, verwirrt, unkonzentriert vom Aufguß der Wohlstands- und Unterhaltungsindustrie - woher sollen wir Fassung beziehen, innere Ruhe, Gerechtigkeit und Frieden? Wir suchen den Ausweg in vorgefaßte Meinung, vorgespiegelte Bildung, vorgehaltene Beschuldigung, vorgeschobene Verzweiflung. Was wir wirklich wollen ist traurig sein zu können, daß wir so aufgewachsen sind, denn ohne diese Trauer werden wir nicht dankbar werden dürfen.

Wir wurden in eine Welt geworfen, vermaßt, globalisiert, verraten vielleicht noch nicht, doch sicherlich verkauft. Den Globalisierungswettbewerb haben zuallererst und anscheinend endgültig die Opportunisten (unser aller teilweises Selbst) gewonnen. Das Weise, was immer es sei, versteckt sich vor dieser Globalisierung in der Einsamkeit. Die Einsamkeit jedoch wurde uns nie gelehrt. Wirklich ist die Einsamkeit verpönt, außer der Einsamkeit des Konsums. Gelähmt stehen wir vor der und in der Befriedigungsmaschine der modernen Versprechungen, teilnehmend, unreflektiert oder nicht, teilnehmend.

Besonders tragisch ist, daß man uns die Statistik beigebracht hat. Drei Leben gelten jetzt mehr als zwei, hunderttausend Wählerstimmen können die Meinung eines Politikers ändern, Geld wird eine bevorzugte Quantitätskategorie (oder, noch beängstigender, verlorene Menschenleben). Wir haben in diesen Spuren zu denken begonnen. Zu viele unserer Gedanken kreisen um Zahlen.

An all dem möchte ich nicht der "heutigen Generation" die Verantwortung und Strafbarkeit zuschieben. Deren Leben war kläglich genug, und gut genug, um es besser zu machen, auch um es schlechter zu machen. Sie haben gekämpft, diese Menschen. Oft haben sie zu früh aufgegeben, manchmal den eigenen Vorteil gesucht, nicht zu selten sind sie heroisch für Wahres oder Falsches eingestanden. Heute geben sie den Kampf an uns weiter und wissen, daß ihnen der weit größere Kampf noch bevorsteht. Wer bin ich, sie zu richten?

Ich ärgere mich, daß die Elterngeneration sich so unverwundet und unverwundbar gibt, so unentblößt und statisch selbstsicher. Keine Tränen und kein Lachen der Reue und des Verzeihens, wenige peinliche weil ehrliche Zornausbrüche und kaum Stunden des Gesprächs von Zuneigung und fehlgeschlagener Beziehung. Es ärgert mich am meisten, daß wir in diesem Punkt gute Kinder unserer Eltern, gute Schüler unserer Lehrer geworden sind. Doch wer bin ich, sie zu richten?

Uns bleibt neben der Traurigkeit die Dankbarkeit - unterschätzen wir sie nicht. Die Dankbarkeit ist keine Kategorie, sagt man. Auch die Sonne, der Frühling, die Wärme, das liebevolle Reden sind keine Kategorien, nur Lebensquellen. Wem wir dieses Leben verdanken, bleibt ein Geheimnis, doch sind unsere Eltern und Erzieher sicher Teil des Geschenkes, das wir Leben nennen, für die wir und denen wir dankbar sein dürfen.

Der Fünfte Stefan Lukits, 1973 in Kirchdorf (Oberösterreich) geboren, leistet derzeit seinen Grundwehrdienst ab. Davor studierte er Mathematik und Germanistik an der Universität Graz und Theologie an der Universität Vancouver in Kanada.

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