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Wer hat "menschlich versagt"?

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Der grauenhafte Unfall auf der Westautobahn ist nicht nur damit erklärt, dass ein Lkw zu schnell unterwegs war. Auch die Politik hat die acht toten Jugendlichen zu verantworten.

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Der grauenhafte Unfall auf der Westautobahn ist nicht nur damit erklärt, dass ein Lkw zu schnell unterwegs war. Auch die Politik hat die acht toten Jugendlichen zu verantworten.

Gewiss, es war menschliches Versagen, das am 21. August acht deutschen Jugendlichen bei dem grauenhaften Unfall im Baustellenbereich Pöchlarn auf der Westautobahn das Leben kostete. Der Lkw, dessen Anhänger beim Fahrbahnwechsel kippte, war nach den bisherigen Ermittlungen viel zu schnell unterwegs. Für den 27-jährigen Fahrer, der an dem Tod von acht jungen Menschen ohnehin schon schwer zu tragen hat, wird das voraussichtlich entsprechend schwere Rechtsfolgen haben.

Und es war gewiss auch menschliches Versagen, als einige Kilometer weiter, ebenfalls in einem Baustellenbereich der A1, am 15. Juni ein Sattelschlepper gekippt war und zweiPkws mit sechs Menschen unter sich begraben hatte. Der Lenker, dessen Fahrfehler die Katastrophe auslöste, hatte zudem schon vorher wegen schwerer Verkehrsdelikte seine Lenkerberechtigung verloren.

Und natürlich war es menschliches Versagen gewesen, welches am 29. Mai des Vorjahres das Inferno im Tauerntunnel ausgelöst hatte, als ein Lkw ungebremst in eine im Tunnel vor einer Baustelle wartende Kolonne gekracht war. Ein ausgeschlafener, konzentriert fahrender Berufslenker hätte rechtszeitig bremsen müssen.

Aber: Haben in all diesen - und vielen anderen! - Fällen immer nur die Lenker der Unglücksfahrzeuge "menschlich versagt"? Haben nicht vielmehr auch jene, die für derart unfallträchtige Verkehrsverbindungen verantwortlich sind, menschlich versagt? Jene, die es jahrelang, ja jahrzehntelang unterließen, das hochrangige österreichische Straßennetz (vor allem die Autobahnen) in einen Zustand zu bringen, das dem Stand der Technik und den Anforderungen des heutigen Verkehrs entspricht?

Fehler provoziert Der Mensch macht immer Fehler, wird immer Fehler machen - am Steuer eines Fahrzeuges wie auch anderswo. Aber muss man diese Fehler durch finstere Tunnels mit Gegenverkehr, Sparautobahnen (wie die A2 im Packabschnitt) und Gegenverkehrsstücken, wie wir sie derzeit auf der A1 vorfinden, geradezu provozieren? Die engen Baustellenbereiche auf der A1 verlangen selbst von Pkw-Lenkern volle Konzentration und treiben so manchen den Schweiß auf die Stirn. Immer wieder bekommt man zu hören: Eigentlich ist es ein Wunder, dass nicht mehr passiert!

Was den schrecklichen Unfall letzte Woche betrifft, sind jetzt die Sachverständigen am Wort. Vieles deutet darauf hin, dass die Art der Baustelleneinrichtung (Niveauunterschied im Schwenkbereich) das Kippen des Lkws zumindest begünstigte. In diesem Zusammenhang erinnert man sich der im Schwenkbereich aufgestellten Schilder, die vor kippenden Lkw-Ladungen warnen. Ahnte da einer der Baustelleneinrichter etwa schon, was da kommen könnte?

Zurück zum Tauerntunnelinferno. Man kann davon ausgehen, dass es bei zwei Tunnelröhren nie eine einspurige Baustelle mit wechselweisen Verkehrsanhaltungen (im Tunnel!) gegeben hätte, und es daher ergo auch nie zu diesem grauenhaften Unfall gekommen wäre, der zwölf Menschen das Leben kostete und 400 Millionen Sachschaden anrichtete. Ganz abgesehen davon, dass zwei getrennte Röhren den vom Unfall Betroffenen und den Rettungsmannschaften ganz andere Möglichkeiten bieten. Dass die Baustelle nicht genehmigt war, und in dieser Form auch nie genehmigt worden wäre, muss wohl auch wieder unter das Kapitel "menschliches Versagen" gereiht werden.

Ja, aber wie soll man eine Autobahn sanieren, ohne Baustellen einzurichten? Ohne Baustellen geht's natürlich nicht. Aber es wäre - wie ausländische Beispiele zeigen - sehr wohl ohne diese dichte Abfolge von Baustellen, wodurch die Unfallgefahr enorm steigt, gegangen, hätte man rechtzeitig mit der Sanierung begonnen. Nach Ansicht von Fachleuten wäre das Mitte bis Ende der achtziger Jahre gewesen. Es fehlte auch nicht an den entsprechenden Warnungen der zuständigen Landesbaudirektoren.

Die hohe Politik - die erste rot-schwarze Koalition war gerade angetreten - beschloss statt dessen dieAufhebung der Zweckbindung der Mineralölsteuereinnahmen für den Straßenbau, um die üppig sprudelnden Autofahrermilliarden zum Stopfen der schon damals gewaltigen Budgetlöcher (die Verstaatlichte Industrie stolperte gerade von einem Desaster in das andere) verwenden zu können. Während sich die Mineralölsteuereinnahmen seither mehr als verdoppelten, stagnierten die Ausgaben für den Straßenbau, waren in einigen Jahren sogar leicht rückläufig. Mit 15 Milliarden Schilling wird heute weniger als ein Viertel dessen, was der motorisierte Straßenverkehr an direkten, spezifischen Abgaben (Mineralölsteuer, Kfz-Steuer) leistet, für den Straßenbau verwendet.

Zerbröselte Autobahn Ergebnis: Österreichs Autobahnen zerbröseln, von den Leitschienen tropft die Rostsoße, und der Randbereich hat streckenweise Biotopcharakter. Wusste man früher, jetzt bin ich im Ostblock, weil's fürchterlich rumpelte, ist's jetzt umgekehrt: Der Gruß vom Fahrwerk ist das untrügliche Zeichen, wieder in der Heimat zu sein. Mit dem Wort "Generalsanierung" umschreibt man jetzt schamhaft, dass die Westautobahn praktisch neu gebaut werden muss. Was mindestens zehn Jahre dauern und noch einen hohen Blutzoll fordern wird.

Der Zustand unseres hochrangigen Straßennetzes nervt - verständlicherweise - mittlerweile auch die ausländischen Gäste. Sie zahlen für's Autobahnpickerl und dürfen dann stundenlang in brütender Hitze vor dem einröhrigen Tauerntunnel auf die Blockabfertigung warten, bevor sie auch noch eine saftige Streckenmaut entrichten müssen.

Der deutsche Verkehrsminister Reinhard Klimmt kommentierte dieses fabelhafte Preis-Leistungsverhältnis bereits mit saftigen Worten: "Man kann seinen Urlaub auch woanders machen!"

Der Autor ist Generalskretär des ÖAMTC.

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