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Wer kommt für den toten Fluß auf?

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Nur mehr kurze Notizen gibt es von der Umweltkatastrophe an der Theiß. Der Giftpegel sinkt und bis zur Mündung werde sich die Belastung des Donauwassers auf ein ungefährliches Niveau gesenkt haben. Also alles nur halb so schlimm?

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Nur mehr kurze Notizen gibt es von der Umweltkatastrophe an der Theiß. Der Giftpegel sinkt und bis zur Mündung werde sich die Belastung des Donauwassers auf ein ungefährliches Niveau gesenkt haben. Also alles nur halb so schlimm?

Zunächst ein Rückblick auf das Geschehen: Am 30. Jänner bricht im Gefolge schwerer Niederschläge und eines starken Temperaturanstiegs der Damm des Auffangbeckens der im Nordwesten Rumäniens gelegenen Goldmine in Baia Mare. 100.000 Kubikmeter der im Becken befindlichen, hochgiftigen Abwässer - sie enthalten Zyanide und Schwermetalle - ergießen sich in einen Zufluß des Szamos, eines Nebenflusses der Theiß und gelangen so in diesen zweitgrößten Fluß Ungarns. Die rumänischen Behörden alarmieren die flußabwärts gelegenen Länder.

Ab dem 2. Februar gelingt es, das Becken wieder abzudichten. Von da an aber kämpft Ungarn mit den Folgen der Giftflut. "Im unteren Szamos und der Oberen Theiß ist praktisch alles Leben erloschen", erklärt eine Sprecherin des "World Wide Fund for Nature" (WWF). 500 Tonnen tote Fische werden in Ungarn aus der Theiß gezogen, gesammelt und verbrannt.

Es wird befürchtet, daß das Gift über die Nahrungskette an nicht unmittelbar betroffene Lebewesen weitergegeben wird. Der Fortbestand von Adler- und Otternarten, die im Naturschutzgebiet von Szamos und Theiß angesiedelt sind, ist gefährdet. Am 7. Februar gibt es nochmals Alarm. Nicht weit vom ersten Unglücksort entfernt kommt es zu einer weiteren Zyanidverseuchung, die aber bei weitem nicht das Ausmaß der ersten hat. Umweltschutzorganisationen sprechen von der zweitschwersten Umweltkatastrophe nach Tschernobyl.

Mit dem Vordringen der Giftwelle wird deren Bedrohlichkeit durch Verdünnung abgeschwächt, allerdings nicht besonders rasch. Daher berichten auch noch Belgrader Zeitungen von mehreren Tonnen toter Fische in Jugoslawien.

Mittlerweile ist die Giftbrühe nach dreiwöchiger Reise wieder nach Rumänien zurückgekehrt. Am Sonntag war das Wasser der Donau auf der Höhe des Ortes Bechet immer noch zehnmal höher mit Zyaniden belastet als erlaubt. An der 700 Kilometer entfernten Donaumündung werde die Giftbelastung aber unter dem Grenzwert liegen, wird versichert.

Mit dem Abklingen der unmittelbaren Gefährdung, sinkt das mediale Interesse am Geschehen. Man registriert dankbar, daß die internationale Kooperation und die Informationspolitik der Behörden gut funktioniert habe. Genugtuung herrscht auch, daß dank rechtzeitiger Vorsorgemaßnahmen keine Menschenopfer zu beklagen sind.

Unklar ist, wie lange es dauern wird, bis jener Zustand wiederhergestellt ist, der vor der Katastrophe bestanden hat. Jedenfalls werde es Jahre dauern. Janos Gönczy, Sonderbeauftragter der ungarischen Regierung, rechnet mit einer merkbaren Wiederbelebung der Theiß in ein bis zwei Jahren. Die EU und die UN-Umweltorganisation wollen die genauen Umweltschäden erheben. War also alles nur halb so schlimm?

Die Relativierung des Schadens wird sich bald einstellen. Sie kommt der verbreiteten Tendenz, Umweltkatastrophen nach einem kurzen Aufwallen der Empörung wieder locker wegzustecken, sehr entgegen. Wen beeindruckt heute noch die Reaktorkatastrophe von Tschenrobyl? Die unmittelbar an den Folgen Leidenden schon. Aber gab es in den Jahren seit 1986 wirklich ein Umdenken in der Energiepolitik?

Zum üblichen Ritual gehört auch, daß Haftungsfragen in solchen Fällen unklar und umstritten sind: Rumänien jedenfalls lehnt jede Verantwortung ab und verweist auf den Betreiber der Goldmine, ein rumänisch-australisches Unternehmen. Dessen Sprecher wiederum hat Zweifel angemeldet: Der Zusammenhang zwischen der Verheerung des Ökosystems und den aus dem "Aurulis"-Becken ausgewaschenen Stoffen sei nicht überzeugend nachgewiesen, die Medienberichterstattung enorm übertrieben. Man werde eine Klage - die Ungarn bereits angekündigt hat - abwarten. Viel sei nicht zu holen. Das Unternehmen verfüge über nur wenig Eigenkapital.

Schwierig, den Schaden zu erfassen Auch das ist typisch für Umweltkatastrophen: Schadenserhebungen und Schuldzurechnungen sind durch die enorme Komplexität des Geschehens äußerst schwierig. Den Einkommensverlust der Fischer und Fischrestaurants läßt sich noch relativ einfach erheben. Schwieriger schon ist die Frage: Welche Folgen hat die Katastrophe für den Fremdenverkehr der Region? Aber nahezu unmöglich wird es sein, alle Schäden zu erfassen, die erst mit zeitlicher Verzögerung auftreten, viele von ihnen hunderte Kilometer vom ursprünglichen Geschehen entfernt in anderen Ländern.

100 Millionen Euro (1,4 Milliarden Schilling) Sanierungskosten verursachte übrigens im April 1998 eine ähnliche Ökokatastrophe in Südspanien. Damals wurde der Fluß Guardiamar und das angrenzende Feuchtgebiet Coto Donana mit mehr als 5.000.000 Kubikmetern giftigem und säurehaltigem Wasser verseucht.

Konsequenzen aus dem damaligen Unfall wurden jedenfalls keine gezogen, obwohl der WWF eine Studie zum Thema erarbeitet hat ("Toxic Waste Storage Sites in EU-Countries"). Sie wies nach, daß von Abwasserbecken im Metallbergbau schon jetzt eine ganze Reihe von gravierenden Umweltbelastungen in Schweden, Spanien, Italien, Portugal und England ausgehen. Daher die Forderung, alle Standorte von Entsorgungsanlagen größerer Bergwerke zu erheben. Maßnahmen zur Gefahrenminderung wurden vorgeschlagen.

Der Erfolg war bisher, wie gesagt mager. Die EU-Kommission begnüge sich damit, freiwillige Vereinbarungen mit den betroffenen Industriezweigen auszuhandeln, stellte kürzlich Jane Magdwick, Leiterin des WWF-Süßwasser-Programms, fest.

Es ist zu befürchten, daß sich das auch nach der Theiß-Katastrophe nichts Wesentliches ändern wird. Immerhin hat auch eine Bestandsaufnahme des "World Information Service on Energy" - sie listet über 30 Dammbrüche seit 1970 auf - nicht zu entsprechenden Maßnahmen geführt.

Umweltschutz verliert an Bedeutung Vorsorge gegen unwahrscheinliche, aber im Falle des Auftretens schwerwiegende Unfälle, kostet eben Geld, das man sich lieber erspart. Je kürzer die Zeiträume werden, in denen wirtschaftlich gedacht wird, umso weniger werden Langfristfolgen berücksichtigt. Die Internationalisierung der Wirtschaft und ihre Konzentration auf kurzfristige Erträge haben daher im letzten Jahrzehnt Anliegen des Umweltschutzes generell in den Hintergrund gedrängt.

Das zeigt der Gleichmut, mit dem die Serie der verheerenden Tankerunfällen hingenommen wird. Im Dezember zerbarst der Tanker "Erika" vor der bretonischen Küste. 12.000 Tonnen Heizöl richteten schwere Schäden an Frankreichs Küsten an, wie schon 1967 die "Torrey Canon" und 1978 die "Amoco Cadiz". Seit 1979 sind vor der bretonischen Küste 17 Schiffe beladen mit hochgefährlichen Chemikalien oder Erdölprodukten in Seenot geraten. Nur ultrarasches Abschleppen der Schiffe verhinderte, daß die Bretagne zum Dauernotstandsgebiet wird.

Und dennoch ändert sich nichts an den Praktiken des Schiffstransports: Dumpingpreise bleiben Trumpf. Die Folge: Alte, katastrophenträchtige und mangelhaft überprüfte Schiffe bevölkern die Weltmeere. Im Bericht an den französischen Transportminister über den jüngsten Unfall wird festgehalten, "daß die am stärksten umweltverschmutzenden Erdölprodukte von den unsichersten Schiffen befördert werden, ... mit einem Miminum an Mannschaft."

Auch hier dasselbe Problem: Um kurzfristiger Vorteile willen nimmt man das Risiko schwerer Umweltschädigung in Kauf in der Überzeugung, für die Sanierung der Schäden würden schon andere sorgen. Ein ökologisches Untergangsrezept.

Gibt es ein Gegenmittel? Eine Art Umwelthaftpflichtversicherung für Unternehmen wäre ein Ansatz., noch dazu ein den marktwirtschaftlichen Prinzipien entsprechender. Jedes Unternehmen müßte sich einen Versicherer suchen, der bereit ist, das Risiko der jeweiligen Aktivität zu übernehmen. Risikoreiches Tun bedeutet dann hohe Versicherungsprämien. Ein solches System würde einiges an den Preisrelationen der Güter ändern, aber auch einiges an Sicherheitsinvestitionen auslösen.

Wären die Unfälle an der Theiß und vor der Bretagne nicht ein Anlaß, wieder einmal solche Überlegungen ins Gespräch zu bringen?

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