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Wer nichts riskiert, riskiert am meisten

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Sind die Österreicher nur "brave und ängstliche Sparefrohs", die jedes Risiko scheuen? Die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen verlangen aber ein Umdenken in Staat und Gesellschaft.

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Sind die Österreicher nur "brave und ängstliche Sparefrohs", die jedes Risiko scheuen? Die veränderten wirtschaftlichen Bedingungen verlangen aber ein Umdenken in Staat und Gesellschaft.

Ich lebe gerne in einem Land, in dem ich meine geleisteten Überstunden bezahlt bekomme, in dem es ein Arbeitszeitgesetz gibt, in dem Frauen und Männer vom Staat unterstützt werden, wenn es darum geht, Kinder großzuziehen."

Der Leserbrief in der Wirtschaftswoche kann mit allgemeiner Zustimmung rechnen. Allerdings werden auch viele Menschen in einem Land leben wollen, in dem durch entsprechende wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen angemessene Arbeitsmöglichkeiten gegeben sind. Voraussetzung dafür ist die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens, in dem sie tätig sind. Was haben wir von allen "sozialen Errungenschaften", wenn Betriebe in Konkurs gehen und der Staat das soziale Netz nicht mehr sichern kann?

Es ist in unseren Tagen viel vom Kampf gegen die Arbeitslosigkeit die Rede. Vielleicht sollte man besser von einem "Unternehmermangel" sprechen. Denn wenn Unternehmer nicht für Beschäftigung in ausreichendem Maße sorgen können, gibt es Menschen, die keine Arbeit finden. Der Staat vermag unter den gegebenen Verhältnissen selbst keine nachhaltigen Arbeitsplätze schaffen. Er kann nur durch Rahmenbedingung Wirtschaftswachstum fordern und damit für eine größere Nachfrage am Arbeitsmarkt sorgen.

Der in der Vergangenheit eingeschlagene Weg, in einer hypertrophen Verwaltung und einem überdimensionierten geschützten Sektor unproduktive Arbeitsplätze zu kreieren, ist im Zeitalter des internationalen Wettbewerbs und überbeanspruchter Staatsfinanzen nicht mehr gangbar. Manche glauben, man könne sich der Globalisierung der Weltmärkte entziehen und damit zwangsläufig zum Protektionismus der dreißiger Jahre oder zur Bewirtschaftung der Kriegs- und Nachkriegszeit (wie sie heute noch in einer verfehlten Wohnbaupolitik besteht) zurückkehren. Sie übersehen, daß ein Abgehen von liberaler Wirtschaftspolitik zu einem raschen, von der Bevölkerung sicherlich nicht akzeptierten Rückgang des Lebensstandards führen würde. Weshalb gibt es gerade in Österreich einen Mangel an Unternehmern? An Kapital fehlt es sicherlich nicht. Derzeit liegen 3,4 Billionen Schilling auf täglich fälligen Sparkonten. Der Aktienmarkt in Österreich ist jedoch so gut wie inexistent. Die US-Amerikaner haben 34 % aller privaten Vermögenswerte in Aktien veranlagt. Was also fehlt, ist die Bereitschaft, sich durch Aktienbesitz oder direkte Investitionen an den Gewinnchancen und den Verlustrisiken der Wirtschaft zu beteiligen statt sein Geld in sicheren Sparbüchern und anderen festverzinslichen Anlageformen zu parken. Unternehmer tragen Risiken, weil Risiko zugleich Chance bedeutet. Kapital kann Unternehmungsgeist nicht ersetzen.

Der amerikanische Nationalökonom Robert J. Samuelson - weltweit bekannt durch sein Standardwerk über Grundbegriffe der Nationalökonomie - beantwortete die Frage nach der relativ geringen Arbeitslosigkeit in den USA und der hohen Arbeitslosenrate in Europa mit dem Hinweis, daß Europa immer mehr dazu neigt, "die Kultur des Marktes durch Staatseinfluß umzuformen". Dabei macht nicht allein die Höhe der Staatsquote und Sozialquote Sorge, sondern die durch ein System erzeugte Mentalität, wobei Forderungen und Unterstützungen mit der Gießkanne gewährt, die Einnahmen des Staates mit dem Rasenmäher hereingebracht werden.

In Österreich ist "Risiko" ein Fremdwort. Das hat mit der Geschichte unseres Landes zu tun. Die Gegenreformation hat zu einem Obrigkeitsdenken geführt, das eigener Initiative und Verantwortung nicht förderlich war. Das Reich der Habsburger sah seinen Bestand in der Kontinuität, nicht in der Anpassung an ein sich rasch veränderndes Umfeld. Wirtschaftliche Tätigkeit hatte im Vergleich zu Verwaltung, Militär und Grundbesitz ein geringes gesellschaftliches Ansehen. Das überließ man den Juden und Einwanderern, die in Österreich ihr Glück versuchen wollten.

Angst vor Neuem Die Österreicher sind zu braven, gehorsamen und ängstlichen Sparefrohs erzogen worden. Die Schule vermittelt so gut wie keine Kenntnisse über die tatsächliche Funktion der Finanzmärkte. Geld verdienen gilt als schändliche Tätigkeit; darüber spricht man nicht. Die Katastrophen dieses Jahrhunderts haben in Österreich eine übergroße Angst vor Neuem, Provinzialisierung des Denkens (Insel der Seligen - dagegen schlimme Zustände "draußen in der Welt") und generelle Skepsis geschaffen, Entwicklungen, die sich von außen aufdrängen, werden von vornherein abgelehnt. Die Diskussionsbereitschaft ist gering.

Neues findet - wie das Beispiel der Osterweiterung zeigt - nur so lange Zustimmung, als es nichts kostet und keine Mühe macht. Dazu kommt die ausgeprägte Gewohnheit, zunächst kämpferisch schwer zu verteidigende Stellungen zu beziehen, dann hinhaltenden Widerstand zu leisten und letztlich die unvermeidbare Niederlage durch Themenwechsel zu kaschieren - heute Mochovce, morgen Gentechnik und anonymes Sparbuch. Mit dieser Mentalität werden die vorhandenen Kräfte eher auf Abwehr statt Bewältigung von neuen Situationen konzentriert. Wer wie der österreichische Gewerkschaftspräsident verkündet, ihm wäre am liebsten, wenn sich (bei den Pensionen) überhaupt nichts ändere, wird in unseren Landen nicht als Utopist erkannt, sondern als Politiker geschätzt, der uns ruhig schlafen läßt.

Kein Preisvergleich Ein Grund, weshalb Österreich das zweitteuerste Euroland ist, besteht in der mangelnden Bereitschaft der Kunden, sich der Mühe eines Preisvergleiches zu unterziehen. Noch immer werden die Geschäfte als Versorgungsstellen angesehen, wie es in der Zeit der Zwangswirtschaft ja tatsächlich der Fall war. Damals wurde nicht verkauft, sondern zugeteilt. Das wäre auch eine Erklärung für das im internationalen Vergleich äußerst beschränkte Sortiment. Selbst in teuren Geschäften findet man in einer bestimmten Größe eine limitierte Auswahl etwa bei Hemden in Schnitt und Farbe. Wir haben überdies mit einem gestörten Verhältnis zu Innovationen und technologischem Fortschritt zu tun. Statt sachlich zu prüfen, wo Schaden entstehen und gegebenenfalls minimiert werden kann, werden Neuerungen pauschal und vehement abgelehnt.

Ebensowenig wird in ausreichendem Maße erkannt, daß eine völlige Beseitigung jedes Restrisikos in keinem Bereich möglich ist. Dennoch wird dies mit extrem hohen Kosten, die letztlich ja den Konsumenten voll treffen, immer wieder versucht. Dies gilt bei Betriebsansiedlungen (ein Würstelstand wird in Wien noch immer von einem Dutzend Magistratsabteilungen an Ort und Stelle kommissioniert) ebenso wie für den von einer ungezügelten Bürokratie ersonnenen Papierkram im Arbeitsschutzrecht. Der Unfall- und Gesundheitsschutz muß eine entsprechende Verantwortungsfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und Verantwortungsbewußtsein des mündigen Bürgers voraussetzen. Dieser Vertrauensgrundsatz gilt bei Extremsportarten ebenso wie im Straßenverkehr, warum nicht auch bei meist weniger risikoreichen Tätigkeiten im Arbeitsprozeß oder im Konsumentenschutz?

Das Risiko muß im Verhältnis zum Aufwand stehen. Der Panikmache muß entgegengetreten werden. Die Gefahr eines Briten, bei einem Stadtbummel ermordet zu werden, ist 10.000mal größer, im Straßenverkehr getötet zu werden, 100.000mal größer als nach den Genuß von verseuchtem Rindfleisch an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zu sterben.

"Leporellosyndrom" Schließlich muß eine Tendenz demaskiert werden, die ich als"Leporellosyndrom" bezeichne. Der Diener in Mozarts "Don Giovanni" macht schon zu Beginn der Oper ein Problem unserer Gesellschaft transparent: Leporello muß vor dem Palast des Komtur Wache stehen, während sein Herr, Don Giovanni, die schlafende Donna Anna überfallt. Mißmutig will er seinen Job hinschmeißen: Er möchte selbst Herr sein und nicht mehr dienen ("Vogliofare il gentiluomo e non voglio piu servir") - ein aus der Situation durchaus verständliches Anliegen. Als aber plötzlicher Lärm das böse Ende des Abenteuers befürchten läßt und Donna Anna - den Übeltäter verfolgend - die Szene betritt, zieht sich der Diener, der noch vor zwei Minuten Herr sein wollte, vorsichtshalber zurück: "Non mi voglio far sentir", singt er zur gleichen Melodie (Ich lasse mich besser nicht blicken). Nun, so geht es nicht. Risiko und Erfolg sind Zwillinge, die im Guten wie im Bösen stets gemeinsam auftreten.Wer nichts riskiert, riskiert am meisten. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.

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