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Wider die alltäglichen Grenzen

Der Fokus von Johanna Dohnal hat sich nicht geändert: bessere Rahmenbedingungen für Frauen, um Chancengleichheit zu schaffen. Die Arbeit werde ihr sicher nicht ausgehen, sagt sie.

Johanna Dohnal * 1939

Frauenministerin

Die Furche: Sie haben Ihr ganzes politisches Leben lang für die Rechte der Frauen gekämpft. Was hat diesen Kampfgeist in Ihnen geweckt?

Johanna Dohnal: Es waren die alltäglichen Grenzen, an die jede Frau kommt. Vor allem die Grenze, an die sie mit der Geburt des ersten Kindes stößt, auch heute noch: Sie wird aus dem Beruf hinausgedrängt, es ist alles vorbei, was vorher war. Das hindert viele Frauen daran, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Das führt zu Abängigkeit, und die wiederum ist die Wurzel von Gewalt.

Die Furche: Wie beurteilen Sie den Stand der Diskussion über die Gleichstellung der Frauen heute? Erst vor einigen Wochen wurde eine Änderung der Bundeshymne zugunsten der Frauen diskutiert. Ist das nicht Kosmetik?

Dohnal: Die Sprache ist Ausdruck eines Bewusstseins. Es war ein jahrelanger Kampf, die Frauen in der Sprache per Verfassungsgesetz sichtbar zu machen, etwa bei Stellenausschreibungen. Die Bundeshymne ist jedoch sicher nicht meine Sorge. Momentan machen mich solche Diskussionen wütend, weil sie reine Ablenkungsmanöver von den wirklichen Problemen sind.

Die Furche: Was sehen Sie heute als die großen Probleme?

Dohnal: Es waren noch nie in der Zweiten Republik so viele Frauen arbeitslos wie heute. Dann findet ein großer Teil der Frauen nur Teilzeitjobs. Überproportional viele Frauen haben gering qualifizierte Jobs, und sie sind kaum in den Führungsetagen vertreten. Die Frauenarmut steigt. Dann wird ja von den Frauen erwartet, dass sie sich zuerst um die Kinder und dann um die alten Eltern und womöglich auch noch um die des Mannes kümmern. Aber es ist das staatliche Denken weg, dass Menschen Unterstützung brauchen, wenn sie sich um andere kümmern. Durch die Schaffung von Infrastruktur, durch finanzielle Leistungen, in Form von Institutionen für die Wechselfälle des Lebens.

Die Furche: Und diese Entwicklung hat eingesetzt ...

Dohnal: ... mit der schwarz-blauen Regierung. Weitestgehend jedenfalls. Einiges hat sich schon vorher abgezeichnet. Mir war zum Beispiel immer das erhöhte Karenzgeld für Alleinerzieherinnen wichtig, damit sich Frauen ohne finanziellen Zwang für oder gegen ein Kind entscheiden können. Aber in den Koalitionsverhandlungen 1994 hat sich gezeigt, was an Zugeständnissen von uns gefordert wurde. Darum bin ich dann ja auch - nicht ganz freiwillig - aus der Regierung ausgeschieden, weil klar war, dass ich von diesem erhöhten Karenzgeld nicht abgehe. Die spö hat damals nicht erkannt, dass mit Schlagworten wie "Modernisierung" tatsächlich nur Sozialabbau gemeint war.

Die Furche: Stichwort "Entscheidung für oder gegen ein Kind" - Sie haben in der Furche für die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruches geschrieben, sich aber gleichzeitig für flankierende Maßnahmen stark gemacht.

Dohnal: Mir war immer wichtig, dass sich allein die Frauen für oder gegen ein Kind entscheiden können. Niemand anderer - nicht der Partner, nicht irgendeine Kommission. Aber auf der anderen Seite darf keine Frau gezwungen sein, aus finanziellen Gründen abzutreiben. Ausgerechnet manche der Gruppen, die gegen die Abtreibung waren, waren auch gegen das erhöhte Karenzgeld für Alleinerzieherinnen. Es hieß, die Frauen würden dann aus finanziellen Gründen nicht heiraten. Heute gibt es dieses Karenzgeld nicht mehr, und sie heiraten immer noch nicht.

Die Furche: Was ist - im Gegensatz zu dieser finanziellen Leistung - von der Politik der Johanna Dohnal bis heute geblieben?

Dohnal: Zum Beispiel das Bewusstsein, dass Männer und Frauen gleiche Rechte haben müssen. Dass Berufstätigkeit für Mädchen wichtig ist, wobei das im ländlichen Raum noch nicht überall so gesehen wird. Ein geändertes Familienrecht ist geblieben: Vorher war der Mann das Oberhaupt der Familie, die Frau hatte zu gehorchen. Ohne eine Änderung des Familienrechtes wären keine Frauenhäuser möglich gewesen, denn die Frau war im alten Recht an den Wohnsitz des Mannes gebunden. Wäre sie in ein Frauenhaus gegangen, wäre das ein Scheidungsgrund gewesen, sie hätte den Anspruch auf Unterhalt verloren.

Die Furche: Sie sind nach wie vor sehr aktiv, haben Frauen-, Sozialstaats-, Bildungs- und Pensionsvolksbegehren unterstützt, engagieren sich im Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen. Können Sie sich vorstellen, irgendwann leiser zu treten?

Dohnal: Das wird nicht passieren. Dazu sind die Interessengegensätze zu groß und die Machtverhältnisse zu ungleich verteilt. Und selbst wenn in Österreich alles halbwegs in Ordnung wäre - ich muss ja nur über die Grenzen schauen. Ich beschäftige mich intensiv mit Osteuropa, mit Frauenhandel. Und da bin ich dann ja immer noch erst in Europa ... Nein, es gibt viel zu viel zu tun.

Das Gespräch führte Claudia Feiertag

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