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Wie Frauen lustvoll lieben

Die Wiener Sexualtherapeutin Elia Bragagna will mit ihrem neuen Buch gegen Unwissen und Mythen ankämpfen, die die weibliche Lusterfüllung behindern. Das Gespräch führte Regine Bogensberger

Es gebe immer noch wenig fundiertes Wissen über die weibliche Sexualität, dafür aber jede Menge Mythen und Klischees, kritisiert Elia Bragagna und legt ein Buch vor: #Weiblich, sinnlich, lustvoll#. Frauen sollten ihre Sexualität selbstbewusster gestalten und erfüllender erleben.

Die Furche: Frau Bragagna, ist Verhütung heute immer noch Frauensache und Lust Männersache?

Elia Bragagna: Aufgrund der gängigen Verhütungsmethoden ist das Thema in der Hand der Frau. Das hat Vor- und Nachteile. Das macht es aber für den Mann leichter, sich nicht zuständig zu fühlen. Es ist immer noch das Klischee der Gesellschaft, dass der Mann der Lustträger ist, der sich nicht zähmen kann. Das ist Blödsinn. Das wird sich in dem Moment ändern, in dem man der Frau kulturell mehr Sinnlichkeit und Lust zugesteht. Das geschieht gerade.

Die Furche: Inwiefern?

Bragagna: Die lustvolle Frau ist heute in den Medien viel präsenter # mit Vor- und Nachteilen. Das allein sehe ich als positiven Schritt. Das Negative daran ist aber, dass sie als lustvoll für den Mann gezeigt wird, nicht für sich. Dazu kommt, dass viele meinen, sie müssen diese Lustrolle auf Biegen und Brechen erfüllen. Da wundert es mich nicht, dass vor allem junge Frauen lustlos werden. Das haben die meisten Frauen so viele Jahre nach der sexuellen Revolution noch nicht erkannt: Sie dürfen sexuell starten, wie sie wollen; wenn sie mit dem Partner ein schönes Gespräch führen, wenn sie ihn riechen, wenn sie gemeinsam lachen.

Die Furche: Ist das Unwissen über die weibliche Sexualität denn noch immer so groß?

Bragagna: Furchtbar groß. Wen wundert es, dass es so wenig Wissen gibt, wenn es nicht einmal an den Universitäten gelehrt wird. Es wird über die Reproduktion gelehrt, aber nichts über die Lustorgane und das Empfinden der Frau. Wenn dieses Wissen noch nicht an die Universitäten vorgedrungen ist, wie sollten es die Menschen auf der Straße wissen. Das macht Platz für Mythen und Lügen.

Die Furche: Sie schreiben, dass anstelle alter Mythen (z. B. Männer sind beim Sex aktiv, Frauen passiv) neue traten (z. B. beim Sex zählt nur Leistung). Woher kommen die neuen Mythen?

Bragagna: Einerseits wollen Frauen nicht mehr der Opferrolle entsprechen. Es war das Bestreben der Frauenbewegung und eine Auswirkung der Pille zu sagen: Ich hole mir, was mir zusteht. Zweitens haben die Frauen gesehen, sexuelle Autonomie scheint der Mann zu haben. Also imitieren sie deren Verhalten. Die neuen Mythen sind zum Teil ein Abklatsch der Männermythen # dieser Glaube, immer funktionieren zu müssen, dieser Performance-Druck.

Die Furche: # Bilder, die die Medien verstärken.

Bragagna: Wir sollten diese Mythen nicht destruktiv bewerten. Es gibt eine große Sehnsucht der Frauen nach der sexuellen Unbeschwertheit. Frauen sollen und wollen auch ihr Begehren zeigen dürfen, das erfordert aber Selbstbewusstsein. Das soll nicht nach Porno-Vorbild geschehen, sondern auf ganz individuelle Weise.

Die Furche: Sie meinen, die neuen Mythen haben einen guten Kern, Frauen haben aber noch nicht den Weg gefunden, damit umzugehen?

Bragagna: Das ist das Schwierige. Ich hoffe, dass wir jungen Mädchen mehr Selbstbewusstsein mitgeben, damit sie wissen: Sie müssen nicht der Norm entsprechen.

Die Furche: Bei einer Umfrage der First-Love-Beratungsstelle unter jungen Frauen gaben 45 Prozent an, kein Interesse am Aussehen ihrer Scheide zu haben (Österreichische Gesellschaft für Familienplanung 2008). Die Studienautorinnen resümierten, dass Mädchen ein distanziertes Verhältnis zu ihrem Körper und zur Geschlechtlichkeit haben. Greift die Sexualpädagogik nicht?

Bragagna: Wo hat sie denn gegriffen? Ich sehe diese Lockerheit in Bezug auf die weiblichen Genitalien überhaupt nicht. Die erogenen Zonen stellen andere Ansprüche an uns. Da geht es nicht um Ästhetik, sondern um Lust und Locken. Warum sollen 14-Jährige etwas schätzen, das von Eltern und Gesellschaft tabuisiert wird?

Die Furche: Die Schönheitschirurgie setzt Normen, Genital-OPs nehmen zu. Was sagen Sie dazu?

Bragagna: Schauen Sie sich diverse Webseiten an. Das ist unverschämt, wie hier geworben wird! Ich habe nichts gegen plastische Chirurgie, aber unter strengen Auflagen. Was ich strikt ablehne, ist, wenn es nur um den Gewinn der Ärzte geht, die den Frauen einreden, nicht schön genug im Genitalbereich zu sein.

Die Furche: Woher kommt der Trend?

Bragagna: Es soll alles jung sein. Wir Frauen sind, was den intimen Bereich betrifft, unsicher. Jene Seiten, die uns nackt zeigen, sind pornografische. Die machen alles auf jung. Da wird nichts gezeigt, was faltig und belebt ist. Das ist tragisch.

Die Furche: Kritisieren Sie auch die oft beklagte Pornografisierung der Gesellschaft?

Bragagna: Ich habe keine negative Haltung. Es kommt darauf an, wie ein Jugendlicher eingebettet ist: Wird zu Hause darüber geredet, gibt es ein Korrektiv? Wenn Jugendliche Gegenwelten haben, dann können Pornos spannend sein, da sie wissen, dass es nicht die Wahrheit ist, sondern Fantasien. Mich wundert es nicht, dass die Prostitution zunimmt. Diese Frauen tun, was Männer wollen. Partnerinnen hingegen erscheinen anstrengend, da muss man zuerst die Atmosphäre klären. Das ist es, was ich nicht will, dass Pornos vermitteln! Sie sollen von mir aus das Laszive vermitteln, das unsere Erziehung tabuisiert. Ich möchte Jugendlichen gerne folgenden Rat mitgeben: Pornos sind eine Sicht. Die andere Sicht ist aber, dass Sexualität immer etwas Zwischenmenschliches ist, man muss Atmosphäre schaffen, sich aufeinander einstimmen.

Die Furche: Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihr Buch?

Bragagna: Das Erstaunliche ist, dass viele sagen: Das habe ich nicht gewusst. Ich habe mich im Anfangskapitel auf medizinisches Wissen konzentriert. Es wird oft gesagt, die weibliche Sexualität findet im Kopf statt. Was heißt denn das? Wir haben eigene Zentren im Gehirn, die Sexualität steuern. Das, was wir bisher Psyche genannt haben, sind auch gut erklärbare neurobiologische Prozesse. Das wollte ich auch vermitteln. Es freut mich, dass das Wissen ankommt.

Die Furche: Müsste das Wissen nicht auch in die Schulbücher?

Bragagna: Nicht nur in die Schulbücher, sondern an die Universitäten. Im Buch sind Abbildungen drinnen, etwa über das weibliche Lustorgan, die Klitoris, die in keinem Anatomieatlas drinnen sind. Sexualität ist ein tabuisiertes Thema, auch bei den Ärzten. Aber es ändert sich langsam etwas.

Die Furche: Hatten Sie beim Schreiben des Buches auch die Männer im Hinterkopf?

Bragagna: Vor allem. Ich wollte die Frauen durch Wissen entlasten und dass sie dieses Wissen für sich nützen. Auch die Männer wollte ich entlasten. Viele Männer fühlen sich für die Lust der Partnerin zuständig. Wenn aber die Partnerin ihre eigene Lust noch nicht gefunden hat, wie soll er das lösen? Oder das klassische Nachjagen einem vaginalen Orgasmus, wo wir wissen, dass diesen nur wenige Prozent der Frauen erleben. Männer und Frauen müssen auf andere Dinge schauen, damit ihre Sexualität erfüllend ist. Ich möchte Männern helfen, den Frauen auf einer sinnlichen Ebene zu begegnen und nicht den Klischees nachzuhängen.

Weiblich, sinnlich, lustvoll.

Die Sexualität der Frau.

Von Elia Bragagna, Rainer Prohaska.

Ueberreuter 2010

157 S., Kart., e 19,95

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