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"Wie Kitschfiguren von Frankenstein ..."

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Die Ausstellung "Körperwelten" wird sorgt auch in der deutschen Hauptstadt fürheftige Kontroversen undeinen Besucheransturm.

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Die Ausstellung "Körperwelten" wird sorgt auch in der deutschen Hauptstadt fürheftige Kontroversen undeinen Besucheransturm.

Es war nicht so, dass man gesagt hätte: Ach, sieh mal, Opa Kunze, den habe ich doch noch gestern im Garten gesehen." Wolfram Huth kommt gerade aus der Ausstellung "Körperwelten" in Berlin und gibt seine Eindrücke wieder: Schockierend sei es nicht gewesen. "Erstaunlich, dass es nie ekelig wurde". Und seine Frau Martina assistiert: "Weit weniger schlimm als erwartet". Bis 1. Juli läuft die Ausstellung von Plastinaten Verstorbener, die schon in Wien und vielen anderen Städten zu sehen war, in der deutschen Hauptstadt.

Die Ausstellungshalle hat etwas Besonderes: Es ist die geschwungene Einfahrtshalle des früheren zentralen Ostberliner Postbahnhofs am Ostbahnhof. Viel Grün wuchert zwischen den Toten mit ihren freigelegten Muskeln und Nervensträngen, es sieht aus wie in einem merkwürdig belebten Palmenhaus.

Zwei Frauen beugen sich über eine Glasvitrine mit einem Herz samt zweifachem Klappenersatz: "Meine Schwester hat 'nen Herzklappenfehler", sagt die eine, "Mhm, meine Mutter auch", bemerkt die andere. "Kuck mal, 'n Herzklappenfehler", schon sind die nächsten da. Eine Berlinerin konstatiert angesichts einer Hauptschlagader mit Arteriosklerose: "Sieht echt nich' jesund aus." Eine andere Frau zählt konzentriert die Rippen des ausgestellten Schachspielers, während zwei Freundinnen sich darüber unterhalten, dass "nur Männer" ausgestellt seien.

Am 10. Februar war die Eröffnung der "Körperwelten" in Berlin. Schon vorher hatten sie durch heftiges Für und Wider in der Öffentlichkeit viel Publizität erlangt. 400 Gegner der Ausstellung gedachten in der katholischen Kirche Thomas von Aquin bei einer Totenmesse der Namenlosen, aus deren Körper die Plastinate geformt worden waren. "Wir sind keine Sünder vor Gott": So protestierten vor der Kirche zehn Requiemsgegner, die von "Bevormundung durch die Kirchen" sprachen, die in dem Requiem gipfle. 60 Menschen in Berlin wollen sich ein Stück Unsterblichkeit sichern, indem sie ihren Körper nach dem Tod konservieren lassen und der Forschung zur Verfügung stellen.

Der Körper als Show?

Die evangelische und die katholische Akademie taten sich zudem zusammen, um in einem Gegenprogramm "über die christliche Wahrnehmung des toten Leibes" zu sprechen. Im Sommersemester beginnt am Krankenhaus Charite eine Ringvorlesung, die sich unter medizinischen, ethischen, philosophischen und ästhetischen Gesichtspunkten der Frage annähert: "Darf ein Körper auf diese Weise zur Schau gestellt werden?"

Leise und andächtig Seither sind die Zeitungen voll von Berichten über die "Körperwelten". Der "Tagesspiegel" begleitete einen katholischen Priester beim Rundgang, der nichts Anstößiges daran fand, außer dem Plastinat der Schwangeren mit dem aufgeschnittenen Bauch und dem Ungeborenen darin. Auch den Reiter auf dem Pferd, der sein eigenes und das Gehirn des Pferdes in der Hand hält, empfand er als Überheblichkeit des Menschen gegenüber der anderen Kreatur.

Die "Berliner Zeitung" begleitete einen evangelischen Theologen durch die Ausstellung. Auch er ist nicht mit allem einverstanden: Weder mit der Darstellung des Menschen, dem Körperteile wie Schubladen herausgezogen werden, noch des Mannes, der die eigene Haut über den Arm geworfen hat, aber: "Gottes Geschöpfe sind auch von innen nie langweilig."

Ein Leserbriefschreiber äußerte gegenüber seiner Zeitung: "Was Hermann Nitsch, Damien Hirst und anderen Künstlerprofis nicht gestattet war, hat nun ein unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit operierender Handwerker - ein Anatom - vollzogen. In bester Frankenstein'scher Tradition der Selbstüberschätzung begreift sich Gunther von Hagen als Schöpfer ... und bastelt ... seine Kitschfiguren zusammen." Der angesprochene Ausstellungsmacher versuchte die Wogen der Empörung zu glätten, indem er versprach, in Berlin einen Gedenkstein für die Spender zu errichten.

Die Öffentlichkeit stürmte jedenfalls die Ausstellung. Nach knapp einem Monat hatten sie schon 100.000 Besucher gesehen. Unter "koerperwelten.de" kann man die aktuellen Wartezeiten abfragen. Beim Rundgang mit dem Berliner Ehepaar Huth an einem Spätnachmittag sind viele Kinder und Jugendliche, auch viele fremdsprachige Besucher, in der Schau. Es geht leise zu, fast andachtsvoll, man spricht nicht laut. "Den Showeffekt halte ich für nicht so verwerflich, weil es ja keine wissenschaftliche Ausstellung ist", sagt Wolfram Huth. "Aber sie kommt einfacher daher, als in den Medien angekündigt." Es sei ihm aber klargeworden: Der Körper ist ein kleines, nein, ein großes Wunder. Sich selbst plastinieren lassen? "Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen: Nein."

Am Ausgang liegen die Besucherbücher auf: "Es war schon geil, aber das sah manchmal zu unecht aus", liest man da, und: "Die Ausstellung steht in wahrhaft deutschem Geiste: Emotionslos, kalt und technokratisch." Ein Stück weiter steht geschrieben: "Ich rauche trotzdem weiter", "Eine faszinierende Ausstellung, die teilweise an die Grenzen dessen stößt, was ich mir zumute", "Einfach nur krank", "Fantastisch", "Pervers" ...

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