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"Wie sinnvoll ist denn dieser Job?“

Der Arbeitspsychologe Theo Wehner über unzufriedene Mitarbeiter, wertvolle Freiwilligkeit und die "konkrete Utopie“ eines Grundeinkommens.

Während man in Deutschland und Österreich vor den Wahlen über einen "Mindestlohn“ debattierte, geht man in der Schweiz längst einen Schritt weiter: 130.000 Menschen haben hier eine Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen von monatlich 2500 Franken (umgerechnet 2080 Euro) für jeden Einzelnen unterzeichnet. Freitag dieser Woche werden die Unterschriften bei der Berner Bundeskanzlei eingereicht - die letzte Voraussetzung für eine Volksabstimmung. Theo Wehner, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich mit den Schwerpunkten Motivation und Fehlerforschung, hat die Initiative unterstützt - und kürzlich im Rahmen der 16. GLOBArt Academy in Krems über "Neue Arbeitsformen“ gesprochen. DIE FURCHE hat ihn gefragt, welche Folgen ein Grundeinkommen hätte - und was Mitarbeiter heute schon erschöpft oder zufrieden macht.

Die Furche: Herr Professor Wehner, Sie haben 80.000 Mitarbeiterbefragungen ausgewertet, die von deutschen und Schweizer Großunternehmen stammen. Was überwiegt: Frust oder Zufriedenheit?

Theo Wehner: Das hängt davon ab, worauf man sich bezieht: Die Zufriedenheit mit der eigenen Qualifikation ist sehr hoch. Bei der Frage, ob ich mein Wissen auch gut einsetzen kann, gibt es hingegen eine erste Kluft: Die geringste Zufriedenheit kommt aus der Möglichkeit, innovativ im Betrieb tätig sein und sich entfalten zu können. Auch bei der Feedback-Kultur sieht es schlecht aus: Die allermeisten Mitarbeiter bekommen weder von den Vorgesetzten noch von den Kollegen soziale Anerkennung - wobei ich Letzteres noch fataler finde! Hier gibt es ein hohes Maß an Entsolidarisierung.

Die Furche: Dabei wird in immer mehr Firmen Wert auf "Teamwork“ gelegt …

Wehner: Das ist die Ideologie, aber viele Mitarbeiter spüren trotzdem, dass sie einen Großteil der Aufgaben auch alleine machen können - und dass sie außerdem sofort austausch- und ersetzbar sind. Erst wenn das Erreichen eines gemeinsamen Ziels von den Beteiligten abhängig ist, entsteht Solidarität.

Die Furche: Während Chefs verstärkt auf Großraumbüros setzen, beklagen viele Mitarbeiter einen "Verlust von Privatheit“. Wie kann man sich das erklären?

Wehner: Der Punkt ist, dass wir ein Einzelbüro nach wie vor als Privileg gegenüber einem "Desk-Sharing“ empfinden. Außerdem kann ich nur etwas teilen, was ich auch habe. Vielen Unternehmen geht es aber einfach darum, Ressourcen zu sparen - und die Mitarbeiter sollen sich damit auch noch anfreunden! Das ist wieder Ideologie! Etwas anderes sind so genannte "Multi-Spaces“, wie es sie schon in vielen modernen Firmen gibt, also leere Räume, die vieles zulassen. Doch das erträgt unsere Gesellschaft noch schwer: Man glaubt immer, den Menschen etwas Fertiges hinstellen zu müssen - und erst dann wird eine Aufgabe erfüllt.

Die Furche: Sie haben in Ihrer Studie nicht nur nach Zufriedenheit, sondern auch nach "Sinn“ gefragt. Kommt der in der Arbeit vor?

Wehner: Die betriebliche Lebenswelt ist schon längst nicht mehr der primäre Ort der Sinngenerierung: Man ist dort eher "zufrieden“, höchstens noch "glücklich“, wobei "Glück“ eher als "Wellness“ oder "Wellbeing“ betrachtet wird - und nicht so, wie es der klassische Glücksbegriff nahelegt. Dagegen haben viele die Sinngenerierung in die Freizeit ausgelagert. Andere suchen ihn in der Freiwilligenarbeit. Das Interessante ist, dass diese Menschen eine bessere Work-Life-Balance haben als die anderen. Rein arithmetisch müsste man ja jedem raten: Gib das auf, dann bist du wieder mehr in Balance! Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Das zeigt, dass Freiwilligenarbeit eine andere, kompensatorische Qualität in sich birgt.

Die Furche: Sie sprechen von "Sinngenerierung“. Warum nicht von "Sinnstiftung“?

Wehner: Weil es beim Stiften darum geht, etwas im Überfluss zu haben und wegzugeben. Generieren hingegen bedeutet, dass ich selbst derjenige bin, der den Dingen Sinn verleiht. Es ist nicht die objektive Gegebenheit, die etwas sinnvoll erscheinen lässt, sondern das subjektive Empfinden.

Die Furche: Was ist mit jenen Menschen, die ihren Sinn nur im Job sehen und eine "Arbeits-Existenz“ führen, wie es der Gesundheitsmediziner Rudolf Karazman nennt? Müssen Chefs solche Mitarbeiter vor sich selbst schützen - wie Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die das Ende der Heimarbeit eingeläutet hat, oder die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die Anrufe und Mails nach Dienstschluss verbietet?

Wehner: Ich glaube eher, dass immer mehr Unternehmen erkennen, dass ihre Verlagerung des Managements ins Selbstmanagement ihrer Mitarbeiter eine Überforderung darstellt. Es ist natürlich ein mächtiges Versprechen, wenn man sagt: Du kannst für dein gelingendes Leben selbst beitragen, du bist zuständig für eine Weiterbildung, für deine Zufriedenheit, für deine Gesundheit und wir bieten dir ganz viele Möglichkeiten. Aber in unserer Gesellschaft führt das zu dem, was Alain Ehrenberg "erschöpftes Selbst“ nennt. Selbstmanagement gelingt nur dann, wenn wir auch eine hohe Solidarität entwickeln. Erst wenn wir in geringer Konkurrenz zueinander stehen, ufert diese Selbstausbeutung nicht aus.

Die Furche: Und was ist mit dem Zauberwort der "Flexibilität“?

Wehner: Der Flexibilitätsbegriff ist ein Manipulationsbegriff. Wenn ich flexible Kunden und Mitarbeiter habe, dann kann ich sie einfach besser verschieben. Was wir als Menschen hingegen brauchen, sind Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Die tragen aber nicht unbedingt zur Flexibilität des Unternehmens bei, sondern machen es sogar träger. Unternehmer selbst würden sich vielleicht in ihrem Handlungsspielraum, nie aber in ihrem Entscheidungsspielraum einschränken lassen. Das darf man nie vergessen, wenn man neuerdings vom Arbeitnehmer als "Arbeitskraftunternehmer“ spricht.

Die Furche: Im Konzept des "bedingungslosen Grundeinkommens“, das Sie unterstützen, wäre jeder ein solcher Unternehmer - und würde zugleich 2080 Euro verdienen. Kritiker bezweifeln die Finanzierbarkeit dieses Modells (vgl. FURCHE Nr. 37, S. 5).

Wehner: Es gibt genügend, die sagen, dass das finanzierbar ist - wenn wir über die Höhe diskutieren. Und 2500 Franken kann man in der reichen Schweiz sicher finanzieren. Die Frage ist nur: Wollen wir das auch? Wenn wir immer nach den Wirkungen fragen - Werden die Menschen arbeiten? Werden sie mehr arbeiten? Kriegt jeder seinen guten Job? - dann muss ich sagen: Das wissen wir nicht. Keine Arbeitspsychologie der Welt - die ja bislang nur Erwerbs- und Lohnarbeitspsychologie ist - kann das bestimmen. Was wir aber wissen ist, dass diese konkrete Utopie für ganz viele Menschen neue Möglichkeiten eröffnet - und schon jetzt Denkmöglichkeiten. Arbeit müsste dann ganz andere Anreize haben. Es gibt auch viele Tätigkeiten, die niemand mehr machen würde. Und das wäre gut so!

Die Furche: Man müsste zum Beispiel selber die demente Mutter pflegen …

Wehner: Ja - oder selbst arbeiten und jemanden bezahlen, der das macht. Diese Arbeit würde dann noch viel teurer werden, damit viel wertvoller für den, der sie erledigt - und vielleicht schlussendlich auch für mich selbst.

Die Furche: Auch das Verhältnis von Arbeitergebern und -nehmern würde sich drastisch verändern …

Wehner: Ja, ich würde als Arbeitnehmer dank meines Grundeinkommens sofort wieder gehen können. Wenn ein Unternehmer eine Idee umsetzen möchte, dann muss er sich also deutlich mehr um mich bemühen! Als Arbeiter würde ich auf meine Website schreiben können: Biete 30 Stunden pro Woche. Wer will mich? Und ich würde antworten können: Es hat mich gefreut, dass Sie mich eingeladen haben, aber ich habe ein besseres Angebot. Das läuft heute nur umgekehrt! Jene Personalverantwortlichen, mit denen ich über ihren Job bei Realisierung eines Grundeinkommens diskutiert habe, die haben rote Köpfe bekommen!

Die Furche: Und Sie würden sich auf ein solches Experiment wirklich einlassen?

Wehner: Ja, wir können das nicht im Labor ein bisschen ausprobieren: Die Beispiele, die es bisher gibt - etwa in Namibia oder Brasilien -, sind von der Armut aus gedacht. Doch wir in der Schweiz denken von unendlichem Wohlstand aus. Die Sinnfrage in der Arbeit würde sich damit ganz neu stellen. Paradoxerweise glauben ja 80 Prozent, dass sie selbst noch arbeiten gehen würden, aber ihr Nachbar nicht! Immerhin 130.000 Menschen in der Schweiz wollen das zumindest intensiv durchdenken. Und wenn die Parteien dazu nein sagen, was wahrscheinlich ist, dann müssen sie das gut begründen.

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