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"Willkommene Flüchtlinge sind MOTIVIERT"

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Vor zwei Jahren floh Rojin Ali mit ihrem kleinen Sohn aus Syrien nach Österreich. Heute arbeitet die Soziologin als Mittlerin zwischen Einheimischen und Flüchtlingen.

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Vor zwei Jahren floh Rojin Ali mit ihrem kleinen Sohn aus Syrien nach Österreich. Heute arbeitet die Soziologin als Mittlerin zwischen Einheimischen und Flüchtlingen.

Flüchtling zu sein ist keine Entscheidung. Die Leute haben keine andere Möglichkeit. Es geht um die persönliche Sicherheit." So ähnlich lautet die Antwort von Rojin Ali, wenn sich skeptische Österreicher über Flüchtlinge in ihrer Gemeinde beschweren. Die 33-jährige Syrerin arbeitet für das Caritas-Projekt "Kompa" (Konfliktprävention, Mediation und Partizipation) in Klosterneuburg als interkulturelle Vermittlerin zwischen Flüchtlingen und Bevölkerung. Dabei gehe es vor allem darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen, erklärt die Soziologin in einwandfreiem Deutsch: "Wenn man die Neuankömmlinge ein bisschen unterstützt, mit ihnen Deutsch spricht, sie sich willkommen fühlen, sind sie gleich viel motivierter, zu lernen und sich zu integrieren."

In Syrien war sie als Sozialarbeiterin für Mädchen an Schulen tätig und unterrichtete Arabisch für Ausländer. "Rojin ist für unser Projekt extrem wichtig, weil sie einerseits eine Frau ist, die Türkisch, Kurdisch und Arabisch spricht und das kulturelle Verständnis für den Mittleren Osten mitbringt, andererseits aber auch das nötige Fachwissen und Gespür hat, um mit den Leuten feinfühlig und respektvoll umzugehen", sagt "Kompa"-Projektleiterin Margerita Piatti über ihre Mitarbeiterin.

Persönlich betroffen

Dass Ali mit beiden Seiten im direkten Dialog steht, sagt der Kurdin sehr zu. "Manche Leute haben keine Ahnung, was in den Herkunftsländern der Flüchtlinge passiert. Wir versuchen sie zu informieren, nicht zu bekehren", betont Ali. Andere Meinungen müssten akzeptiert werden, auch wenn sie hart sind. "Dann haben wir zumindest einen Kontakt hergestellt und über die Lage aufgeklärt." Schwierig wird es für sie dann, wenn sie mit einer offen feindseligen Haltung konfrontiert ist. "Ich bin ja selbst betroffen, und wenn Flüchtlinge als zweitklassig betrachtet werden, ist mir das auch persönlich unangenehm", räumt Ali ein.

Sie kann aber auch von Erfolgen berichten: Etwa von jener Dame, die anfangs gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Klosterneuburg war. "Jetzt hat sie eine Wohnung zur Unterbringung einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung gestellt und engagiert sich beim Verein 'Klosterneuburg hilft'", freut sich Ali. Über tausend Unterstützer hat die Facebook-Seite des ehrenamtlichen Vereins bereits gewonnen, während die Gruppe "Gegen Flüchtlinge in Klosterneuburg" gerade einmal 47 Mitglieder zählt. Die Zivilgesellschaft zu mobilisieren ist eine der wichtigsten Aufgaben des "Kompa"-Projektes, denn auf lange Sicht wäre dieses nicht finanzierbar.

Auch Ali fiel der Neustart in Österreich schwer - obwohl sie im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen ihre Familie bei sich hatte, mit ihrem guten Englisch durchkam und nur für einen Tag zur Registrierung nach Traiskirchen musste. "Ich hatte zwar das Glück, dort nicht übernachten zu müssen, aber der eine Tag dort war ganz befremdend für mich." In der Anfangszeit war sie froh über jede Hilfe, ob es um Deutschkurse, den Arbeitseinstieg oder einfach nur um sozialen Anschluss ging.

Zwei Jahre ist es her, dass die junge Mutter mit dem damals sechsjährigen Omeed aus Syrien fliehen musste. Es sollte sich bald als die richtige Entscheidung herausstellen - zwei Tage nach ihrem Aufbruch wurde die Wohnung in Damaskus bombardiert. Zuerst ging ihr Mann mit einem humanitären Visum nach Österreich voraus. Dank einer Familienzusammenführung des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) konnten ihm Frau und Kind nach Wien folgen. Ganze eineinhalb Jahre nach dem schweren Abschied wartete ihr Mann in der Ankunftshalle am Flughafen Schwechat, um seine Familie wieder in die Arme zu schließen. "Das war ein stark emotionaler Moment, natürlich", erinnert sie sich mit einem Lächeln. "Da wusste ich, jetzt haben wir es geschafft und sind in Sicherheit." Ali ist es wichtig, hier so normal wie möglich weiterzuleben. "Wenn man sich dazu aufraffen kann, ist man motiviert, Deutsch zu lernen, sich weiter zu entwickeln, Arbeit zu finden", ist sie überzeugt.

Neben dem Caritas-Job ist sie auch für das Humanitäre Aufnahmeprogramm (HAP II) des UNHCR tätig, das heuer 600 Menschen nach Österreich bringt. Ali holt die Flüchtlinge vom Flughafen ab, begleitet sie zur Registrierung nach Traiskirchen, bringt sie in ihr Notquartier, das Haus Amadou der Caritas Wien, und erklärt ihnen sämtliches Organisatorisches vom Meldezettel über das AMS bis zur Krankenkasse. "Die Leute sind sehr desorientiert, aber wenn wir sie auf Arabisch willkommen heißen, freuen sie sich riesig und die Fragen sprudeln nur so aus ihnen heraus", erzählt Ali.

Vorbereiten auf ein neues Leben

Außerdem wird die engagierte Syrerin ab Herbst für IOM (International Organization for Migration) bikulturelle Trainings für Syrer anbieten, die bereits bis Beirut geflohen sind und in Kürze nach Österreich kommen. In zweitägigen Crashkursen vor Ort soll sie die Flüchtlinge auf ihr neues Leben in Österreich vorbereiten. Aus eigener Erfahrung weiß Ali, wie es den Menschen in ihrem bangen Warten geht. "Mein Mann hat mir zwar vom Leben hier erzählt, Bilder von Leuten und Infos geschickt, aber ich hatte trotzdem Angst." Ihr Anspruch ist es, den Flüchtlingen realistische Antworten zu geben: "Sie sollen sich nicht zuviel erwarten, aber eben auch nicht zu wenig."

Ihre Mutter würde Ali gerne nach Österreich holen, doch sie möchte im nordsyrischen Qamishli ausharren. "Für einen alten Menschen ist die Flucht wirklich schwer", sagt Ali. Sie hofft, dass ihre Mutter weiter in Sicherheit ist. Auch ihr Bruder will bleiben, um weiter im politischen Bereich für Syrien zu arbeiten. "Er sagt, dass es nicht gut ist für das Land, wenn alle jungen Leute weggehen."

Syrische Musiker in der Diaspora

Alis Mann, der Musiker Salah Ammo, baut sich gerade eine neue Basis in Wien auf. "Hier muss er neu anfangen und ist unbekannt", sagt Ali. Nicht mehr ganz unbekannt: Der Finalist des World Austrian Music Awards 2014 ist für sein neues Album "Assi" nominiert für den renommierten Deutschen Schallplattenpreis. Derzeit arbeitet er an dem Projekt "Syrian Links", das syrische Musiker in der Diaspora zusammenbringen soll, um orientalische und europäische Klänge zu verbinden. "Der Klang unserer Musik ist stärker als die schrecklichen Geräusche des Krieges", ist auf seiner Homepage zu lesen. Ihr gemeinsamer Sohn Omeed kommt im Herbst in die zweite Volksschulklasse im 15. Wiener Bezirk. Seine Eltern waren überrascht, wie schnell der Bub Deutsch gelernt und Freunde gefunden hat. "Er sagt immer, 'ich kann besser Deutsch als meine Mutter und mein Vater, aber meine Mutter spricht besser Deutsch als mein Vater'", lacht Ali. Welche Zukunftsträume sie selbst hat? Ali muss nachdenken."Viele Träume." Sollte in Syrien wieder Frieden einkehren, würde sie gerne zurückkehren. Sie weiß, so bald sieht es danach nicht aus. "Ich wünsche mir, dass wir immer die Möglichkeit haben, an positiven gesellschaftlichen Entwicklungen mitzuwirken - egal, wo wir sind."

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