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Willkür von eins bis fünf?

1945 1960 1980 2000 2020

Dass Noten nicht sehr aussagekräftig sind, ist bekannt. In tausenden Schulversuchen werden deshalb Alternativen erprobt. Über die Crux schulischer Leistungsbeurteilung.

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Dass Noten nicht sehr aussagekräftig sind, ist bekannt. In tausenden Schulversuchen werden deshalb Alternativen erprobt. Über die Crux schulischer Leistungsbeurteilung.

"Lieber Max! Du hast das Schuljahr mit Erfolg abgeschlossen. Dein Umgang mit den anderen Kindern war zwar nicht immer in Ordnung, aber du hast dich im zweiten Halbjahr um mehr Rücksicht bemüht. Beim Lesen brauchst du zwar noch etwas Übung, aber in der Rechtschreibung bist du ein Meister geworden. Auch die Grundrechnungsarten im Zahlenraum 30 beherrscht du gut. Max, ich freue mich schon auf das nächste Schuljahr mit dir!"

Wenn Österreichs Schülerinnen und Schüler dieser Tage ihre Zeugnisse erhalten, werden nicht wenige mit solch "verbalen Beurteilungen" konfrontiert. Manche Lehrer werden um individuelle Formulierungen für jedes Kind gerungen haben; andere werden mit Satzschablonen aus dem Internet zufrieden gewesen sein. Die meisten Eltern werden es ihnen jedenfalls mit Rührung danken - während ihr Kind womöglich nur eines interessiert:"Ist das da ein Einser?"

Die Klasse als Maßstab

Bis heute dominiert das Noten-Denken die Welt der Schule, schließlich sind die Vorteile evident: Ziffernnoten erschließen sich nicht nur sofort, sie erlauben auch den spontanen Vergleich mit den Kollegen - offenbar ein menschliches Grundbedürfnis. Ein solches Klassen-Ranking ist nicht nur für viele Schüler, sondern auch für die allermeisten Lehrerinnen und Lehrer der zentrale Maßstab: Durchschnittliche Schüler werden mit "Befriedigend" beurteilt, die anderen entsprechend besser oder schlechter.

Mit dem absoluten Leistungsniveau haben diese Noten oft wenig zu tun. Der Salzburger Erziehungswissenschafter Ferdinand Eder hat vierte Klassen von Hauptschulen und Gymnasien hinsichtlich ihrer Mathematik-Noten sowie standardisierter Mathematiktests verglichen - und Dramatisches entdeckt: "Es gab Hauptschulklassen, die bessere Leistungen zeigten als Gymnasialklassen - aber schlechtere Noten hatten. Und wir haben festgestellt, dass die beste Gymnasialklasse gegenüber der schlechtesten einen Vorsprung von eineinhalb Lernjahren hatte - bei gleichen Noten."

Dass die Aussagekraft von Zensuren überschaubar ist, hat der Innsbrucker Pädagoge Rudolf Weiss schon in den 1970er-Jahren bewiesen: Er ließ Deutschlehrer ein und denselben Aufsatz beurteilen - das Ergebnis reichte von eins bis fünf. Ferdinand Eder konnte zudem zeigen, dass die Beurteilung häufig nicht nur von der Leistung der Schüler abhängt, sondern auch von ihrem Benehmen: Buben, die sich häufig weniger "schulkonform" als Mädchen verhalten, haben bei mathematischen Standardtests deutlich besser abgeschnitten, in persönlichen Lehrer-Einschätzungen nur noch ein bisschen besser - und bei den Noten sogar schlechter. Entsprechend positiv sieht Eder die Tendenz, durch Bildungsstandards oder die teilzentrale Matura eine zusätzliche Vergleichsebene zu gewinnen. Sich nur noch auf punktuelle Tests zu verlassen, sei jedoch problematisch: "Man kann schon fragen, was besser ist: Standardisiert die Leistung eines Tages abzuprüfen oder einen Lehrer zu haben, der einen Schüler über eine längere Zeit beurteilt?"

Für Pflichtschulgewerkschafter Paul Kimberger ist die Antwort vorderhand klar: "Ich wehre mich dagegen, die Urteilskraft unserer Lehrer in Frage zu stellen", sagt er. "Eine gewisse Subjektivität ist immer gegeben, aber mit diesem ganzen Standardisierungs- und Kompetenzfetischismus tun wir unseren Kinder nichts Gutes." Das heiße aber nicht, dass es keine Probleme gebe: Zum einen stünden gerade Lehrer in den vierten Volksschulklassen unter enormem Druck der Eltern, Kinder "gymnasialreif" zu beurteilen; zum anderen sorge an den Neuen Mittelschulen die de facto siebenstufige Notenskala für Verwirrung. "Es braucht natürlich ein faires, transparentes Beurteilungssystem", sagt Kimberger. "Aber völlig von den Ziffernnoten weggehen möchte ich nicht. Wir haben schon so viel ausprobiert, und immer heißt es: Welcher Note entspricht das?"

Tatsächlich gibt es allein an Österreichs Volksschulen rund 2500 Schulversuche, die sich der Leistungsbeurteilung widmen. Die Palette reicht von der verbalen Beurteilung über Portfolios, in denen eigene Arbeiten dokumentiert werden, bis zur "Lernzielorientierten Leistungsbeurteilung" (LOB) oder "Lernfortschrittsdokumentation": Hier schätzen nicht nur die Lehrer ein, ob ein bestimmtes Lernziel erreicht wurde, sondern auch die Schüler selbst.

Kompetenzraster als Lösung?

Georg Hans Neuweg betrachtet solche oder ähnliche Konzepte als zukunftsweisend. Der Pädagoge von der Johannes Kepler Universität Linz ist Mitglied jener Arbeitsgruppe, die sich mit der Reform der alten Leistungsbeurteilungs-Verordnung beschäftigt. Allein die Definition der Noten zeigt, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen: "Befriedigend" bedeutet demnach, dass Schüler Anforderungen "in den wesentlichen Bereichen zur Gänze" erfüllen; erst wenn sie dies "in weit über das Wesentliche hinausgehendem Ausmaß" tun, sind sie "sehr gut".

Kein Wunder, dass sich nur wenige Pädagogen in ihrer Leistungsbeurteilung an der Verordnung ausrichten. "Kompetenzraster" mit klar definierten Lernzielen würden hingegen nach Neuweg den Lehrplan greifbarer werden lassen, die Lehrer von gefürchteten Prüfern zu begleitenden Coaches machen - und die Aussagekraft von Zeugnissen für weiterführende Schulen oder Lehrstellenanbieter erhöhen. Im Institut Beatenberg, einer Schweizer Privatschule, macht man das schon seit 20 Jahren. Immer mehr Experten reisen in den Kanton Bern, um sich die Arbeit mit Kompetenzrastern zeigen zu lassen - und einen Einsatz in ganz normalen Schulen zu prüfen. Dass das funktioniert, daran besteht für den Spiritus Rector der Schule, Andreas Müller, kein Zweifel: "Das Notensystem braucht Verlierer", sagt er. "Individualisieren schafft Gewinner."

Georg Hans Neuweg formuliert es weniger scharf: "Unser Ziel muss es sein, die Energie aller Akteure wieder auf die Inhalte des Lernens zu lenken - und weg von der Frage, wieviele Punkte man für einen Vierer braucht." Der kleine Max wird sich diese Frage aber trotzdem noch stellen: Zumindest dieses Urteil ist ziemlich sicher.

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