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"Wir haben kein Geld erhalten" - Film "Für die Vielen" zeigt die Arbeit der AK Wien

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Constantin Wulffs Dokumentarfilm „Für die Vielen“ verdeutlicht – über weite Strecken – überzeugend, warum eine Institution wie die Arbeiterkammer noch immer wichtig ist.

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Constantin Wulffs Dokumentarfilm „Für die Vielen“ verdeutlicht – über weite Strecken – überzeugend, warum eine Institution wie die Arbeiterkammer noch immer wichtig ist.

In der Vorhalle der Wiener Arbeiterkammer (AK) herrscht reger Betrieb. Eine Mutter ist in Elternteilzeit und der Arbeitgeber droht, sie zu kündigen. Einem Mann soll eine bestimmte Pension schmackhaft gemacht werden und er hat Angst, dass er dabei um Geld geprellt wird. Eine verzweifelte Frau hat ihren Ersttermin versäumt und entschuldigt sich dafür mit den Worten: „Hab grad andere Probleme.“ Die Dame am Schalter ist freundlich, händigt Formulare aus und bittet alle, in ihrem jeweiligen Bereich zu warten. „Sie werden dann aufgerufen.“

Es ist ein typischer Tag in der Beratungsstelle der AK. Eingefangen werden diese Szenen von Constantin Wulff, dessen Dokus sich durch einen alltäglichen Blick auf die darin porträtierten Menschen auszeichnen. Diese Herangehensweise ist auch in seinem neuesten (u. a. vom ORF finanzierten) Dokumentarfilm „Für die Vielen“ spürbar, der anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der AK entstanden ist.

Der Film besteht großteils aus Gesprächen, wobei die Geschichten der Menschen, die sich mit ihren Problemen an die AK wenden, im Zentrum stehen. Gezeigt wird ein Querschnitt arbeitsrechtlicher Missstände in Österreich. Etwa der Paketbote, der Vollzeit arbeitet, aber nur für 20 Stunden bei der Sozialversicherung angemeldet wurde. Bauarbeiter, die nicht bezahlt werden, weil ihnen ihre Arbeitszeit vom Unternehmen im Nachhinein als „Probezeit“ ausgelegt wird.

Eine Fahrradtechnikerin, die während ihres Krankenstands gekündigt wurde, ohne dass sie etwas davon gewusst hat. In vielen dieser Fälle sind sprachliche Barrieren das Problem. Für prekäre Arbeitsverhältnisse werden häufig Immigrantinnen und Immigranten engagiert, die selten wissen, in was sie da eigentlich einwilligen.

Ein Skandal wie viele andere

Ein verheerendes Bild zeichnet der Film von der Baubranche. In einer Szene diskutiert Arbeitsrechtsexpertin Andrea Ebner-Pfeifer mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Es wird erklärt, wie ein Auftraggeber einen Generalunternehmer anheuert, der sich wiederum in zahlreiche Subfirmen aufteilt. Diese Subfirmen werden dann in Insolvenz geschickt, ohne dass viele der angeworbenen Bauarbeiter Geld für ihre Arbeit gesehen hätten. Der Film veranschaulicht, wie das Aufdecken dieser Praxis, die in Teilbereichen der Bauwirtschaft gang und gäbe ist, helfen kann, etwa den Skandal rund um die FFP2-Maskenproduktion der Hygiene Austria besser zu verstehen.

Hygiene Austria (gegründet als Tochterfirma von Lenzing und Palmers) hat Masken aus China gekauft, um diese dann als „Made in Austria“ auszugeben. Für das Umpacken der Masken waren Leiharbeitsfirmen zuständig, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter dem Kollektivvertrag, teilweise aber auch gar nicht bezahlt haben.

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