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Wir leben die neue Ökonomie

Von der Nachbarschaftshilfe bis hin zum alternativen Währungssystem: Solidarische Ökonomie hat viele Gesichter - und sie ist im Wachsen.

M ühsam sei es nicht gewesen - lediglich zeitintensiv. Michaela Moser, Philosophin und alternativ Wirtschaftende, erinnert sich zurück an all die Sitzungen der Beteiligten am gemeinschaftlichen "Wohnprojekt Wien“ im zweiten Wiener Gemeindebezirk. Im Herbst wird sie mit 58 Erwachsenen und 20 Kindern und Jugendlichen in ein Wohnhaus am Nordbahnhof-Gelände einziehen.

Das von den künftigen Mietern gemeinsam geplante und umgesetzte Projekt soll die Nutzung von Synergien und solidarisches Verhalten im Alltag erleichtern. Das erfordert nicht unbedingt mehr Eigenmittel, wohl aber Zeit. So wurden bei der Planung und Ausführung des gemeinschaftlichen Wohnprojektes sämtliche Entscheidungsfindungsprozesse "soziokratisch“ geführt. Anders als in der Basisdemokratie setzte man dabei verstärkt auf Arbeitsgruppen. Die Ergebnisse orientierten sich am Gemeinwohl und damit an der größtmöglichen Zufriedenheit der Beteiligten als Gruppe.

Strukturen im System schaffen

"Schon am Beginn der Planungsphase war uns als Verein klar, dass alle am Projekt Beteiligten gleich viel für den Quadratmeterpreis bezahlen würden.“ Nicht mehr als zehn Euro wird das bei Erstbezug im Herbst sein. Überschüssiges Geld geht in einen gemeinnützigen Fonds, mit dessen Mitteln Menschen unterstützt werden sollen, die auch die zehn Euro pro Quadratmeter nicht aufbringen können. "Derzeit haben wir zwei Soli-Wohnungen im Haus. Werden sollen es aber vier“, gibt sich Michaela Moser zuversichtlich.

Solidarisch zu sein, sich aber aussuchen zu können, mit wem und in welcher Form: Experten vermuten darin den Hautpgrund für den Erfolg dieser Form des Wirtschaftens - nicht erst seit der Immobilienblase und ihren Folgen. "Die Krise ist bei uns in anderer Form angekommen als bei den Menschen in Spanien und Griechenland. Dort bedeutet Solidarische Ökonomie zu allererst Hilfe zur Selbsthilfe“, weiß Markus Blümel von der Katholischen Solzialakademie Österreichs (ksoe). Hierzulande ist der Wunsch, Wirtschaft lebensdienlich zu gestalten, eine wichtige Motivation dafür, sich solidarökonomisch zu betätigen. Allein schon der Blick auf den oligopolistischen Saatgutmarkt wecke in vielen das Bedürfnis, "Dinge wieder selbst in die Hand nehmen zu wollen“.

Zweifeln darüber, ob solidarisches Wirtschaften funktioniert, kann mit positiven Beispielen aus der Vergangenheit begegnet werden (s. Kasten rechts oben). Selbst Jesus von Nazareth soll einer solidaristischen Initiative angehört haben. In seinem 1908 erschienenen Werk "Der Ursprung des Christentums“ ordnet der deutsch-tschechische Philosoph Karl Kautsky den Religiongründer sogar der auf Gütergemeinschaft basierenden Bewegung der Essener zu, was freilich eine gewagte These ist. Aber auch die zu den ältesten Ordensgemeinschaften zählenden Benediktiner nennen bereits im sechsten Jahrhundert als wichtigste Regel die "Beständigkeit in der Gemeinschaft“. Demzufolge müssen auch Experimente im Bereich der alternativen Geldwirtschaft nicht mit einer monetären Krise verknüpft sein (s. Kasten rechts Mitte). Dem Gewinnstreben einer kapitalistischen Ordnung stellt die Solidarische Ökonomie das genossenschaftlich genutzte Gemeingut entgegen.

Nutzen statt besitzen

Ein solches "Nutzen statt besitzen“ hatte sich auch die Sargfabrik Wien auf ihre Vereinsfahnen geschrieben. Auf dem Areal einer der ehemals größten Sargtischlerei der Donaumonarchie wurde 1996 die Vision von einer innovativen Wohnkultur verwirklicht. Üppiges Grün auf gemeinschaftlich genutzten Dachterrassen und die offene architektonische Umsetzung des Wohngedankens lassen erkennen, wie weit oben auf der Vereins-Agenda Ökologie steht. Einen anderen Schwerpunkt setzt das Wohnprojekt B.R.O.T. Das Aufbrechen traditioneller Familienstrukturen ließ Projekt-Initiator Helmuth Schattovits bereits 1976 die Notwendigkeit solidarischer Netzwerke erkennen. 1987 gründete er den gemeinnützigen Verein B.R.O.T (Beten, Reden, Offensein, Teilen). Allen Mitgliedern sollten "die Vorteile der Individualisierung innerhalb eines gemeinschaftlichen Netzes“ zugute kommen.

Öffentliche Hand ziert sich

Das erklärte Ziel, "Personen- als auch Rollenvielfalt in der alltäglichen Lebensführung herzustellen“, überzeugte einst auch die Stadt Wien als Fördergeberin. 1983 wurde das Projekt als integratives Wohnprojekt eingereicht, zwei Jahre später genehmigt und unter Architekt Ottokar Uhl baulich verwirklicht. Heute gestaltet sich die Lage anders. Im Steigen befindlich sei lediglich die Anzahl gemeinschaftlicher Wohnprojekte, nicht aber jene der Förderungen, weiß Markus Zilker vom Architekturbüro I:I.

Dabei würden gemeinschaftlich genutzte Wohnungen der Stadt Wien eine ansehnliche Flächenersparnis bringen. Freya Brandl, Pionierin auf dem Gebiet "Wohnen im Alter“, spricht von einer enormen Flächengewinnung. Berechnungen zufolge würden im Jahr 2035 etwa 600.000 Wienerinnen und Wiener älter als 60 Jahre sein. Zögen allein zehn Prozent davon in gemeinschaftliche Wohnprojekte und würden diese Personen "statt auf 100 nur noch auf 50 Quadratmetern leben, bedeutete dies eine Ersparnis von drei Millionen Quadratmetern“. Die frei werdende Fläche könnte anderen Mietern zugute kommen. Ihre Ergebnisse wird Brandl in den kommenden Wochen der Stadt Wien vorstellen - und sie hofft dabei die Dringlichkeit eines solidarwirtschaftlichen Wohnbaus klar machen zu können (s. Kasten rechts unten).

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