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Gesellschaft

"Wir sind auch nur MENSCHEN"

1945 1960 1980 2000 2020

Ohne die 50.000 ausländischen 24-Stunden-Betreuerinnen würde unser Pflegesystem kollabieren. Werden sie ausgebeutet? Zwei Hausbesuche.

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Ohne die 50.000 ausländischen 24-Stunden-Betreuerinnen würde unser Pflegesystem kollabieren. Werden sie ausgebeutet? Zwei Hausbesuche.

Wäre heute ein normaler Tag, Alica Bor s cová würde sich rund um die Uhr nur selber reden hören: "Was wollen, Frau Martha?", "Augenkontakt, Frau Martha!", "Gehen eins, zwei, eins zwei, Füße heben, Rücken gerade, sehr schön!" Vielleicht würde Borscová kurz beim Einkaufen mit jemandem sprechen, im Stiegenhaus mit der Nachbarin plaudern oder abends mit ihrem Mann und den zwei erwachsenen Kindern im ostslowakischen Ko sice telefonieren. Von Martha K., die in Wirklichkeit anders heißt, würde aber kaum ein Wort kommen. Nur ein Husten manchmal und ein fragender Blick.

Heute jedoch ist Besuch nach Wiener Neustadt gekommen -und die 51-jährige Personenbetreuerin hat das Bedürfnis zu erzählen. Nicht nur eine Journalistin hört ihr zu, auch Peter Rusko. Der gebürtige Slowake hat selbst acht Jahre lang im Waldviertel als Pfleger gearbeitet. Heute betreibt er mit seiner Frau die Agentur "Slow Care" mit Sitz im westslowakischen Ducové, die exklusiv für die "24 Stunden Personenbetreuung GmbH" der Volkshilfe Niederösterreich selbständige Betreuerinnen vermittelt und bei Behördengängen unterstützt.

Füttern, wickeln, fernsehen

540 Slowakinnen sind es derzeit österreichweit -und eine davon ist Alica Borscová. "Arbeit ist schwer", sagt sie im Salon der riesigen Zwölf-Zimmer-Wohnung. "Frau Martha immer depressiv und nichts reden, nur ich sprechen." Seit drei Jahren schon betreut sie die demenzkranke 86-Jährige, die keine eigenen Kinder hat und von einer befreundeten Familie vertreten wird. Zwei Wochen pro Monat verbringt sie rund um die Uhr mit ihr: Sie weckt sie auf, bringt ihr das Frühstück ins Bett, wechselt die Windeln, hilft ihr in den Fernsehsessel, geht einkaufen, kocht Mittagessen, füttert sie, führt sie im Rollstuhl spazieren, wischt ihr den Speichel vom Mund, verabreicht ihr die vorgeschriebenen Medikamente, spielt mit ihr "Mensch ärgere dich nicht", trainiert ihre Motorik, bereitet das Abendessen vor, macht die Nachttoilette, bringt sie zum Fernsehen ins Bett und dreht um 22 Uhr das Licht ab. Dazwischen heißt es noch bügeln, den Hund äußerln führen und die Wohnung mit all ihren Biedermeiermöbeln sauber halten. Nachts hätte Borscová ein eigenes Zimmer, doch weil es außer Hörweite von Frau Marthas Zimmer liegt und die alte Frau bei einem Hustenanfall Wasser braucht, schläft sie auf der Wohnzimmercouch.

Es ist eine innige, respektvolle Beziehung, die Alica Borscová zu ihrer Klientin im Lauf der Zeit aufgebaut hat. "Frau Martha ist eine Dame", sagt sie lächelnd. Den türkisen Schmuck, den die gepflegte Frau heute an Hals und Handgelenk trägt, während sie stumm und mit starrem Blick am Tisch sitzt, hat ihr die Betreuerin selbst geschenkt.

Dennoch sei die Arbeit insgesamt sehr belastend -"psychisch und körperlich", betont Borscová. Nach zwei Wochen kommt ihre slowakische Freundin Helena, um sie abzulösen. Zehn Minuten lang tauschen sich die beiden Frauen aus und übergeben das Haushaltsbuch, in dem alles dokumentiert werden muss. Dann beginnt Borscová mit demselben Fahrtendienst, mit dem Helena gekommen ist, die knapp siebenstündige Reise in die Heimat. Dort angekommen kann sie -neben allem Kochen, Waschen und Putzen -auch "Regeneration machen" und nach ihrer kranken Mutter sehen, um die sich ihre Schwester kümmert.

Warum sie sich, ihrem Mann und ihren Kindern dieses Pendeln ins Ausland antut, ist rasch erklärt: Wäre die langjährige EDV-Administratorin in Ko sice geblieben, wäre sie heute entweder arbeitslos oder müsste mit 300 Euro monatlich das Auslangen finden -zu wenig neben dem Einkommen ihres Mannes, der als Tischler tätig ist.

Hier in Österreich bekommt sie als selbständige Personenbetreuerin 700 Euro netto binnen zwei Wochen. Das ist mehr als in der Ostslowakei; aber ist das auch fair für jemanden, der stolz auf ein Zertifikat der St. Elizabeth University of Health and Social Sciences in Bratislava verweist und zwei Wochen lang nonstop eine Demenzpatientin umsorgt?

Tatsächlich kritisieren viele, dass die prekären Arbeitsbedingungen der lange illegal tätigen Pflegerinnen aus dem Osten durch das Hausbetreuungsgesetz von 2007 weitgehend fortgeschrieben wurden (vgl. Kasten Seite 5)."Hier traf sich das staatliche Interesse, keine Heime bauen und keine Pflegerinnen anstellen zu müssen, mit dem familiären Interesse, dass alles so bleibt, wie es ist, ohne dass jemand ins Wohnzimmer späht", schreibt die Journalistin Sibylle Hamann in ihrem Report "Saubere Dienste" (siehe Tipp). Das Interesse der Betreuerinnen blieb hingegen weitgehend auf der Strecke. Das weiß auch Alica Borscová. "Viele Familien glauben, weil es 24-Stunden-Betreuung heißt, müssen die Frauen Tag und Nacht im Einsatz sein. Selbständige haben keine Freizeitregelung, doch auch wir Pflegerinnen sind nur Menschen und müssen schlafen." Oft habe sie das Gefühl, dass man sich um das Wohl von Haustieren mehr sorge als um jenes der Betreuerin. Nicht selten komme es auch zu gewalttätigen oder sexuellen Übergriffen.

"Zielgruppenspezifische" Betreuung

Sie selbst ärgert sich über die hohen Abgaben als Selbständige, für die es zu geringe Gegenleistungen gebe: Von den 65 Euro brutto, die sie täglich erhält, muss sie 15 Euro an die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft abführen: für die Pensions-, Kranken-und Unfallversicherung. Längeres Kranksein kann sie sich trotzdem nicht leisten. Auch die Pension schaut nach 15 Beitragsjahren mit 150 Euro im Monat mager aus. Wendet sie sich mit einer Frage an die Wirtschaftskammer, deren Zwangsmitglied sie ist, so erhalte sie oft drei verschiedene Antworten. "Unsere Mitglieder werden immer besser und zielgruppenspezifisch betreut", entgegnet hingegen Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der WKO. Der Sprachenaspekt ist in dieser Branche zentral, schließlich kommen von den rund 50.000 Personenbetreuerinnen 50 Prozent aus der Slowakei, 34 Prozent aus Rumänien und nur 1,7 Prozent aus Österreich.

Für viele der beste Beweis, dass es sich um eine Ausbeutungsbranche handelt. Auch Christoph Matznetter sieht das so. Eine Woche vor den Wirtschaftskammerwahlen von 24. bis 26. Februar, bei denen die Personenbetreuerinnen eine große Gruppe stellen, fordert der Präsident des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes deshalb ein Mindesthonorar von 1200 Euro brutto pro Monat. Sozialminister Rudolf Hundsztorfer fordert zwar auch eine Anhebung, lehnt aber ein Mindesthonorar ab -ebenso wie den Vorschlag der Gewerkschaft "vida", die Pflegekräfte nicht länger in "Scheinselbständigkeit" zu drängen, sondern bei Vereinen anzustellen (was die Kosten extrem erhöhen würde). Den dringendsten Handlungsbedarf sieht der Minister jedoch wie Matznetter bei den Vermittlungsagenturen.

Die vielen schwarzen Schafe, die im Internet mit Billigangeboten locken, Personenbetreuerinnen in Knebelverträge zwängen, doppelt abkassieren oder auch keine Fallbegleitung anbieten, sind auch den großen Hilfsorganisationen ein Dorn im Auge. Erst im Jänner plädierte etwa die Caritas für ein Qualitätsgütesiegel für seriöse Agenturen. Auch Volkshilfe und Hilfswerk fordern Mindeststandards - und die im Regierungsprogramm angekündigte gewerberechtliche Trennung zwischen Personenbetreuerinnen und Agenturen. "Es gibt Berichte, dass Busse herkommen mit Rumäninnen, die auf der Straße Leute mit Stock ansprechen, ob sie nicht Betreuung brauchen", erzählt Walter Marschitz, Bundesgeschäftsführer des Hilfswerks. Auch Peter Rusko plädiert für mehr Qualitätskontrollen. "Derzeit wird schon intensiv an einer Art Qualitätsrahmen gearbeitet", erwidert Martin Gleitsmann von der Wirtschaftskammer. "Es gibt natürlich Ausreißer, die aufgebauscht werden. Aber insgesamt läuft das 24-Stunden-Modell hervorragend."

Personenbetreuer im Glück

Im Fall von Zoltán Toplak und Frau S. könnte das sogar stimmen. Seit zwei Jahren betreut der 40-jährige Ungar gemeinsam mit einem zweiten ungarischen Mann die 75-jährige, kinderlose Dame, die an Multipler Sklerose leidet. Vermittelt wurden sie von "Rundum Zuhause betreut", der 24-Stunden-Betreuung der Caritas, die sie auch zur Qualitätssicherung begleitet. Finanziell ist Toplak nicht viel besser gestellt wie Borscová: Der ausgebildete "Mentalhygieniker", der lange in einem ungarischen Spital gearbeitet hat, erhält 70 Euro brutto pro Tag. Doch Toplak ist damit zufrieden. Die Situation sei nicht nur deshalb "sehr optimal", weil er hier in zwei Wochen das dreifache von dem verdiene, was er in Ungarn pro Monat erhalte - und damit schneller den Kredit für die Wohnung abbezahlen könne, in der seine Ex-Frau und seine beiden Söhne leben. Hier in Wien-Hietzing sei es auch sonst ideal: Frau S. ist zwar wegen ihrer Lähmungen bei allem auf fremde Hilfe angewiesen, aber eine anregende und belesene Gesprächspartnerin -und zudem bereit zum Delegieren: Sie zahlt nicht nur die Kosten von 1910 Euro für die beiden Betreuer (abzüglich der 550 Euro Förderung); auch das Essen wird tiefgefroren vom Roten Kreuz geliefert, und zum Putzen und Bügeln kommt alle zwei Wochen eine bulgarische Haushaltshilfe. Liegt Frau S. ab 19 Uhr zum Fernsehen im Bett, kann Toplak laufen gehen, Karateübungen absolvieren, sich in seinem Zimmer ins Gebet versenken oder an seiner Online-Zeitung arbeiten. Ihr Themenschwerpunkt: Die Emanzipation des Mannes.

Saubere Dienste. Ein Report Von Sibylle Hamann. Residenz Verlag 2012. 206 Seiten, geb., € 21,90

Fremde sorgen

Sie kommen aus der Slowakei, Polen und Rumänien nach Österreich, um unsere Alten zu pflegen, unsere Kinder zu versorgen und unsere Wohnungen zu putzen. Was treibt diese Frauen an -und unter welchen Umständen arbeiten sie? Ein Schwerpunkt über die Dienstmädchen von heute, die Care-Krise von morgen -und ein System zwischen Ohnmacht und Abhängigkeit.

Redaktion: Doris Helmberger

Saubere Dienste. Ein Report Von Sibylle Hamann. Residenz Verlag 2012. 206 Seiten, geb., € 21,90