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"Wir wollen die Menschen für ihre Fehler büßen lassen“

Andreas Zembaty vom Verein Neustart, attestiert der Justiz durchaus Reformwillen. Kritik übt er an der Gesellschaft, die im Umgang mit fehlerhaftem Verhalten oft nach Sühne verlangt.

Als Bewährungshelfer betreute Andreas Zembaty auch Menschen, die lebenslänglich verurteilt wurden. Dass manche nach der Entlassung ihre Wohnungen wie Zellen einrichteten, schockierte ihn besonders. Im Interview erklärt der Sprecher von Neustart seine Vorstellung von einem idealen Strafvollzug.

Die Furche: Die Arbeit von Neustart beginnt bereits im Gefängnis, wo Häftlinge sechs Monate vor der Entlassung eine Beratung in Anspruch nehmen können. Geht es dabei um profane Anliegen, wie sich das Leben nach der Haft organisieren lässt?

Andreas Zembaty: Der Bedarf der Klienten ist zu Beginn oft reduziert auf den Wunsch "Ich will überleben“. Das sind oft materielle Bedürfnisse. Heikel an diesen Dingen, die für uns profan erscheinen, ist allerdings etwas anderes: Kaum ist man in Haft, beginnt man in der Tristesse der reduzierten Eindrücke damit, sich eine Welt draußen zu fantasieren. Aus Mangel an Verbindungen mit der Außenwelt wird diese Welt irrational und sehr brüchig. Man sagt sich zwar: "Meine Wohnung behalte ich sicher, meine Frau wartet auf mich und meine Schulden werden stillgelegt, bis ich wieder Arbeit hab.“ Und: "Das Delikt wird mir nie wieder passieren.“ Es werden Lebenslügen aufgebaut. Weil man das spürt, steigt eine große Angst auf. Gerade durch die Beratung von Neustart entsteht ein anderes Bild von der Welt draußen. Das kann zu Schock, Verweigerung oder Depression führen. Deshalb sind Beratungen vor der Entlassung keine reine Adressweitergabe, sondern behandeln auch die Angst, die bei profanen Fragen entsteht.

Die Furche: Bekommen Menschen im Vollzug das Rüstzeug für ein Leben danach?

Zembaty: Nein, und das ist kriminal- und gesellschaftspolitisch mein großer Vorwurf an den österreichischen Strafvollzug. Und zwar nicht an die Leute, die darin arbeiten, sondern an die Gesellschaft: Am liebsten wollen wir die Leute weg haben. Und ein bisserl büßen sollen sie auch noch.

Die Furche: Das alte Konzept der Sühne ...

Zembaty: In der Gesellschaft ist das immer noch ein großes Thema, obwohl es im Strafgesetzbuch seit Jahrzehnten nicht mehr vorkommt. Ich wünsche mir von der Politik ein klares Bekenntnis, nicht nur zu sagen: "Liebe Wähler, ihr seid sicher, ich habe gute Leute im Strafvollzug.“ Sondern: "Strafvollzug ist gesellschaftliche Integration.“ Wir als Bevölkerung üben einen großen Druck aus und machen es der Justiz, die durchaus reformwillig ist, sehr schwer.

Die Furche: Wie soll die Gesellschaft denn mit Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, umgehen?

Zembaty: Wir brauchen diese Menschen, die sich nicht an die Regeln halten, ja auch auf eine Art. Weil wir es selber nicht immer tun. Aber das tiefenpsychologische Problem ist, dass ich die Untiefen, die ich an mir selber in meinen Träumen, Fantasien oder vielleicht auch Taten kennengelernt habe, nicht gerne sehe. Deshalb ist es uns sehr recht, wenn wir sagen können: "Schaut’s euch das Schwein an, das muss weg.“ Das ist ein kollektiver, archetypischer Reflex. Gute Krimis und Filme, die das Täterbild korrigieren und Identifikationsmöglichkeiten bieten, können zur Volksbildung beitragen.

Die Furche: Im Strafvollzugsgesetz wird Haft einerseits als Schutzmechanismus für die Gesellschaft, andererseits als erzieherische Maßnahme definiert.

Zembaty: Die Realität ist eine andere: Geschützt wird, weil Leute weggesperrt werden. Aber nur eine Handvoll schafft es, aus der Haft für sich selbst und ihr Leben einen neuen Weg zu finden. Der Rest ist verunsichert. Und Menschen, die Angst haben, jagen anderen Menschen Angst ein. Die erzieherische, resozialisierende Wirkung, die im Strafvollzugsgesetz steht, kann unter diesen Bedingungen der Strafvollzugs nicht ausreichend gelebt werden.

Die Furche: Wird die Tat im Strafvollzug thematisiert?

Zembaty: Nein, außer im therapeutischen Strafvollzug ist sie nie ein Thema. Sie wird verdrängt, vom ersten bis zum letzten Tag. Und wenn der Täter entlassen wird, sagt er: "Ich habe alles gebüßt.“ Aber Büßen ist nicht das Thema. Es geht um den Umgang mit der eigenen Unsicherheit, um ein Gewinnen an Selbstvertrauen, um ein Ins-Reine-Kommen mit sich selbst und der Tat. Wenn wir den Leuten in der Haft keine Werte vermitteln, haben sie keine, wenn sie draußen sind.

Die Furche: Was würde helfen?

Zembaty: Ein idealer Strafvollzug ist für mich einer, der dem Menschen die Tat und das Unrecht der Tat vorführt. Nicht in einer diabolischen Form, in der vermittelt wird: "Du bist das Letzte.“ Sondern in einer Form, in der er eine Chance auf Wiedergutmachung bekommt. Das kann eine Entschuldigung sein, oder auch Geld. So kann der Täter konstruktiv mit seinem Fehler umgehen. Und es hat auch einen realen Wert für das Opfer. Das wäre für mich ein Strafvollzug, der Hoffnung macht.

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