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Wer das Sagen hat

Philosophicum_Grau - <strong>Hybridkultur</strong><br />
„Man wähnt sich als Träger einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, die in Berlin ebenso zu Hause ist wie in Sydney.“ (Alexander Grau) - © iStock / skynesher
Gesellschaft

Wo wir sind, ist vorne

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht mehr Tradition oder Herkunft, sondern Habitus und Lebensstil definieren die kulturellen Eliten unserer Zeit, meint Alexander Grau. Doch deren scheinbare Weltoffenheit gehe mit Ausgrenzung einher.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht mehr Tradition oder Herkunft, sondern Habitus und Lebensstil definieren die kulturellen Eliten unserer Zeit, meint Alexander Grau. Doch deren scheinbare Weltoffenheit gehe mit Ausgrenzung einher.

Jede Zeit hat ihre eigene Elite. Und jede Elite stützt ihren Status mit den Machtmitteln ihrer Zeit. Etwa mit Schwertern, mit Geld oder mit Einfluss auf jene, die über Geld und Schwerter verfügen. Doch mit Gold, Waffen und Einfluss kann sich keine Elite auf Dauer halten. Daher versucht jede Elite, das Volk davon zu überzeigen, dass sie zu recht Elite ist. So wird die Ideologie der Elite zur Ideologie ihrer Epoche.

Karl Marx und Friedrich Engels haben das brillant auf den Punkt gebracht. Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es daher: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ Und in der „Deutschen Ideologie“ schreibt Marx ergänzend: Jede herrschende Klasse „ist genötigt, (…) ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen“.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass Marx’ Theorie, immerhin eine Theorie des 19. Jahrhunderts und der damaligen Klassengesellschaft, auf unsere spätmodernen Wohlfahrtsgesellschaften überhaupt nicht anwendbar ist. Verfügen solche Gesellschaften überhaupt noch über Formationen, die als herrschende Klasse respektive Elite beschrieben werden können? Ist die Vorstellung einer Elite in einer von Werten wie Gleichheit und Gleichberechtigung geprägten Gesellschaft nicht ohnehin obsolet? Kann man in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft überhaupt noch von einer Elite reden?

Überall zu Hause

Ja, man kann. Man muss sogar. Allerdings sollte man sich von überholten Vorstellungen verabschieden. Denn in einer pluralistischen, heterogenen und multikulturellen Gesellschaft, deren wichtigste Werte Emanzipation und Individualismus sind, taugt der traditionelle Elitenbegriff nicht mehr. Die Elite, das sind nicht mehr die Wenigen, sondern das sind unter Umständen recht viele. Gerade deshalb aber übt die neue Elite Macht aus – wenngleich mit ganz anderen Mitteln als die alten Eliten früherer Epochen. Denn erstmals in der Menschheitsgeschichte hat sich in den letzten 20 Jahren eine Elite herausgebildet, die sich dezidiert als progressiv begreift. Waren Eliten traditionell konservativ und leiteten sie ihre Legitimation aus der Herkunft, der Abstammung oder ewig gültigen Prinzipien ab, so geben sich die neuen Eliten als Speerspitze des Fortschritts.

Jede Zeit hat ihre eigene Elite. Und jede Elite stützt ihren Status mit den Machtmitteln ihrer Zeit. Etwa mit Schwertern, mit Geld oder mit Einfluss auf jene, die über Geld und Schwerter verfügen. Doch mit Gold, Waffen und Einfluss kann sich keine Elite auf Dauer halten. Daher versucht jede Elite, das Volk davon zu überzeigen, dass sie zu recht Elite ist. So wird die Ideologie der Elite zur Ideologie ihrer Epoche.

Karl Marx und Friedrich Engels haben das brillant auf den Punkt gebracht. Im „Kommunistischen Manifest“ heißt es daher: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ Und in der „Deutschen Ideologie“ schreibt Marx ergänzend: Jede herrschende Klasse „ist genötigt, (…) ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allgemein gültigen darzustellen“.

Nun könnte man natürlich einwenden, dass Marx’ Theorie, immerhin eine Theorie des 19. Jahrhunderts und der damaligen Klassengesellschaft, auf unsere spätmodernen Wohlfahrtsgesellschaften überhaupt nicht anwendbar ist. Verfügen solche Gesellschaften überhaupt noch über Formationen, die als herrschende Klasse respektive Elite beschrieben werden können? Ist die Vorstellung einer Elite in einer von Werten wie Gleichheit und Gleichberechtigung geprägten Gesellschaft nicht ohnehin obsolet? Kann man in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft überhaupt noch von einer Elite reden?

Überall zu Hause

Ja, man kann. Man muss sogar. Allerdings sollte man sich von überholten Vorstellungen verabschieden. Denn in einer pluralistischen, heterogenen und multikulturellen Gesellschaft, deren wichtigste Werte Emanzipation und Individualismus sind, taugt der traditionelle Elitenbegriff nicht mehr. Die Elite, das sind nicht mehr die Wenigen, sondern das sind unter Umständen recht viele. Gerade deshalb aber übt die neue Elite Macht aus – wenngleich mit ganz anderen Mitteln als die alten Eliten früherer Epochen. Denn erstmals in der Menschheitsgeschichte hat sich in den letzten 20 Jahren eine Elite herausgebildet, die sich dezidiert als progressiv begreift. Waren Eliten traditionell konservativ und leiteten sie ihre Legitimation aus der Herkunft, der Abstammung oder ewig gültigen Prinzipien ab, so geben sich die neuen Eliten als Speerspitze des Fortschritts.

Die neue Eliten wähnen sich als Erfüllungsgehilfen der Geschichte. Deren Ziel, da ist man sich sicher, ist eine bunte Weltgesellschaft.

Entsprechend definieren sie sich nicht über ihre Herkunft, über Traditionen oder Besitz, sondern über „kulturelles Kapital“, also über ihren Habitus, ihren Lebensstil, ihre Lebenseinstellung. Dieses kulturelle Kapital steht symbolisch für eine Lebenshaltung, aber auch für Moral und Werte: Man liebt französische Filme, entspannt bei indischem Yoga, genießt italienische Küche und bevorzugt skandinavisches Design. Man bewohnt die gentrifizierten Vierteln unserer Großstädte, nicht ohne die Gentrifizierung zu beklagen, hat ein Netflix-Abo, konsumiert den neuesten amerikanischen Serienhype im Original, bucht seinen Urlaub bei „Airbnb“ und liest die Washington Post oder den Guardian. Natürlich online.

Vor allem aber wähnt man sich als Träger einer neuen, globalen Kultur und Avantgarde, die in Berlin ebenso zu Hause ist wie in Sydney. Man ist Teil der internationalen Klasse der gut Ausgebildeten und Flexiblen; derjenigen, die ein paar Semester in Stanford oder Boston studiert haben und deren Karriere sie nach London, Barcelona oder Shanghai verschlagen hat. Und selbst wenn die eigene ökonomische Lage eher prekär ist, ermöglicht der jeweilige „Lifestyle“ und die richtige innere Überzeugung eine Teilhabe an der neuen Elite: Hauptsache, man gibt sich weltoffen, tolerant und multikulturell, kreativ und flexibel. Entsprechend verstehen sich die neuen Eliten nicht als Hüter der ewigen Ordnungen oder ewiger Werte. Im Gegenteil.

Exekutive der Moderne

Die neuen Eliten begreifen sich als Exekutive der Moderne. Damit entfremden sie sich von den kulturellen Wurzeln ihrer Herkunft und den sozialen Milieus, die diese bewahren. Man fühlt sich nicht der eigenen Tradition verpflichtet, sondern dem sozialen Netz der Gleichgesinnten. Etwas vereinfacht und klischeehaft: Dem IT-Spezialisten bei einem gro­ßen Softwareunternehmen sind die Kollegen aus Spanien, Indien oder Taiwan gegebenenfalls näher als das kleinbürgerliche Vorstadt-Milieu, dem er entstammt.

Anders als die Mehrheitsbevölkerung und die alten Eliten definieren sich die neuen Eliten somit über ein vollständig neues Konzept von Kultur, einer Hybridkultur. In dieser dienen die Güter der kulturellen Märkte lediglich als Ressourcen zur Inszenierung individueller Besonderheit. Das globale Angebot an Folklore, Design, Musik und Spiritualität wird zu einem Patchwork persönlicher Selbstverwirklichung genutzt. Entsprechend werden Diversität, Pluralismus, Kreativität und Kosmopolitismus zu Meta-Werten. Zugleich wertet die Hybridkultur der neuen Eliten alle anderen, traditionellen Kulturkonzepte ab. Sie gelten als gestrig, überholt, provinziell oder als Ausdruck einer reaktionären politischen Gesinnung. So wird aus „Lifestyle“ zunächst Moral und schließlich eine politische Ideologie. In dem Bewusstsein, das Monopol auf Modernität und Fortschritt zu haben, wähnen sich die neuen Eliten zugleich als Erfüllungsgehilfen der Geschichte. Deren Ziel – da ist man sich sicher–, ist eine globalisierte, universalisierte, liberale, tolerante und offene Weltgesellschaft. Und alle, die sich diesem Ziel einer bunten Weltgesellschaft entgegenstellen, haben daher nicht nur einfach andere Ansichten, sondern sind Feinde des Fortschritts und somit der Menschheit. Mit ihnen muss man nicht reden; sie muss man zum Schweigen bringen oder ausgrenzen. Ziel ist die Eroberung der kulturellen Deutungshoheit.

Die Welt soll moralisch missioniert werden. Das ist vergleichsweise einfach, da ein nicht unerheblicher Teil der neuen Elite in Branchen arbeitet, die der Verbreitung und Multiplikation von Meinungen, Trends und Ideen dienen: also in den Medien, in der Wissenschaft, im Kulturbereich, im Verlagswesen oder auch in der IT-Branche.

Moralische Missionierung

Da man sich zudem nur unter seinesgleichen bewegt und all jene mit Verachtung straft, die die eigenen Ideale nicht teilen, schottet sich die neue Elite selbst ab: Man verfällt dem Irrtum, das eigene Leben sei der normative Goldstandard. Schlimmer noch: Aufgrund der Fehleinschätzung, dass das eigene Emanzipationsprojekt das einzig legitime und moderne sei, fühlt man sich legitimiert, im Namen der Toleranz intolerant zu sein und die Demokratie mit undemokratischen Methoden zu schützen.
Dass sich die Risse, die sich in den westlichen Gesellschaften zeigen, kurzfristig wieder schließen lassen, ist unwahrscheinlich, da sie Produkte sich ausschließender Lebensentwürfe und Kulturkonzepte sind. Die Zeiten des gefühlten Grundkonsenses sind vorbei. Wir werden daher lernen müssen, den Dissens politisch zu organisieren. Das kann aber nur gelingen, wenn die neuen Eliten lernen, dass in pluralistischen Gesellschaften der eigene Lebensstil eben nur einer unter vielen anderen ist und kein Ausdruck moralischer Überlegenheit.

Der Autor ist Philosoph und Publizist. Sein Buch „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ sorgte 2017 für Diskussion, sein neues – „Politischer Kitsch“ (Claudius) – erscheint am 15.10.2019