wg - © Foto: Caritas

Wohngemeinschaften im Trend: Am Ende doch gemeinsam

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Längst sind es nicht mehr allein Studierende, die sich beim Wohnen zusammentun. Gemeinschaftliche Wohnformen liegen im Trend. Steigende Wohnkosten sind ein Motiv dafür, aber nicht das einzige.

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Längst sind es nicht mehr allein Studierende, die sich beim Wohnen zusammentun. Gemeinschaftliche Wohnformen liegen im Trend. Steigende Wohnkosten sind ein Motiv dafür, aber nicht das einzige.

„Darauf, hier am Morgen meinen Kaffee zu trinken, freue ich mich schon sehr“, sagt Doro Bauer.* Die 55-Jährige in türkiser Fleecejacke sitzt am Holztisch in der Wohnküche ihres zukünftigen Zuhauses und schaut durch die Terrassentür. Sie sieht einen Baggersee, mehrstöckige Wohngebäude, unverbaute Flächen und – rund sieben Minuten zu Fuß entfernt – eine U-Bahnstation. In Kürze ist Doro Teil der „WG-Melange“, einem neuen Wohnprojekt der Caritas in der Seestadt Aspern im Norden Wiens, das Menschen über 55 Jahren gemeinschaftliches Wohnen bietet. Seeblick und Wohnküche, aber auch Zeit und Leben wird Doro bald mit sieben Mitbewohnern teilen. Noch kennt sie nicht alle von ihnen. „Jetzt beginnt die aufregende Phase in meinem Leben“, sagt die ehemalige Sekretärin und lacht. Ihr steht wie jedem WG-Mitglied ein kleines Apartment mit Badezimmer und kleiner Teeküche zur Verfügung, die geräumige Wohnküche, Terrasse, Flur benutzen alle.

Zusammen, statt allein

Doro Bauers drei Söhne sind erwachsen, gerade ziehen alle, Mutter und Söhne, aus ihrer 100 m² großen Wohnung am anderen Ende Wiens aus. „Die Wohnung hätte ich allein nicht mehr zahlen können. Und gemeinschaftliches Wohnen“, sagt Doro, „hat mich immer schon sehr interessiert.“ Organisierte Wohnprojekte von Bauträgern oder Vereinen waren finanziell für sie aber nicht drin. „In solchen Projekten braucht man anfangs bis zu 40.000 Euro Beitrag, das war mir zu viel.“ In der „WG-Melange“ zahlen die Bewohner nur die Miete, ab 540 Euro plus Energiekosten für das kleinste Appartement mit 30m² bis zu 780 Euro für 46m². Für das, was alles geboten wird – die Gemeinschaftsflächen in der Wohnung selbst, dazu Sauna, Gästezimmer, Werkstätte für die Bewohner des ganzen Hauses – ein fairer Preis, findet Doro.

Gemeinschaftliches Wohnen liegt im Trend. Längst sind es nicht mehr allein Studierende, die sich beim Wohnen zusammentun. „Wohnen in Gemeinschaft in verschiedenen Formen wird für Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen interessant“, sagt der Soziologe Christoph Reinprecht von der Universität Wien. „Was man aber nicht vergessen darf: Seit den 1980er Jahren ist der Anteil von Singlehaushalten von 25 Prozent auf 40 Prozent heute gestiegen. Das ist der große Trend. Diesen Kontext muss man mitbedenken, wenn man davon spricht, dass gemeinschaftliches Wohnen immer beliebter wird.“ Wie zusammengewohnt wird, sei höchst unterschiedlich: Berufstätige ohne Familienanhang, die sich eine Wohnung teilen, ältere Menschen, die an Jüngere ein Zimmer ihrer Wohnung vermieten, generationenübergreifende Wohnprojekte, getragen von der Idee der Gemeinsamkeit oder gemeinsamen Werten, auch wenn jeder seine eigene Wohnung hat.

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