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Wollust und Seligkeit

Die Sehnsucht nach erfüllter Liebe und einer glücklichen Beziehung ist so groß wie nie zuvor. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die an der Realisierung dieses Traumes scheitern: Bereits 44,4 Prozent aller Ehen werden in Österreich geschieden. Kein gutes Zeugnis für die Tragfähigkeit der Liebe, die mittlerweile zum einzigen, akzeptierten Motiv für Paarbeziehungen geworden ist. Das vorliegende Dossier wagt eine Annäherung an diesen höchst labilen - und umso faszinierenderen Zustand von Körper, Geist und Seele. Redaktion: Doris Helmberger Nach platonischer, höfischer und romantischer Liebe ist heute gleichberechtigte Partnerschaft angesagt. Mit "Liebe" ist sie jedoch nur bedingt vereinbar.

Fragt man junge Leute, was ihnen am wichtigsten ist, dann stehen Liebe, Partnerschaft und Familie ganz oben in der Werteskala - im Kontrast zu den Ansichten vieler Wissenschaftler, die Familie längst zu einem Auslaufmodell erklärt haben, weil seit Jahrzehnten die Scheidungsrate steigt und die Zahl der Singles wächst und wächst. Die Hauptschuld an dieser Entwicklung hat für viele Beobachter - die Liebe. Je mehr die Ehe (und auch die nichteheliche Lebensgemeinschaft) ausschließlich auf Liebe begründet wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann geschieden wird.

Ist die lebenslange große Liebe also eine Illusion? Taugt die Liebe überhaupt als Beziehungskitt? Oder haben wir einfach nur zu große Erwartungen an sie? Tatsächlich sind die Ansprüche an die Liebe heute besonders groß, sie haben aber auch eine lange Tradition. Die Idee der Liebe hat sich in den Jahrhunderten im Kern kaum gewandelt, wenn auch die Titel wechselten: platonische, höfische, romantische, postmoderne Liebe. Immer geht es um eine elementare menschliche Sehnsucht.

Suchende Kugelhälften

Eines der frühesten Zeugnisse dafür ist Platons "Symposion", bei dem sich die trinkenden Männer Geschichten über die Liebe erzählen. Alles beginnt mit dem Mythos vom Kugelmenschen: Die Götter, so heißt es, hätten den ursprünglich androgynen - und kugelförmigen - Menschen in zwei Hälften geteilt, "die seither in der Welt herumirren und einander suchen. Die Liebe ist die Sehnsucht nach der verlorenen Hälfte von uns selbst", wie Milan Kundera schreibt. Erst in der Liebe ergänzen sich Mann und Frau zu einem Ganzen.

Im Hochmittelalter kam in Europa eine neue Liebesvorstellung auf, deren Ursprünge in die arabisch-indische Welt zurückreichen: amour courtois, die höfische Liebe. Als Minne-Dichtung überliefert, bringt sie eine frühe Form der leidenschaftlichen Liebe zum Ausdruck. Hier entsteht das Bild der unerfüllten, unglücklichen Liebe. Die Geschichte von Tristan und Isolde wird zum paradigmatischen Stoff für das europäische Liebesverständnis: zwei Liebende, erfüllt von überwältigender Sehnsucht füreinander, die zur Verschmelzung drängt oder - da die Sehnsucht unerfüllt bleiben muss - in den Tod führt.

Aber all dies waren nur Vorläufer der "romantischen Liebe", die am Ende des 18. Jahrhunderts von bürgerlichen Dichtern und Philosophen erfunden wurde. Die romantische Liebe versucht eine Synthese von Sinnen- und Seelenliebe, wie sie etwa in Goethes "Werther" zum Ausdruck kommt. Auch in Schlegels "Lucinde" geht es um die Einheit von Lust und Gefühl, von "geistiger Wollust" und "sinnlicher Seligkeit". Das romantische Paar wendet sich ab von der Welt des profanen Alltags, sucht Erfüllung, gar Erlösung. In diesem Sinn tritt die Liebe in Konkurrenz zur Religion, und nicht wenige meinen, dass heute die Liebe die einzig übriggebliebene Religion sei, nach dem "Tod Gottes" (Nietzsche) und dem Untergang des Sozialismus.

Das romantische Liebesideal ist heute keineswegs überholt, das bezeugen zahlreiche Produkte der Populärkultur (Musik und Film). Damit haben wir aber ein großes Problem: Die fast ungebrochene Vorstellung von romantischer Liebe als einzigem Grund, eine Beziehung einzugehen, führt zu der unvermeidlichen Konsequenz: Wenn die Liebe endet, ist die Trennung unausweichlich - und dass sie endet, häufig schon nach drei Jahren, ist fast ebenso unvermeidlich. Die "serielle Monogamie" ist heute ein neues Lebenslaufmodell für immer mehr Zeitgenossen.

Diskurs statt Verschmelzung

Gibt es Alternativen zur Liebe? Alternativen, die ein frühes Ende von Beziehungen verhindern könnten? Das Zauberwort der Ratgeberliteratur heißt Partnerschaft (Partnerschaftlichkeit) oder partnerschaftliche Liebe. Hier geht es nicht mehr um Verschmelzung und Weltabgewandheit, nicht um Rausch und Erfüllung, sondern um Verständigung zwischen vernünftigen Individuen, um das Aushandeln des alltäglichen Umgangs miteinander, um Reflexion und Diskurs. Das sind alles wichtige moderne Werte, und die Ratgeberliteratur ist daher auch voll des Lobes über diese moderne Form.

Das Problem ist nur, dass man damit weder eine Beziehung anfangen kann noch sie emotional begründen und stabilisieren. Partnerschaftlichkeit mag gut geeignet sein, bestimmte Aspekte des Alltags zu organisieren, aber sie ist mit der Liebe nur bedingt vereinbar. Die Gegensätze zwischen Partnerschaftlichkeit und Liebe sind sogar ziemlich groß. Partnerschaft ist auf Gerechtigkeit aus; die Liebe dagegen kann durchaus ungerecht sein. In der Partnerschaft können Gegenleistungen eingeklagt werden, in der Liebe nicht. Enttäuschte Liebe hat kein Recht auf "Schadenersatz". Darüber hinaus sind viele häusliche Routinen - Wäsche waschen, aufräumen - einfacher zu bewältigen, wenn nicht alles genau geregelt ist - wozu aber Partnerschaft auffordert, denn sie besteht auf strikter Gleichheit zwischen Mann und Frau. Dies ist programmatisch einfach, in der Praxis aber sind Abweichungen von der Gleichheit schwer zu erkennen, die Forderung deshalb schwer zu erfüllen. Mann und Frau tappen sozusagen immer wieder in die Falle.

Fremdheit als Würze

Kurz gesagt: Die Liebe lässt sich nicht einfach durch Partnerschaft ersetzen. Man muss die Sehnsucht nach der romantischen Liebe ernst nehmen. Sicherlich: Die partnerschaftliche Liebe ist ein gutes Modell für aufgeklärte Paare. Aber man darf dem Partnerschaftskonzept nicht zuviel zumuten. Es kann nicht die ganze Last tragen. Die Liebe bleibt wichtig, aber sie muss sich ändern, wenn die romantische Verliebtheit der ersten Monate und Jahre verblasst.

Eine neue Art von Intimität soll entstehen, bei der man jedoch darauf achten muss, dass Vertrautheit und Geborgenheit nicht zu stark werden, weil dies zu Gewöhnung und damit - paradoxerweise - zur Entfremdung führt. Ein Stück Fremdheit und Geheimnis - und damit Sehnsucht - sollte erhalten bleiben. Viele moderne Paare scheinen dies durchaus zu wissen und zu praktizieren, denn vergessen wir nicht: Auch wenn die Scheidungsraten sehr hoch sind - es werden noch immer mehr als die Hälfte der Ehen nicht geschieden.

Der Autor ist

Professor am Institut für Sozialwissenschaften der Universität

Lüneburg.

BUCHTIPPS:

Liebe am Ende des 20. Jahrhunderts. Neue Wege in der Soziologie intimer Beziehungen

Von Günter Burkart und Kornelia Hahn. Verlag Leske und Budrich, Opladen 1998. 233 Seiten, brosch., e 19,-

Die Illusion der Emanzipation

Zur Wirksamkeit latenter Geschlechtsnormen im Milieuvergleich

Von Cornelia Koppetsch und Günter Burkart. Unter Mitarbeit von Maja S. Maier. Universitäts-Verlag, Konstanz 1999. 343 Seiten, kart., e 25,40

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