Gesellschaft

Work-Life-Balance: "Leistung ist mehr als Anwesenheit"

1945 1960 1980 2000 2020

Brigitte Pajonk, Leiterin des Instituts für Work-Life-Balance in München, im FURCHE-Interview.

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Brigitte Pajonk, Leiterin des Instituts für Work-Life-Balance in München, im FURCHE-Interview.

DIE FURCHE: Wie sehr haben deutsche und österreichische Unternehmen die Philosophie von Work-Life-Balance schon verinnerlicht?
Brigitte Pajonk: Dieser Gedanke fasst erst langsam Fuß in den Firmen. Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Sehnsucht nach Work-Life-Balance aber schon sehr viel länger verbreitet. Dass sich das so zögerlich durchsetzt, hat einen ganz einfachen Grund: In unseren Unternehmen wird Leistung noch immer vor allem über die Anwesenheit im Unternehmen definiert. Das ist eine heimliche Spielregel, die nur sehr schwer aus den Köpfen zu bekommen ist. In den USA ist schon von der "Hetzkrankheit" die Rede: Man weiß nicht, was man eigentlich erledigen soll, ist aber unglaublich unter Stress - und macht schlussendlich viele Fehler und manche Arbeiten doppelt. Wenn man hingegen effizienter arbeiten würde, könnte man oft schon um 17 Uhr nach Hause gehen.

DIE FURCHE: Wie sehr haben deutsche und österreichische Unternehmen die Philosophie von Work-Life-Balance schon verinnerlicht?
Brigitte Pajonk: Dieser Gedanke fasst erst langsam Fuß in den Firmen. Unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Sehnsucht nach Work-Life-Balance aber schon sehr viel länger verbreitet. Dass sich das so zögerlich durchsetzt, hat einen ganz einfachen Grund: In unseren Unternehmen wird Leistung noch immer vor allem über die Anwesenheit im Unternehmen definiert. Das ist eine heimliche Spielregel, die nur sehr schwer aus den Köpfen zu bekommen ist. In den USA ist schon von der "Hetzkrankheit" die Rede: Man weiß nicht, was man eigentlich erledigen soll, ist aber unglaublich unter Stress - und macht schlussendlich viele Fehler und manche Arbeiten doppelt. Wenn man hingegen effizienter arbeiten würde, könnte man oft schon um 17 Uhr nach Hause gehen.

In unseren Unternehmen wird Leistung noch immer vor allem über die Anwesenheit im Unternehmen definiert. Das ist eine heimliche Spielregel.

DIE FURCHE: Arlie Russell-Hochschild kommt aber zum Schluss, dass viele Mitarbeiter sich gar nicht gegen diese Ausdehnung der Arbeitszeit wehren würden, weil sie die Firma als eigentliches Zuhause empfinden. Was ist Ihre Erfahrung?
Pajonk:
In unseren Seminaren machen wir eine Übung, wo es darum geht, die vier Bereiche der Work-Life-Balance - Arbeit und Leistung, Körper und Gesundheit, Familie und Beziehungen sowie Sinn und Werte - nach ihrer Wichtigkeit ordnen zu lassen. Dann geht es darum, wie viel Zeit man diesen Bereichen widmet. Das ist oft ein heilsamer Schock. In der Regel kommen die Beziehungen bei der Wichtigkeit an erster Stelle - aber die Zeit wird mit der Arbeit verbracht. Diese Diskrepanz ist aber sozial anerkannt. Für viele ist außerdem ihre Arbeit gleichbedeutend mit Sinn und Selbstverwirklichung. Wir bekommen aber unsere Leistungsfähigkeit nicht aus der Arbeit - das führt zum Burnout - sondern wir brauchen etwas anderes, um aufzutanken.

Tatsache ist, dass Firmen durch mehr Work-Life-Balance nichts verlieren, sondern es zu einer Win-Win-Situation kommt.

DIE FURCHE: Für viele ist das die Familie. Zerstört aber nicht gerade der Trend zur Telearbeit diese Balance zwischen Familie und Arbeit?
Pajonk: Hier spielt Selbstmanagement eine sehr große Rolle. Wenn ich geistig nicht wirklich da bin, spüren das die Kinder und quengeln. Wenn ich mich ihnen aber eine halbe Stunde lang widme, dann sind sie zufrieden.

DIE FURCHE: Worin sollte Ihrer Meinung nach der erste Schritt für mehr Work-Life-Balance bestehen?
Pajonk:
Es geht vor allem darum, den privaten Terminen eine ebenso hohe Priorität einzuräumen wie den beruflichen. Meist fallen die ja als erste um. Erst vor kurzem hat mir jemand erzählt, dass er in einer Besprechung, die länger gedauert hat als erwartet, aufgestanden ist und gesagt hat, er hätte einen privaten Termin mit seiner Frau. Das sah auch sein Chef! Es gehört also schon Mut dazu. Aber das hat Vorbildwirkung bekommen. Tatsache ist, dass Firmen durch mehr Work-Life-Balance nichts verlieren, sondern es zu einer Win-Win-Situation kommt: Die Mitarbeiter sind zufriedener. Und die Firmen bekommen leistungsfähigere Mitarbeiter.