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Gesellschaft

Wütend auf das ganze Leben

1945 1960 1980 2000 2020
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Der US-Psychiater und Psychotherapeut Peter Langman versucht, ein tiefer gehendes Psychogramm von zehn jugendlichen Schul-Amokläufern zu zeichnen. Sein Anliegen: Wie können solche Taten verhindert werden?

Zunächst schoss er scharf mit Worten: „Ich möchte mir einen Schulanfänger schnappen und ihn einfach in Stücke reißen wie ein Wolf, ihm zeigen, wer Gott ist“, schrieb Eric Harris in sein Tagebuch, angereichert mit sadistischen Fantasien. „Ich möchte mit meinen eigenen Zähnen einen Kehlkopf aus dem Hals reißen, plopp, wie bei einer Bierbüchse.“

Es blieb nicht bei den grausamen Worten. Am 20. April 1999 überfiel der damals 18-jährige Harris zusammen mit Dylan Klebold, 17, seine Schule in Littleton, Colorado, und erschoss 12 Schüler und einen Lehrer, 23 weitere Schüler wurden verletzt. Die jugendlichen Täter begingen Selbstmord. Die Gewalttat an der Columbine High School reihte sich in die Serie von jugendlichen Schul-Attentaten ein, die nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland oder Finnland auftraten. Im März des Jahres erschoss etwa der 17-jährige Tim K. in Winnenden, nahe Stuttgart, zunächst Mitschüler und Lehrer, danach weitere Personen auf seinem Fluchtweg und zuletzt sich selbst. Die Bilanz: 15 Tote.

„Es gibt Vorzeichen“

All diese Fälle, die in gewissen Abständen die Öffentlichkeit entsetzen, führen immer wieder zu denselben Fragen: Was war schuld? Waren es die Gewaltspiele, die Täter konsumierten, oder der Hang zu Waffen; waren die Täter Außenseiter und Gemobbte? Kurz: Warum kam es zu dem Amoklauf und gab es denn Vorzeichen?

Die gab es, so die klare Antwort des amerikanischen Psychiaters und Psychotherapeuten Peter Langman, der in seinem jüngsten Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“ (so der Titel der deutschen Übersetzung) ein Psychogramm von zehn jugendlichen Schul-Attentätern vorlegt – messerscharf und sachlich nüchtern. Die Analyse sticht bemerkenswert positiv hervor in der Flut an Erklärungsversuchen, die jedem Fall eines Schul-Amoklaufs folgen. Und auch Langman gesteht ein, dass die Ursachen und Handlungsabläufe komplex seien und doch letztlich manches rätselhaft bliebe. Doch Langman wirft Licht auf Hintergründe, die bisher in den medialen Rekonstruierungen kaum berücksichtigt wurden: Die psychischen Erkrankungen der jugendlichen Täter. Langman teilt die zehn ausgewählten Täter, die innerhalb von zehn Jahren an verschiedenen Schulen der USA als Amokläufer zuschlugen (zwischen 1997 und 2007), in drei große Gruppen: Zwei Täter waren nach Langmans Diagnose psychopathisch, fünf psychotisch und drei traumatisiert. Die psychopathischen Täter, darunter der Columbine-Schütze Eric Harris oder Andrew Golden, der Attentäter in Jonesboro, Arkansas 1998, einte, dass sie weder Moral noch Empathie kannten, sadistisch veranlagt waren und narzisstische Züge aufwiesen. Langman resümiert: „Drew Golden und Eric Harris kamen aus stabilen Familien, es gab keine Misshandlungen, keinen Alkoholmissbrauch der Eltern oder andere ernste Probleme. Es ist erstaunlich, dass die beiden Jungen, deren Familien wahrscheinlich harmonischer waren als die aller anderen jugendlichen Amokläufer, zugleich die beiden psychopathischsten waren.“ Warum die beiden psychopathisch wurden, bleibt also rätselhaft.

Die zweite Tätergruppe war laut Autor psychotisch, die Jugendlichen verloren also den Bezug zur Wirklichkeit. Die beiden häufigsten Psychosen sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Betroffene waren etwa der zweite Columbine-Attentäter, Dylan Klebold, oder Seung Hui Cho, der 2007 an der „Virginia Tech“ in Blacksburg, Virginia, insgesamt 34 Menschen ermordete. Der 23-Jährige, der aus Südkorea stammte, litt unter „einer schweren sozialen Behinderung“. „Unter den psychotischen Schul-Amokläufern begegnen wir unterschiedlichen paranoiden Wahnvorstellungen, Größenwahn, auditiven Halluzinationen (Stimmen) sowie schweren sozialen Behinderungen. Die Kombination dieser Faktoren führte zu einer tiefen Entfremdung und Verzweiflung“, schreibt der Autor.

Die letzte Tätergruppe sind traumatisierte junge Männer, die in ihrem Heranwachsen Misshandlung, den Verlust der Eltern sowie sexuellen Missbrauch erleiden mussten. Darunter fiel etwa der 16-jährige Jeffrey Weise, der 2005 in Red Lake, Minnesota, Amok lief und insgesamt neun Menschen, darunter fünf Schüler, tötete. Langman machte deutlich, wie wütend diese Täter waren: „Wütend auf das Leben. Wütend darauf, dass sie in der Hölle lebten. Trotzdem waren sie nicht verrückt oder böse, sondern nur tief verwundet.“ Langman fasst Merkmale zusammen, die alle Täter gemeinsam hatten: Da ist einmal ein Mangel an Empathie, eine enorme Wut, Selbstmordabsichten und eine existenzielle Angst, eine extreme Überreaktion auf normale Erfahrungen innerhalb Gleichaltriger, dazu Neid und das Gefühl, als Mann zu scheitern; zuletzt durchlebten die Täter Fantasien, in denen Morde durchgespielt wurden.

Warum fast nur junge Männer?

Der Fachmann bleibt nicht bei der Analyse stehen, sondern gibt Ratschläge, wie Eltern, Mitschüler, Lehrer und das Umfeld für Warnzeichen sensibilisiert werden könnten. Denn er macht deutlich: Der Plan des Attentats würde lange in den Köpfen der Täter reifen.

Er warnt etwa vor einem Zuviel an technischen Sicherheitsmaßnahmen, besser sollten mehr Psychologen an Schulen tätig sein.

In Deutschland hat man ebenso auf die jüngsten Amokläufe wie in Winnenden reagiert. Eine Berliner Forschergruppe an der Freien Universität Berlin arbeitet an einem Frühwarnsystem (Network against School Shooting), um Warnzeichen besser zu erkennen und reagieren zu können.

Noch ein Faktum soll hellhörig machen, mahnt der deutsche Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld in seinem Vorwort zum Buch: So gut wie alle Amokläufer waren männlich. Junge Männer würden „erheblich größere Schwierigkeiten im Umgang mit Frustrationen, Zurücksetzungen, Demoralisierungen und Demütigungen haben als junge Frauen“, so Hurrelmann. Es müssten daher „spezielle vorbeugende Strategien entwickelt werden, die in eine umfassende pädagogische Jungen- und Männerförderung eingebunden sind“.

Amok im Kopf.

Warum Schüler töten

Von Peter Langman Übs. v. Andreas Nohl Beltz 2009 334 S., geb., e 20,60

Der US-Psychiater und Psychotherapeut Peter Langman versucht, ein tiefer gehendes Psychogramm von zehn jugendlichen Schul-Amokläufern zu zeichnen. Sein Anliegen: Wie können solche Taten verhindert werden?

Zunächst schoss er scharf mit Worten: „Ich möchte mir einen Schulanfänger schnappen und ihn einfach in Stücke reißen wie ein Wolf, ihm zeigen, wer Gott ist“, schrieb Eric Harris in sein Tagebuch, angereichert mit sadistischen Fantasien. „Ich möchte mit meinen eigenen Zähnen einen Kehlkopf aus dem Hals reißen, plopp, wie bei einer Bierbüchse.“

Es blieb nicht bei den grausamen Worten. Am 20. April 1999 überfiel der damals 18-jährige Harris zusammen mit Dylan Klebold, 17, seine Schule in Littleton, Colorado, und erschoss 12 Schüler und einen Lehrer, 23 weitere Schüler wurden verletzt. Die jugendlichen Täter begingen Selbstmord. Die Gewalttat an der Columbine High School reihte sich in die Serie von jugendlichen Schul-Attentaten ein, die nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland oder Finnland auftraten. Im März des Jahres erschoss etwa der 17-jährige Tim K. in Winnenden, nahe Stuttgart, zunächst Mitschüler und Lehrer, danach weitere Personen auf seinem Fluchtweg und zuletzt sich selbst. Die Bilanz: 15 Tote.

„Es gibt Vorzeichen“

All diese Fälle, die in gewissen Abständen die Öffentlichkeit entsetzen, führen immer wieder zu denselben Fragen: Was war schuld? Waren es die Gewaltspiele, die Täter konsumierten, oder der Hang zu Waffen; waren die Täter Außenseiter und Gemobbte? Kurz: Warum kam es zu dem Amoklauf und gab es denn Vorzeichen?

Die gab es, so die klare Antwort des amerikanischen Psychiaters und Psychotherapeuten Peter Langman, der in seinem jüngsten Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“ (so der Titel der deutschen Übersetzung) ein Psychogramm von zehn jugendlichen Schul-Attentätern vorlegt – messerscharf und sachlich nüchtern. Die Analyse sticht bemerkenswert positiv hervor in der Flut an Erklärungsversuchen, die jedem Fall eines Schul-Amoklaufs folgen. Und auch Langman gesteht ein, dass die Ursachen und Handlungsabläufe komplex seien und doch letztlich manches rätselhaft bliebe. Doch Langman wirft Licht auf Hintergründe, die bisher in den medialen Rekonstruierungen kaum berücksichtigt wurden: Die psychischen Erkrankungen der jugendlichen Täter. Langman teilt die zehn ausgewählten Täter, die innerhalb von zehn Jahren an verschiedenen Schulen der USA als Amokläufer zuschlugen (zwischen 1997 und 2007), in drei große Gruppen: Zwei Täter waren nach Langmans Diagnose psychopathisch, fünf psychotisch und drei traumatisiert. Die psychopathischen Täter, darunter der Columbine-Schütze Eric Harris oder Andrew Golden, der Attentäter in Jonesboro, Arkansas 1998, einte, dass sie weder Moral noch Empathie kannten, sadistisch veranlagt waren und narzisstische Züge aufwiesen. Langman resümiert: „Drew Golden und Eric Harris kamen aus stabilen Familien, es gab keine Misshandlungen, keinen Alkoholmissbrauch der Eltern oder andere ernste Probleme. Es ist erstaunlich, dass die beiden Jungen, deren Familien wahrscheinlich harmonischer waren als die aller anderen jugendlichen Amokläufer, zugleich die beiden psychopathischsten waren.“ Warum die beiden psychopathisch wurden, bleibt also rätselhaft.

Die zweite Tätergruppe war laut Autor psychotisch, die Jugendlichen verloren also den Bezug zur Wirklichkeit. Die beiden häufigsten Psychosen sind Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Betroffene waren etwa der zweite Columbine-Attentäter, Dylan Klebold, oder Seung Hui Cho, der 2007 an der „Virginia Tech“ in Blacksburg, Virginia, insgesamt 34 Menschen ermordete. Der 23-Jährige, der aus Südkorea stammte, litt unter „einer schweren sozialen Behinderung“. „Unter den psychotischen Schul-Amokläufern begegnen wir unterschiedlichen paranoiden Wahnvorstellungen, Größenwahn, auditiven Halluzinationen (Stimmen) sowie schweren sozialen Behinderungen. Die Kombination dieser Faktoren führte zu einer tiefen Entfremdung und Verzweiflung“, schreibt der Autor.

Die letzte Tätergruppe sind traumatisierte junge Männer, die in ihrem Heranwachsen Misshandlung, den Verlust der Eltern sowie sexuellen Missbrauch erleiden mussten. Darunter fiel etwa der 16-jährige Jeffrey Weise, der 2005 in Red Lake, Minnesota, Amok lief und insgesamt neun Menschen, darunter fünf Schüler, tötete. Langman machte deutlich, wie wütend diese Täter waren: „Wütend auf das Leben. Wütend darauf, dass sie in der Hölle lebten. Trotzdem waren sie nicht verrückt oder böse, sondern nur tief verwundet.“ Langman fasst Merkmale zusammen, die alle Täter gemeinsam hatten: Da ist einmal ein Mangel an Empathie, eine enorme Wut, Selbstmordabsichten und eine existenzielle Angst, eine extreme Überreaktion auf normale Erfahrungen innerhalb Gleichaltriger, dazu Neid und das Gefühl, als Mann zu scheitern; zuletzt durchlebten die Täter Fantasien, in denen Morde durchgespielt wurden.

Warum fast nur junge Männer?

Der Fachmann bleibt nicht bei der Analyse stehen, sondern gibt Ratschläge, wie Eltern, Mitschüler, Lehrer und das Umfeld für Warnzeichen sensibilisiert werden könnten. Denn er macht deutlich: Der Plan des Attentats würde lange in den Köpfen der Täter reifen.

Er warnt etwa vor einem Zuviel an technischen Sicherheitsmaßnahmen, besser sollten mehr Psychologen an Schulen tätig sein.

In Deutschland hat man ebenso auf die jüngsten Amokläufe wie in Winnenden reagiert. Eine Berliner Forschergruppe an der Freien Universität Berlin arbeitet an einem Frühwarnsystem (Network against School Shooting), um Warnzeichen besser zu erkennen und reagieren zu können.

Noch ein Faktum soll hellhörig machen, mahnt der deutsche Jugendforscher Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld in seinem Vorwort zum Buch: So gut wie alle Amokläufer waren männlich. Junge Männer würden „erheblich größere Schwierigkeiten im Umgang mit Frustrationen, Zurücksetzungen, Demoralisierungen und Demütigungen haben als junge Frauen“, so Hurrelmann. Es müssten daher „spezielle vorbeugende Strategien entwickelt werden, die in eine umfassende pädagogische Jungen- und Männerförderung eingebunden sind“.

Amok im Kopf.

Warum Schüler töten

Von Peter Langman Übs. v. Andreas Nohl Beltz 2009 334 S., geb., e 20,60