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Zucchinipest und "ungustige" Großkapitalisten

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Das Thema Arbeit beschäftigt alle Parteien: Spurensuche an einigen Schauplätzen des Nationalratswahlkampfes 1999.

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Das Thema Arbeit beschäftigt alle Parteien: Spurensuche an einigen Schauplätzen des Nationalratswahlkampfes 1999.

Volksfeststimmung am Hof in Wien: Die SPÖ lädt zur Solidaritätskundgebung für die "Aktion Fairness". Daß es dabei nicht nur um die Gleichstellung der Rechte von Arbeitern und Angestellten geht, zeigt die Anwesenheit der Parteiprominenz. Es ist Wahlkampf, das ist spürbar. Der Ton der Redner ist schärfer als sonst, kaum einer geht auf das Thema der Veranstaltung ein. Kurz vor der Nationalratswahl ist - ganz offenkundig - Einigkeit und Stärke zu zeigen.

Ein Raunen geht durch die Menge. Der Bundeskanzler - Gewinnerpose, ÖGB-Button und Journalistenrudel - eilt winkend an seinen Platz. Das Publikum erhebt sich klatschend. Ein Mann schmettert Klima ein "Vickerl, ziag dei West'n aus!" ins Gesicht, um ihm zum Ablegen des Kanzlersakkos zu bringen. Der Kanzler tut es.

Die Inszenierung ist perfekt.Wiens Bürgermeister Michael Häupl donnert los: "Ich verstehe, daß blaue Rabauken nicht über unsere Erfolge reden wollen." Und die gebe es ja reichlich: "Wir schaffen Arbeit," sagt Häupl unter dünnem Applaus. "Wir sichern Arbeitsplätze" und überhaupt: Wer FPÖ wähle, "wählt das Experiment Arbeitsplatzvernichtung". Daß seine "speziellen Freunde" nun Thomas Prinzhorn, den "ungustigen Großkapitalisten, der schon 1.500 österreichische Arbeiter außeghaut hat", zum Spitzenkandidaten nominiert haben, zeige, wen die FPÖ nicht vertritt. Den kleinen Mann eben, um dessen Stimme alle kämpfen. Diesen mit Konzepten zu belasten, wie eine "aktive Arbeitsmarktpolitik", die "ordentliche Wirtschaftspolitik" und "mehr Wettbewerb auf Basis der Strategie für Österreich" genau aussehen könnten, ist nicht vorgesehen.

Für mehr als Schlagwörter ist keine Zeit. Auch der Koalitionspartner ist in Eile. "Seit zwei Wochen bin ich nur durch Aspirin C auf den Beinen", erzählt Wolfgang Eckel, ÖVP-Spitzenkandidat für Wien nördlich der Donau, während der Wahlbus durch die flache Gemüsefeldlandschaft fährt. Mehr Kontakt zum Bürger, heißt die Strategie. Dafür fährt der Neo-Kandidat von einem Erntedankfest zum nächsten - am Ende des Tages werden es sieben Veranstaltungen sein, bei denen Eckel Hände geschüttelt, Visitkarten verteilt und mit den Gärtnern über die Zucchinipest gesprochen hat. Ganz nebenbei erläutert er die Positionen der Volkspartei: "Wir müssen den Topf der Arbeit größer machen. Der einzelne muß sich auf die Hinterbeine stellen und wieder bereit sein, etwas zu tun". Eckel will Arbeitslose vom ersten Tag an in Schulungen schicken, um fehlendes Wissen nachzuholen. Den fülligen Ortspfarrer läßt der Politiker nicht im unklaren darüber, daß das Liberale Forum das Konkordat zu kündigen drohe.

"Pflicht zur Arbeit" Und das Modell der Grundsicherung hält er für "kontraproduktiv", da jeder Mensch das Recht, aber auch die Pflicht zur Arbeit habe. "Gewisse Kreise" würden eine Grundsicherung ausnützen, ist Eckel überzeugt. In seinem Rundumschlag bleibt auch die "Aktion Fairness" nicht unerwähnt: "Da haben sich die sozialistischen Gewerkschafter mit Händen und Füßen gewehrt, das hat der ÖAAB schon vor 20 Jahren gefordert." Jetzt sei es hingegen bloß ein Wahlgag der SPÖ.

Im "Arbeiterbezirk" Simmering wahlwerben an diesem Tag die Blauen. "Der Herr da drüben möchte ein Autogramm", zeigt eine Mitarbeiterin Peter Westenthaler, den Generalsekretär der FPÖ, auf einen älteren Mann. Westenthaler fühlt sich sichtlich wohl. Wahrscheinlich nicht nur, weil er hier aufgewachsen ist. In manchen Wahlkreisen der ehemals roten Hochburg Simmering liegen die Freiheitlichen heute gleichauf mit der "unfähigen SPÖ" (Zitat). Als man früher herkam, sei man beschimpft worden - "heute ist das ganz anders", meint eine Wahlhelferin, während sie Kochlöffel, Bärlis, Computerspiele, Feuerzeuge und Kulis verteilt. Westenthaler: "Wenn's nach der Stimmung geht, müßten wir schon längst die Mehrheit haben."

Stimmung herrscht auch im Beisl nebenan, nachdem Westenthaler, kaum eingetreten, schon die erste Runde ausgibt. "Am Freitag haben sie mi' außegschmissen", erzählt eine blonde Frau von ihren Sorgen. Nervös fährt sie sich durchs Haar: "I war Bürohilfskraft, die ganz normalen Sach'n hab' ich eben g'macht". Peter Westenthaler ("Einer, der zuhören kann") nickt verständnisvoll. Und beeilt sich zu erklären, warum freiheitliche Konzepte gerade ihren Arbeitsplatz erhalten hätten: "Die Firma kann sich Sie einfach nicht mehr leisten. Wir müssen die Firmen entlasten, damit sie sich's auch leisten können, Leute anzustellen".

So fordert die FPÖ vor allem eine Privatisierung der staatsnahen Unternehmen, Steuerfreiheit für nicht entnommene Gewinne - und den Stopp der "Überfremdung".

Wen das alles kalt läßt, bekommt die Wunderwaffe, einen Kinderscheck auf Hochglanzpapier (Passant: "Is' der echt?") in die Hand gedrückt, denn Westenthaler "ist ja in der Politik, damit's die Kinder einmal besser haben".

"Is' der echt?"

Schauplatzwechsel - Praterstern: "I bin a Fan vom Lugner", bekennt ein untersetzter Mann, während er eine etwas streng riechende Ratte zärtlich abbusselt. Das ungewöhnliche Haustier findet kaum Beachtung. Denn Christina Lugners "mein Mann, Technischer Rat, Baumeister, Ingenieur" Richard stürzt zu den Klängen von "Star Wars" auf die Bühne. Auch einen Besen hat er mitgebracht. Zum Aufräumen, betont er. "Der große rot-schwarze Sumpf muß trockengelegt werden." Er, als Wiener Baumeister, sehe es als seine Pflicht, "diesem Proporz entgegenzutreten." Am Ende der Rede wird der DU-Chef ungehalten. "Und als Österreicher bin ich zuerst amal für Österreich da, und nicht für Kosovo, Ungarn oder Tschechien!!!"

Lugner trifft die richtigen Töne, die Passanten applaudieren heftig. Neben der Rednerbühne schildert ein Mann sein ganz persönliches Rezept für den Arbeitsmarkt: "I tät die ganzen Ausländer weg, weil dann kriag ma die Oarbeitsplätz". Christina Lugner gibt ihm recht: "Sowieso!" Weitere Hindernisse "für einen Kurswechsel in der Politik" sieht die Baumeistergattin in den Sozialversicherungsträgern. Dort ortet sie, wie an vielen anderen Orten auch, rot-schwarze Privilegienritter, die es zu bekämpfen gilt. "Wir sind für freien Wettbewerb in der Sozialversicherung. Dann werden die Bonzen aus den Glaspalästen ausziehen! Außerdem gehört der ÖGB privatisiert."

Weniger krachledern geben sich die Grünen: Sie laden zum Fest ins Chilenenviertel "Makondo", um unter dem riesenhaften Konterfei von Alexander van der Bellen den chilenischen Nationalfeiertag zu feiern. Daß man trotz grünen Luftballons und Zeltstadt allzu bieder wirkt, verhindert südamerikanisches Flair - und Peter Pilz. Der fordert in einer Unterbrechung des Showblocks, daß "Massenmörder und Kriegsverbrecher" nicht mehr sicher vor Verfolgung sein dürfen. Arbeitslosigkeit ist für den Grünen Spitzenpolitiker vor allem ein "Verteilungsproblem", lösen will er es durch Arbeitszeitverkürzung und die Etablierung der "Sabbaticals". (Fünf Jahre lang um 80 Prozent des Gehalts arbeiten, dafür das fünfte Jahr Urlaub). Für Technologie und Forschung sei "nichts passiert, das wurde alles bürokratisch erstickt".

Nicht weit entfernt vom Grünen Solidaritätsfest haben auch die Liberalen ihr Lager aufgeschlagen. Ganz so ausgelassen wird allerdings nicht gefeiert, trotz liberaler Spitzenbesetzung. Ein Bierzelt mit liberalen Plakaten - ein seltenes Bild, das die wenigen Besucher da zu sehen bekommen. Wiens LIF-Chefin Gabi Hecht findet es "witzig, wenn die Regierung Forderungen aufstellt". "Die sollen umsetzen, nicht fordern", moniert die Politikerin. Zum Beispiel bei der Jungunternehmerförderung. Die Gewerbeordnung muß endlich reformiert werden: "Das schafft Arbeitsplätze". Und überhaupt habe man mit der Grundsicherung ein Konzept, das Menschen unabhängig von Erwerbsarbeit finanziell absichere.

Plötzlich klingelt ihr Mobiltelefon: "Du mußt bis Zinnergasse fahren und dann zurückschieben.", erklärt Hecht der Nummer Zwei der Liberalen. Christian Köck kennt sich noch nicht so gut aus, im Arbeiterbezirk.

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