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Algeriens Militärs streuten die islamistische Saat selber aus

Soviel Gewinn hat mir schon lange keine politische Lektüre bereitet wie von „Hinter den Schleiern von Algier", das Buch von Samuel Schirmbeck über seine Jahre als Korrespondent in Algerien. Hier finde ich einen Kollegen bei der Arbeit, der nicht, wie soviele, das Land, in dem er arbeitet, bloß als Station seiner Laufbahn betrachtet. Er ist ein ungewöhnlich intelligenter Beobachter.

Jahrelang hatte er die politische Entwicklung Nordafrikas verfolgt, als er sich auf Algerien konzentrierte. Die ersten freien Kommunalwahlen sollten auch Algerien endlich Demokratie bringen. Aus diesen Wahlen ging jedoch der FIS, die Islamische Heilsfront, wenn auch bei sehr niedriger Wahlbeteiligung, mit 54 Prozent als Sieger hervor. Darauf folgten die Jahre des wachsenden Terrors mit weit über 50.000 Toten bis zum spektakulären Durchbruch des demokratischen Prinzips in der algerischen Bevölkerung. Über 75 Prozent der Wähler gaben allen Morddrohungen der islamistischen Terroristen zum Trotz ihre Stimme ab.

Schirmbeck führt den Leser Schritt für Schritt durch die Entwicklung, die sich in diesen Jahren des Grauens in den Herzen und Hirnen der Algerier abspielte. Einerseits war die algerische die in vielem wohl offenste aller islamischen Gesellschaften zwischen Bangladesh und Marokko. Andererseits würgte unmittelbar nach dem Erkämpfen der Unabhängigkeit ein repressives, arabo-nationalistisches Militärregime alle demokratischen Bestrebungen ab. Als Schirmbeck im März 1991 eintraf, um das Regionalbüro der ARD einzurichten, waren alle Gegensätze voll ausgebrochen. Die einstigen, im Ausland sitzenden Führer des Freiheitskampfes und ihre Kamarillas hatten mit der Macht auch die Reichtümer des Landes an

sich gerissen, doch nun spielte die Bevölkerung nicht mehr mit.

Das Regime bestand ursprünglich aus den Befehlshabern der „Armee der Grenzen", den algerischen Einheiten, die während des Unabhängigkeitskrieges in Tunesien und Marokko aufgebaut worden waren. Sie neutralisierten innerhalb weniger Monate die demokratischen Politiker ebenso wie die im Land gebliebenen Führer des Kampfes um die Unabhängigkeit. Um auch der islamischen Opposition das Wasser abzugraben, holten sie islamistische Arabischlehrer aus Ägypten und ließen Moscheen bauen. Damit gelang es ihnen vor allem, das Niveau der Schulen einschneidend zu senken. Abgänger der voll arabisier-ten Schulen hatten nur noch halb so gute Chancen auf Jobs wie die der noch vorwiegend auf französisch geführten.

Ab Anfang der neunziger Jahre wendete sich die verfehlte Politik gegen die Führungsschicht. 1988 schlachtete die Armee bei einer spontanen Demonstration zehn-tausender Bewohner der von extremer Arbeitslosigkeit betroffenen, übervölkerten Wohnviertel 500 Menschen ab. Damit war sie zu weit gegangen. Um Dampf abzulassen, gestattete die Armeeführung schließlich Parteien und Wahlen.

Schirmbeck macht die Reaktionen der Algerier einsichtig und beschreibt gleichzeitig seinen eigenen Lernprozeß. Die Menschen aller Schichten, mit denen er spricht und die auch bereit sind, ihre Meinung in die Kamera zu sagen, haben meist alles Vertrauen in die Führung verloren. Die einen sehen niemanden, den sie wählen könnten. Andere wählen den FIS nicht aus islamistischer Überzeugung, sondern sind das, was man hierzulande Protestwähler nennt. Die neu entstandenen, betont demokratischen

Parteien waren ihnen zu abgehoben vom täglichen Leben. Sie reden, meinen sie, abstrakt von Demokratie und nicht von den konkreten Problemen der Menschen.

Schirmbeck arbeitet sich über Interviews und Kontakte mit Menschen aller Schichten und Richtungen langsam in die Hintergründe der algerischen Verhältnisse ein. Er scheut weder vor Interviews mit soeben angeschossenen Islamisten noch mit verwundeten Polizisten zurück, gibt ihre Meinungen wieder, gewinnt Hochachtung und Vertrauen aller Seiten und damit ungewöhnlich viel Bewegungsfreiheit zwischen den Fronten. Frau und Sohn muß er allerdings nach Deutschland schicken, die Extremisten des GIA schrecken vor Morden an ausländischen Frauen und Kindern nicht mehr zurück.

Den Abbruch der Wahlen durch die Militärregierung sieht er vorerst kritisch, wenn er auch zugesteht, daß ein Teil der FIS-Führer sie als Mittel betrachtet, unblutig die ganze Macht an sich zu reißen. Demokratie lehnen sie als „dem Islam fremd" ab. Während der Konferenz von Rom, bei der Vertreter des FIS und der Oppositionsparteien über die Beendigung des Terrors verhandeln, begreift Schirmbeck, daß die Islamisten gar nicht daran denken, das Versprechen von Demokratie unter ihrer Herrschaft auch wirklich einzulösen. Also haben doch die „Ausmerzer" („eradi-cateurs") recht, jene unter den Militärs, die voll auf die gewaltsame Lösung des Islamistenproblems setzen?

Radikale Militärs und Korruptioni-sten wurden stets gleichgesetzt. Als die Wahlen ausgesetzt wurden, trat der amtierende Präsident Chedli zurück. Mohammed Boudiaf, der als Demokrat und moralisch integer bekannte Organisator des Aufstandes der Algerier gegen Frankreich, wurde aus seinem 30 Jahre währenden Asyl in Marokko geholt. Den Versuch, sich an den Korruptionisten zu vergreifen, überlebte er nicht. Nun aber muß Schirmbeck mit Staunen beobachten, wie offenbar auch innerhalb der militärischen Führung des Landes jener

Denkprozeß beginnt, den er täglich in der Kasbah wie in den Redaktionen der Zeitungen, bei den Frauen und bei seinen islamistischen Freunden, feststellen kann.

Der letzte Anstoß zur echten Demokratisierung kommt von General Lamine Zeroual aus den Reihen der Armeeführung. Als einer der Ihren zum provisorischen Staatsführer auserkoren, setzt er freie Wahlen durch, von denen nur die radikalen Islamisten ausgeschlossen bleiben. Denn einseiseits lehnen diese die Demokratie prinzipiell ab, andererseits drohen sie jedem Moslem, der sich nicht den Gesetzen der Scharia unterwirft, mit dem Tode. Zugelassen wird dagegen die Hamas, eine gemäßigte islamistische Partei.

Die Stärke des Buches liegt in der Fähigkeit Schirmbecks, das Konkrete mit dem Allgemeinen zu verbinden. Jede noch so unbedeutende Begegnung, jede Aussage fügt sich präzise in den allgemeinen Rahmen - stets auf jenem Niveau des Verständnisses der Gesamtsituation, welches der Autor zu diesem Zeitpunkt erreicht hat. So

erlebt der Leser nicht nur die Dynamik der Ereignisse mit, sondern auch die Entwicklung des Beobachters. Er gewinnt dadurch ein Verständnis der Vorgänge, das weit über das hinausgeht, was einerseits die aktuellen Berichte und andererseits die wissenschaftlichen Arbeiten der Politologen vermitteln.

Letztere beschränken sich nur zu gerne darauf, Dokumente in Bibliotheken und andere veröffentlichte Informationen | neu. zu, interpretieren und beschränken den Aufwand für Untersuchungen vor Ort gerne, wenn möglich, auf ein Minimum. Dadurch ergeben sich immer wieder Fehlinterpretationen, die, zum Glück für die Wissenschaftler, erst nach unerwarteten Umstürzen offenbar werden. So geschehen beispielsweise beim Zusammenbruch der Sowjetunion.

Schirmbecks Buch könnte ihnen wertvolle Informationen liefern.

HINTER DEN SCHLEIERN VON ALGIER

Vort Samuel Schirmbeck

Hoffmann und Campe', Hamburg 1996.

431 Seiten, Ln,öS 330,-

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